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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Die Geschichte vom bucklichten Männlein. Eine junge Frau wohnt mit ihrem Kind in einer kleinen Hütte am Rand des Dorfes. Im Dorf munkelt man, dass sie eine Prostituierte ist. Das bucklichte Männlein kommt zu ihr in die Hütte und setzt sich an den Frühstückstisch. Die junge Frau bemerkt es gar nicht, sondern füttert weiter ihr zappeliges Kind mit einem Löffeclass="underline" So, schau, jetzt kommt das Flugzeug: Drrrr. Das bucklichte Männlein tut es dem Kind gleich und öffnet den Mund, versucht ein paar glucksende Laute, aber es nützt nichts. Anschließend geht die Frau zum Spinnrad und beginnt sich rhythmisch mit dem Gerät hin und her zu wiegen. Das bucklichte Männlein stellt sich vor ihr auf, springt hin und her, zupft sie am Rocksaum, aber es kann ihre Aufmerksamkeit nicht erregen. Am Nachmittag schleppt die junge Frau leere Milchkanister zu ihrem Nachbarn. Das bucklichte Männlein, schon etwas nervös, trippelt hinterher, klopft erwartungsvoll gegen die Kanister, springt sogar in einen hinein, aber wieder keine Reaktion. Es wird Abend, die junge Frau bringt ihre Tochter zu Bett und zieht sich zum Schlafengehen um. Sie streift ihre Kleider vor den dunklen Fenstern ab, betrachtet lange einen kleinen Kratzer auf ihrer Schulter, streicht ein paar Mal gedankenverloren über ihre Brüste, wiegt sie, ebenso gedankenverloren, und befindet sie für zu schwer. Das bucklichte Männlein hält es nicht länger aus, es springt auf die junge Frau, hängt sich an eine Brust, fährt mit seinen kleinen Krallen durch ihr Haar und schafft es, dass die junge Frau das Gleichgewicht verliert. Sie fällt rücklings auf ihr Bett, das Männlein kugelt auf den Boden. Die junge Frau packt das bucklichte Männlein und zerrt es zu dem Ofen, der noch knistert. Laut weint das Männlein und bittet um Vergebung, es hätte ja nur eine Nachricht für sie, ein Gedicht, ein großes, erhabenes Geheimnis, eine Schatzkarte! Aber zu spät, die Frau stopft es durch die enge Ofentür, das bucklichte Männlein fällt zwischen die glühenden Kohlen, und schon wird die Tür verriegelt. Im Zimmer wird es sehr warm.

— Ist dir kalt? Soll ich die Heizung einschalten?

— Nein. Wie geht die Geschichte aus?

— Keine Ahnung, welche Geschichte?

— Alex?

— Was?

— Magst du jetzt den Film sehen, den ich gemacht habe?

— Nein, ich finde eigentlich, du solltest jetzt lieber nach Hause gehen. Deine Mutter macht sich sicher schon Sorgen.

— Ich hab den Film in der Nacht aufgenommen. Vielleicht muss man ihn im Dunkeln sehen.

— He, hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?

— Aber meine Mutter ist gar nicht da, sagte er und stand verärgert von seinem Sessel auf. Können wir jetzt den Film schauen?

— Sie ist nicht da? Wo ist sie denn?

Gerald setzte sich wieder hin. Er sah mich nicht an, er wirkte beleidigt.

— Ist deine Mutter in der Arbeit?

— Weiß nicht, sagt er. Keine Ahnung. Keine Ahnung.

Messerschmidt sieht

Zuerst war da nur ein verwackeltes Kamerabild, Bewegungen von Personen oder leblosen Gegenständen, aufgesplittert in lauter kleine Quadrate, nichts sagende Verteilungen von Licht und Schatten, hauptsächlich schwarz. Aber dann hellte sich plötzlich alles auf, wurde klar und frühlingshaft, obwohl es ja schon Herbst war und die Blätter — ja, wie ging das noch gleich?

Fallen. Die Blätter fallen.

Nachdem sie sich aus dem schwarzen Schneegestöber der Pixelquadrate herausgelöst hatte, torkelte seine Tochter, von einem schweren Schlag auf den Kopf getroffen, gegen ein Verkehrsschild, das aus Butter war und ihrem Gewicht ohne weiteres nachgab. Dann schleppte sie sich taumelnd einige Meter weit und brach zusammen. Und die Hündin rannte davon, Hals über Kopf, Schwanz über Kopf, und ihre panische Angst presste sie im Laufen so zusammen, als näherte sie sich der Lichtgeschwindigkeit.

