Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Ich war vor meiner Wohnungstür angekommen und hatte die ganze Zeit über geredet. Der heiße Ballon in meiner Brust war abgeschwollen, und ich konnte wieder normal atmen.
Vor der Tür stand Gerald mit einem Jojo in der Hand. Ich nahm das Headset von meinem Ohr und steckte es ein. Mein Mund fühlte sich trocken an, als ich ihn begrüßte:
— Hallo, sagte ich.
— Hallo.
— Ich bin Alex. Wir kennen uns schon, glaube ich. Die verschwundene Post. Kannst du Jojo spielen? Ich hab so ein ähnliches …
Er wich mir nicht aus, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte. Ich versuchte aufzusperren, aber es ging nicht, etwas blockierte.
— Alex?
— Ja?
— Die Tür war offen, ich schwör’s, sagte Gerald.
— Was? Warum?
— Ich hab nur mal versucht …
— Scheiße, jetzt ist es endlich kaputt. Dieser verdammte Steiner.
— Wer?
— Egal.
— Magst du was sehen? fragte er und hielt sein Telefon hoch.
— Okay.
Er tippte aufgeregt auf dem Gerät herum, dann hielt er es mir hin. Ich nahm es.
— Einfach auf den grünen Knopf drücken, sagte er und stand dabei auf den Zehen.
— Schon klar.
Ein Film lief an, ein verwackeltes Bild. Ich konnte kaum etwas erkennen.
— Ganz hübsch. Hast du das gemacht? fragte ich und gab es ihm zurück.
— Ja. Aber warte, du hast noch nicht alles gesehen …
— Ach, ein andermal.
Ich probierte weiter an dem Türschloss herum. Bis irgendetwas zerbrach und die Tür, von einer unsichtbaren Kraft gezogen, nach innen aufschwang. Ich ging in die Wohnung. Gerald trat bis an die Schwelle heran und blieb stehen.
— Kann ich dir irgendwie helfen? fragte ich.
— Nein.
Er blieb stehen.
— Magst du vielleicht reinkommen?
— Von da komm ich grade.
— Was?
— Ich schwöre, die Tür war –
— Ja, ja, ich weiß. Die Tür. Und diesem Trottel Steiner stopfe ich noch einmal seinen Pyjama ins Maul. Aber trotzdem, du kannst nicht einfach so in meine Wohnung gehen, ich meine –
— Alex!
— Was denn?
— Du schreist.
— Ich schreie?
— Ja.
Er hielt sich die Ohren mit beiden Händen zu.
— Okay. Tut mir leid.
— Ich hab dich gesucht.
— Was? Wieso?
— Kann ich jetzt reinkommen oder nicht?
Er ging an mir vorbei direkt in die Küche. Die Schuhe ließ er an.
Geschichten, die ich Gerald erzähle, um ihn zu verscheuchen
Eine Traumerzählung mit historischen Anspielungen. Ein Monument soll errichtet werden. Der Sockel steht schon bereit. Walter Zmal, ein berühmter Arzt, Pädagoge, Zyniker und homosexueller Naturphilosoph bekommt an dieser Stelle sein Denkmal. Statt einer Strafe wird ein Dreirad gebracht und umständlich auf dem Sockel festgeschraubt. Der Festredner taucht die Pedale an, anstatt eine Rede zu halten. Er klettert auf den kleinen Sattel und tritt mit kleinen, hellblauen Bewegungen in die Pedale. Die Pedale bedeuten einen drohenden Krieg. Er tritt und tritt und schließlich — hebt er ab. Der Zeppelin erhebt sich über die volle Arena, erstaunte Rufe, Mütter halten ihre Kinder wie Sonnenschilder in die Höhe. Der Zeppelin stößt mit seiner Fischnase an den Eiffelturm, der breitbeinig dasteht wie ein Cowboy. Die Außenhaut der riesigen Zigarre beginnt zu brennen, die Menschen auf den Straßen flüchten vor herunterfallenden Trümmern. Verwackelte Kamerabilder, eine mechanisch zappelnde G.I.-Joe-Actionfigur an einem winzigen, transparenten Fallschirm. Friedensappelle der Vereinten Nationen. Eine Sondereinsatztruppe mit Zylindern erscheint am Tatort. Sie legen mit Dominosteinen den Umriss der Leiche nach, sprechen laut und obszön in die Kamera, die nach kurzer Zeit ebenfalls die Flucht ergreift. Wieder wacklige Schultern, schneller Atem des Kameramanns, leere Straßen, ausgestorbene Stadt.
