Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Das böse Vorgefühl, das Rostow überschlichen hatte, bestätigte sich immer mehr und mehr, je weiter er in die Gegend um das Dorf Pratzen vordrang, die von wirren, aufgelösten Truppenteilen besetzt war.
»Was ist das? Was bedeutet das? Auf wen wird geschossen? Wer schießt da?« fragte Rostow die russischen und die österreichischen Soldaten, die in wirren Haufen quer über seinen Weg liefen.
»Der Teufel mag’s wissen! Alle geschlagen! Alles verloren!« antwortete man ihm auf russisch, auf deutsch und auf tschechisch aus der Schar der Fliehenden, die nicht mehr als er selber von alledem verstanden, was hier vorging.
»Haut sie tot, die Deutschen!« schrie einer.
»Der Teufel hole diese Verräter!«
»Zum Henker diese Russen …« brüllte ein Deutscher.
Auch Verwundete kamen den Weg entlang. Das Schreien, Schimpfen und Stöhnen verschmolz zu einem allgemeinen Getöse. Das Schießen verstummte, Russen und Österreicher hatten sich gegenseitig beschossen, wie Rostow später erfuhr.
Mein Gott, wie ist das nur möglich? dachte Rostow. Hier, wo sie jeden Augenblick der Kaiser sehen kann … Aber nein, das kann nicht sein, das sind nur ein paar feige Hunde. Das geht vorüber, das kann, kann nicht sein! dachte er. Nur schnell, schnell an ihnen vorbei.
Der Gedanke an eine Niederlage und Flucht wollte nicht in Rostows Kopf. Obgleich er die französischen Truppen und Geschütze bereits auf den Höhen von Pratzen erblickte, auf denselben Höhen, wo er den Oberkommandierenden suchen sollte, konnte und wollte er es nicht glauben.
18
Rostow war befohlen worden, Kutusow oder den Kaiser in der Nähe des Dorfes Pratzen zu suchen. Aber er fand hier nicht nur keinen von beiden, sondern überhaupt keinen Kommandeur, nur bunte Haufen aufgelöster Truppenteile. Er spornte sein schon müde werdendes Pferd an, um schneller an diesem Chaos vorbeizukommen, aber je weiter er vorwärts drang, desto wirrer wurden die Haufen. Auf der Landstraße, auf die er jetzt stieß, drängten sich Wagen und Fuhrwerke aller Art, russische und österreichische Soldaten aller Truppengattungen, Verwundete und Unverwundete. All das wogte und flutete wirr zurück unter dem unheimlichen Pfeifen heransausender Kanonenkugeln der französischen Batterien, die auf den Höhen von Pratzen standen.
»Wo ist der Kaiser? Wo ist Kutusow?« fragte Rostow alle, die er anhalten konnte, aber von keinem konnte er eine Antwort bekommen. Endlich packte er einen Soldaten am Kragen und zwang ihn so, Rede zu stehen.
»Ach, Bruder, die sind schon lange dort vorn, die haben sich zuerst aus dem Staube gemacht!« sagte der Soldat lachend zu Rostow und riß sich los.
Rostow ließ den Soldaten, der augenscheinlich betrunken war, laufen und hielt das Pferd eines anderen an, der Bursche oder Bereiter eines höheren Offiziers zu sein schien, und fragte ihn aus. Der Bursche versicherte Rostow, man habe den Kaiser vor etwa einer Stunde in einer Kutsche in schnellstem Tempo diese Landstraße hier zurückgefahren, er sei schwer verwundet.
»Das kann nicht sein«, erwiderte Rostow, »das ist sicherlich ein anderer gewesen.«
»Ich habe ihn selber gesehen«, sagte der Bursche selbstbewußt und spöttisch, »wäre auch Zeit für mich, den Kaiser zu kennen, sollte ich meinen, wo ich ihn so oft in Petersburg in nächster Nähe gesehen habe. Ganz blaß wie eine Leiche hat er in der Kutsche gesessen. Und wie die vier Rappen an uns vorbeisausten, das donnerte nur so! Ich werde doch wohl die kaiserlichen Pferde kennen, sollte ich meinen, und Ilja Iwanytsch! Und einen anderen als den Kaiser selber fährt der Kutscher Ilja überhaupt nicht!«
Rostow ließ das Pferd des Burschen los und wollte weiterreiten. Ein vorübergehender verwundeter Offizier wandte sich nach ihm um.
»Wen suchen Sie?« fragte der Offizier. »Den Oberkommandierenden? Der ist von einer Kugel getötet worden, mitten durch die Brust geschossen, angesichts unseres Regimentes.«
»Nicht getötet, nur verwundet«, verbesserte ein anderer Offizier.
»Wer denn? Kutusow?« fragte Rostow.
»Nein, Kutusow nicht, wie heißt er doch gleich … na, einerlei, am Leben sind nur wenige geblieben. Aber reiten Sie dorthin, in jenes Dorf, dort haben sich alle Kommandeure versammelt«, fügte der Offizier hinzu, zeigte auf das Dorf Hosteradek und ging vorüber.