Der einzige Zeuge. Seine Finger tauchten am linken unteren Rand der Aufnahme auf, zitternde, verrotzte Bubenfinger, von sehr heller Haut.

Dann sah er wieder seine Tochter, diesmal ruhiger. Sie lag in einer Wiege, die inmitten von sausendem Gras in einem Hinterhof stand. Aber es war gar keine Wiege, sondern ein Klavier, ein aufgeklappter Flügel. Sie lag auf den stählernen Saiten, die mit roher Gewalt freigelegt worden waren, wie die Sehnen in der Hand des Toten in Rembrandts Anatomiestunde.

Zwar war sie längst erwachsen, trotzdem schien sie hilflos, so wie sie es schon als Kind gewesen war. Er musste ihr beim Anziehen helfen und fragte sie, während ihr wuscheliger Frauenkopf durch den viel zu kleinen Ausschnitt des Hemdes schlüpfte, ob sie auch sagen könne, wo sie wohnte, welche Hausnummer, welcher Stock? Da sie es nicht sagen konnte und ihn nur mit dem universellen Tochterblick ansah, wiederholte er ihr die alte Adresse, dreimal. Es tat ihm gut.

Kronenweg neun. Kronenweg neun. Kronenweg neun, dritter Stock.

Natürlich, das war der Hinterhof. Er gehörte zu dem alten Haus, in dem er geboren worden war. Das Haus mit dem grauen Pferdebild.

Valerie blödelte herum, zog sich selbst an den erwachsenen Haarzöpfen, streckte ihm die Zunge heraus. Zweifellos, sie war immer noch ein Kind. Diese Erkenntnis beruhigte ihn ungemein und ließ sein Herz zu einer rosafarbenen Lentikularwolke anschwellen. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass dieser ganze Prozess von Erwachsenwerden und Abschiednehmen nur scheinbar stattgefunden hatte. Eine Illusion. Hier hatte er nun den Beweis.

Er stöhnte auf, tief bewegt.

Selbst als er schon längst erwacht war und die an Zellengitter erinnernden Schattenspiele der Rouleaus über sich wandern ließ, zitterte die kleine vertrocknete Glasmurmel in seiner Brust von einem überwältigenden, lang anhaltenden Glücksgefühl.

Er pinkelte, heiter und erleichtert, in seinen Schlafanzug. Es wurde warm, und die Wärme trug auf geheimnisvolle Weise den Namen seiner Tochter, der mit all seinen goldenen und blitzenden Silben durch seinen Kopf geisterte.

Die japanische Pflegerin, die sich vormittags und oft auch den ganzen Tag um ihn kümmerte, schimpfte gutmütig mit ihm, als sie die Sauerei entdeckte, und legte ihn trocken.

Dann sah er sie wieder, in der neuen Wohnung, in der sie damals den Hund mitgenommen hatte, seit er –

Sie saß in ihrem Sessel. Das Problem war, dass er sich geirrt hatte. Nicht sie saß auf dem Sessel, der Sessel saß auf ihr. Valerie und der Sessel waren eins. Messerschmidt war sich nicht sicher, ob sie aus diesem Zustand wieder herausfinden würde. Er hoffte es jedenfalls. Nein, er hoffte es nicht. Doch.

Verschwinde, hörte er sich denken. Bleib, wo du bist.

Bitte.

Sie ging unsicher und still durch ihr Zimmer, verfing sich in allen möglichen Dingen, in der kleinen grünen Bibliothekslampe, in dem Stapel Bücher, die niemand mehr zu Ende lesen würde, in einem zwanzig Jahre alten, völlig zerfledderten Stoff-Octopus, in seinen pelzigen Tentakeln, einfach in allem.

Ihre Finger hatten die Fähigkeit eingebüßt, locker und unabhängig über die Gegenstände ihres Lebens hinzugleiten. Dann kam der schmerzlichste Moment, der kommen musste und auch ihm nicht erspart geblieben war. Sie streckte eine Hand nach einem alten Zugticket aus, das seit einem halben Jahr sinnlos auf dem Schreibtisch gelegen hatte. Ihre Hand griff mittendurch und löste sich auf. Valerie schaute ungläubig auf die leere Stelle, die einmal ihre rechte Hand gewesen war. Es war immer dasselbe mit Gegenständen, die nichts bedeuteten. Sie konnten nichts tragen, nichts in sich bewahren. Wofür sie überhaupt existierten, wusste niemand. Sie waren nutzlos und feindlich. Der einsame Polizist. Der Bleistift in der Hand von Herrn Zmal. Valerie würde schon noch lernen, diese Dinge zu umgehen.

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