Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Ich wollte etwas sagen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
— Seit ich die Tabletten weggeschmissen habe, weißt du, kann ich mich plötzlich wieder an Dinge aus meiner Kindheit erinnern, die ich schon vor langer Zeit vergessen habe. Aber vielleicht ist das auch nur eine Folge des Alters. Ach, ich bin wirklich nicht mehr die Jüngste. Weißt du, das letzte Mal, dass mir jemand auf der Straße nachgeschaut hat, das war vor fünfzehn Jahren, kannst du dir das vorstellen? Ich erinnere mich jetzt wieder an alles, komisch. Aber ich rede nur von mir! Erzähl mir von dir. Was machst du so?
— Mama, ich …
— Du bist ja wirklich heiser, mein Gott. Hast du dich verkühlt? Warte, ich hol dir was gegen Halsweh. Hast du Schmerzen?
— Nein.
— Aber die wirst du noch bekommen. Bei dir hat es schon immer länger gedauert. Früher hab ich immer an deinem Mundgeruch gewusst, dass du eine Halsentzündung hast, lange bevor es dir wehgetan hat. Und jeden Oktober hattest du diesen Husten, danach konnte man die Uhr stellen. Diesen trockenen Keuchhusten, der einfach nicht besser werden wollte. Das war wie verhext. Der ganze Oktober gehörte dem Husten und basta.
— Ich –
— Du siehst schlecht aus. Hast du abgenommen?
Dass sie so vereinnahmend war wie immer, wirkte aus irgendeinem Grund sehr beruhigend. Ich wollte mich am liebsten einrollen auf der breiten Couch, in dem bekannten Zimmer, das sich mit dem schicksalsschweren Geruch von Tee füllte.
— Tee ist das Beste, sagte meine Mutter. Findest du nicht auch? Danach geht’s einem immer besser. Aber weißt du was, ich erinnere mich nicht mehr, wann du deinen ersten Rausch hattest.
— Ach, Mama …
— Doch, doch. Glaubst du, ich merke nicht, dass du getrunken hast?
— Nur ein bisschen.
— Ein bisschen zu viel. Na, ist ja egal, du bist schließlich erwachsen. Klüger macht’s einen halt nicht. Also, jetzt erzähl, was machst du so? Du lässt dich ja nicht viel blicken. Ich bin meist den ganzen Tag allein, und wenn ich die Katzen nicht hätte, dann würde ich wahrscheinlich die ganze Zeit spazieren gehen oder im Park herumsitzen. Als junger Mensch kann man das nicht verstehen, aber es sind die einzigen Dinge, die man sonst tun kann, wenn man alt ist. Alte Menschen tun das nicht, weil sie dumm sind oder langsam, sondern weil es sonst kein Betätigungsfeld — ja, das ist der richtige Ausdruck: Betätigungsfeld —, weil es für sie sonst nichts mehr gibt. Aber das wirst du schon noch merken.
— Sicher, ja, warum nicht, sagte ich.
— Hm? Was hast du gesagt?
— Ja, du hast Recht.
— Nein, sagte sie mit etwas sanfterer Stimme, nein, wenn du einmal alt bist, dann haben die bestimmt schon was erfunden gegen diese Langeweile, vielleicht sogar gegen das Alter selber. Stell dir das einmal vor: Alle sterben jung! Ich werde das nicht mehr erleben, aber du vielleicht …
— Kann ich mich vielleicht ein bisschen hinlegen?
Ihr Gesicht hellte sich auf.
— Natürlich, sagte sie mit leiser, konzentrierter Stimme, die ich schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gehört hatte. Leg dich hin.
Alles wurde wie Watte. Ihre Hand führte meinen Kopf, der schwer auf die Couch sank. Der vertraute Geruch nach Feuchtigkeitscreme.
— Leg dich nur hin. Ausruhen ist immer das Beste. So wie Tee. Schlaf dich aus. Angenehme Träume.
Meine Augen schlossen sich automatisch, wie bei einer Glaspuppe, die man auf den Rücken legt. Meine Mutter nestelte an meinen Füßen herum, da ich sie auf den Schlafplatz einer der Katzen gelegt hatte. Meine Mutter hatte in ihrem Leben viele Katzen gehabt. Im Augenblick besaß sie zwei klein geratene kuhgefleckte Weibchen, ein dreibeiniges, agiles Männchen und einen fünfzehnjährigen Kater, der auf seine alten Tage aufging wie Germteig. Er schleppte seinen schweren, aufgedunsenen Körper mit sich herum, tatzte nach irgendwelchen Dingen, die gerade noch in Reichweite lagen, und freute sich, wenn man ihn am Kinn kraulte. Sein Blick war manchmal sehr klar und ruhig und er schnurrte freundlich, dann wieder erkannte er niemanden und fauchte, wenn man ihm zu nahe kam. Während sie Medikamente nahm, hatte sie keine Katzen halten können, aber die Schlafplätze waren geblieben, auf Möbeln und in Zimmerecken. Sie waren die Fixpunkte, die allen Iterationsschritten des Schicksals trotzten.