Rostow ritt im Schritt weiter, ohne zu wissen, an wen er sich wenden sollte und wozu noch. Der Kaiser war verwundet, die Schlacht verloren. Ein Zweifel war jetzt nicht mehr möglich. Er ritt in der Richtung weiter, die man ihm angegeben hatte, wo er in der Ferne den Turm einer Kirche sah. Wohin sollte er jetzt noch eilen? Wozu sollte er nun noch mit dem Kaiser oder mit Kutusow sprechen, wenn sie auch wirklich noch am Leben und nicht verwundet waren?
»Reiten Sie jenen Weg dort, Euer Wohlgeboren, auf diesem hier werden Sie glatt totgeschossen«, rief ihm ein Soldat zu. »Ja, glatt totgeschossen.«
»Was sagst du da?« mischte sich ein anderer ein. »Wo reitet er denn hin? Hier ist es doch näher.«
Rostow schwankte einen Augenblick und ritt dann gerade in der Richtung weiter, wo man ihm gesagt hatte, daß er totgeschossen würde.
Jetzt ist mir alles gleich, dachte er, wenn sogar der Kaiser verwundet worden ist, warum soll ich mich da in acht nehmen? Er kam jetzt auf eine Stelle des Schlachtfeldes, wo die meisten der aus Pratzen Geflohenen umgekommen waren. Die Franzosen hatten diesen Platz noch nicht eingenommen, und diejenigen Russen, die am Leben geblieben oder nur verwundet gewesen waren, ihn schon lange geräumt. Die Toten und Verwundeten lagen zu Dutzenden auf der Erde. Die Verwundeten waren zu zweien und dreien zusammengekrochen, und man hörte ihr unheimliches und, wie es Rostow schien, manchmal übertriebenes Schreien und Stöhnen. Rostow setzte sein Pferd in Trab, um nicht alle diese leidenden Menschen sehen zu müssen, ihm war entsetzlich zumute. Er fürchtete nicht für sein Leben, aber für sein Herz, das den Anblick dieser Unglücklichen, das wußte er, nicht ertragen hätte.
Die Franzosen hatten aufgehört, dieses mit Verwundeten und Toten besäte Feld zu beschießen, da ja kein lebendes Wesen mehr dort war. Als sie aber den Adjutanten daherreiten sahen, richteten sie ihre Geschütze auf ihn und sandten ihm ein paar Kugeln hinüber. Diese fürchterlich pfeifenden Töne und der Eindruck der ihn umgebenden Toten flossen in Rostow zu einem Gefühl des Entsetzens und des Mitleids mit sich selber zusammen. Er dachte an den letzten Brief seiner Mutter. Was würde sie empfinden, dachte er, wenn sie mich hier sähe, auf diesem Feld, vor den auf mich gerichteten Geschützen!
Die russischen Truppen, die sich nach dem Dorf Hosteradek zurückgezogen hatten, befanden sich zwar auch in Verwirrung, waren aber doch in besserer Ordnung vom Schlachtfeld abgezogen. Bis hierher waren die französischen Kugeln noch nicht gekommen, und das Dröhnen der einschlagenden Geschosse erschien entfernt. Hier sahen alle bereits klar und sprachen es offen aus, daß die Schlacht verloren war. An wen sich Rostow auch wandte, keiner konnte ihm sagen, wo der Kaiser oder wo Kutusow war. Die einen sagten, das Gerücht von der Verwundung des Kaisers sei wahr, andere wieder behaupteten das Gegenteil und erklärten dieses falsch verbreitete Gerücht damit, daß tatsächlich der Oberhofmarschall Graf Tolstoi, der sich zusammen mit anderen Herren aus dem Gefolge des Kaisers nach dem Schlachtfeld begeben habe, bleich und erschrocken im Wagen des Kaisers zurückgejagt sei. Ein Offizier sagte Rostow, er habe links auf dem Felde jemanden vom Oberkommando gesehen, und Rostow ritt hin, zwar nicht mehr in der Hoffnung, dort irgend jemanden zu finden, sondern nur, um vor sich selber mit reinem Gewissen dazustehen.
Nachdem er etwa drei Werst weit geritten war und die letzten russischen Truppen hinter sich hatte, sah er an einem Obstgarten, der mit einem Graben umgeben war, zwei Reiter, die dem Graben gegenüber standen. Der eine mit der weißen Feder auf dem Hute kam Rostow irgendwie bekannt vor, der andere unbekannte Reiter, der einen prächtigen Fuchs ritt – Rostow schien es, als habe er das Pferd schon irgendwo gesehen –, sprengte bis an den Graben, gab seinem Pferd die Sporen, ließ die Zügel locker und setzte leicht hinüber. Nur etwas Erde wirbelten die Hinterhufe des edlen Tieres auf. Dann drehte er das Pferd um, sprang wieder über den Graben zurück, wandte sich ehrerbietig an den Reiter mit der weißen Feder und schlug ihm anscheinend vor, dasselbe zu tun. Der erste Reiter, dessen Gestalt Rostow bekannt schien, und der auch aus irgendeinem Grunde immer wieder unwillkürlich seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, machte eine verneinende Gebärde mit dem Kopf und mit der Hand, und an dieser Gebärde erkannte Rostow augenblicklich seinen betrauerten, vergötterten Kaiser.