Eine Schulgeschichte, lächerlich und grotesk wie alle Schulgeschichten. Ein Lehrer verdient sehr schlecht in seinem Beruf, wie alle Lehrer. Und gerade ist seine Schwester von einem Mann schwanger geworden, der spurlos verschwunden ist. Braucht finanzielle Unterstützung. Er nimmt einen Nebenjob an: Er geht zu Strahlenexperimenten und stellt sich als Versuchskaninchen zur Verfügung. Lächerliche Szenen mit Slapstick-Laserkanone, die auf ihn gerichtet ist. Da er nur seine Schwester und ihr ungeborenes Kind im Sinn hat, schaden ihm die radioaktiven Strahlen nicht. Nebenbei unterrichtet er weiter. Erste Symptome zeigen sich bei den Schülern. Oh, mein Gott, mein Fingernagel ist weg! Haare fallen aus, die Haut wird fleckig und schwarz, Übelkeit, Schwindel, Wunden, die nicht aufhören wollen zu bluten etc. Der Lehrer ignoriert das und geht weiter zu den Strahlenexperimenten, gegen deren verheerende Wirkung er offenbar immun ist. Da stirbt eine Schülerin, und die Gesundheitsbehörde ordnet eine Untersuchung an. Die Schule wird geschlossen, eine Welle von Protestbriefen überschwemmt den Schulinspektor und das Unterrichtsministerium. Weitere Kinder sterben. Überall überforderte Ärzte. Der Lehrer wird zu einem Gespräch vorgeladen und erzählt nüchtern und klar von den Strahlenexperimenten. Währenddessen beginnt er sich aufzulösen. Seine Zunge stößt plötzlich durch die Haut seiner Wange, was keiner der Untersuchungsbeamten bemerkt. Er schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Als er an einer Bank vorbeikommt, hebt er etwas Geld ab für seine Schwester, der es schlechter und schlechter geht, wie sie ihm in ihren E-Mails aus Luzern mitteilt. Seit einigen Wochen wohnt sie nun schon dort, sehr weit weg, findet er, wirklich sehr weit weg von Zuhause.
— Und dann?
— Ach, keine Ahnung. Magst du noch ein Käsebrot?
— Nein, danke.
Er machte keinerlei Anstalten zu gehen.
Eine Geschichte über einen Mann, der eines Morgens erwacht und den ausgestreckten Zeigefinger seiner Frau in seinem linken Auge hat. Er fällt aus dem Bett. Die Frau schläft noch, aber ihr gestreckter Arm mit dem langen, dünnen Finger folgt ihm wie ein Magnet, während er durchs Zimmer geht. Er flüchtet aus dem Haus. Auf der Straße dasselbe rätselhafte Bild: Alle Menschen haben sich verwandelt — alle Zeigefinger sind auf ihn gerichtet, folgen ihm wie hypnotisierte Schlangen den Bewegungen der Flöte. Im Übrigen scheinen ihn die Menschen aber gar nicht zu bemerken. Sie erledigen ihre alltäglichen Dinge, soweit sie dazu einarmig in der Lage sind. Lächerlich, denkt der Mann. Warum tun sie das, sie machen es sich doch selbst schwer! Sieh nur diesen Radfahrer, er schlägt mit seiner Hand an jeder Laterne an, nur damit er auf mich zeigen kann! Der Mann kommt zur Arbeit, etwas zu früh, weil er ja überstürzt aus der Wohnung geflohen ist. Als er die Tür öffnet, hat er auch schon den Zeigefinger des Portiers mitten auf der Stirn. Seine Arbeitskollegen verrenken sich, als er eintritt: Alle Arme drehen sich wie Kompassnadeln zu ihm, die Sekretärin rammt mit ihrem Arm, der ausschlägt wie eine Wünschelrute, sogar den Wasserspender, der natürlich umkippt und alles überflutet. Ein etwas beleibterer Kollege bleibt mit seiner ausgestreckten Hand hilflos im Türrahmen stecken und kann nur mit Mühe wieder befreit werden. Der Mann kichert über das ganze Schauspiel. Schuldzuweisung, denkt er, ha, das haben sie jetzt davon. Und er nimmt ein kleines blaues Band von seinem Schreibtisch und bindet eine Schleife auf den Zeigefinger seines Sitznachbarn, der direkt auf sein Herz zeigt. Aber als er die letzte Schlaufe zuzieht, erwacht die Kompasshand aus ihrer Starre, packt ihn am Hals und erwürgt ihn.