Ich schlief ein und träumte von einer Welt, in der es nur große, einfache Dinge gab: Seen, Bäume, Riesenräder, Berge. Kleine, komplizierte Dinge wie Bücher, Radiowecker oder Armbanduhren waren verboten.
Als ich erwachte, war die Wohnung still. Meine Mutter kam zu mir ins Zimmer, angelockt durch das Geräusch meiner blinzelnden Augen, und fragte mich, ob es mir schon besser ginge. Sie hatte noch Tee aufgestellt.
— Diesmal einen richtigen. Einen mit Salbei und Honig. Das wirkt.
— Ich muss dann aber gehen, sagte ich verschlafen und setzte mich auf.
Wohin wollte ich überhaupt? Draußen war alles kaputt und zerstört. Schutt überschwemmte die Straßen. Banden zogen umher, schlugen Schaufenster ein und stahlen den nackten monochromen Mannequins die abnehmbaren Gliedmaßen.
— Warte, sagte meine Mutter und verschwand im Nebenzimmer.
Ich stand auf, etwas wackelig noch. Ich fand allein zur Tür und zog meine Schuhe an. Schleifen in Schuhbänder, was für ein idiotischer Einfall.
— Danke für den Tee, sagte ich laut.
Meine Mutter war noch im Nebenzimmer, ich hörte ihre Stimme. Dann erschien ihr Kopf in der Tür und ich sah, dass sie telefonierte.
— Mmh, ja … sicher … aha …
Ausgerechnet jetzt, das machte sie absichtlich. Ich versuchte zu winken, mich lautlos zu verabschieden, aber sie sah mich nicht an, sie drehte sich weg und ging zurück ins Zimmer. Mit den Schuhen konnte ich ihr nicht folgen, also blieb ich stehen. Drei Minuten. Vier Minuten. Dann kam sie endlich mit dem Schnurlostelefon in der Hand und legte es zurück auf seinen Schlafplatz.
— Du gehst wirklich schon?
— Ja.
— Warte, nur einen Augenblick.
Ich machte eine hilflose, leere Rudergeste mit beiden Armen. Die Klotür. Leise fluchend streifte ich die Schuhe ab.
Eine Weile zögerte ich. Das Schnurlostelefon lag friedlich in seiner Aufladestation und blinkte. Ohne zu überlegen, drückte ich die Wahlwiederholung. Ich stellte mich schon darauf ein, mich zu entschuldigen, verwählt, Verzeihung, da hörte ich sie, die wunderbare Stimme. Sie hatte den herrlichsten aller S-Fehler, sie lispelte, was bestimmt davon kam, dass das Tonband so oft abgespielt worden war.
— Es wird mit dem Summerton achtzehn Uhr fünfzehn Minuten und dreißig Sekunden.
Mit dem Hörer an der Wange ging ich wie verzaubert in die Küche und schaute aus dem Fenster. Auch meine Mutter also. Es war, als ob diese unschuldige Frauenstimme die Stimme der Welt wäre, die einfach immer weiterzählte, egal, was passierte. Es wird mit dem Summerton.
Das Fenster in der Küche schaute auf einen kleinen Parkplatz. Helle Reflexionen balancierten wie Plasmaspinnweben über Rückspiegel und Motorhauben. Ein unhörbarer Wind bewegte eine einzelne, aufragende Antenne. Und mitten auf dem Parkplatz, in der sinkenden Sonne, sprang ein Hund nach seinem Schweif. Ein seltsames Tier. Um den Hals trug es etwas wie ein zerfetztes, steifes Halstuch. Der Hund sprang, drehte sich in der Luft, landete; aus einem bestimmten Winkel sah es fast so aus, als vollführte er Freudensprünge, halbe Rückwärtssaltos — er schien zu wissen, dass es sein eigener, ewig unerreichbarer Schweif war, den er da jagte, aber das hielt ihn nicht davon ab: Er drehte sich einmal flink um sich selbst, ein wild gewordener Kreisel, sprang dann in die Luft, seine Schnauze schnappte ins Leere, und als er wieder auf dem Boden landete, duckte er sich für einen Augenblick, als müsste er nach der entwischten Beute Ausschau halten, sich sammeln, Witterung aufnehmen.