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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Dolochow stand mitten im Gedränge, stieß zwei Soldaten mit dem Fuß beiseite und arbeitete sich bis zum Rande des Dammes durch.

»Weicht hierhin aus!« schrie er und sprang auf das Eis, das unter ihm krachte.

»Weicht hierhin aus!« schrie er den Geschützen zu. »Es trägt.«

Das Eis trug ihn, aber es knisterte und krachte, und es war klar, daß es nicht nur unter den Geschützen und der Menschenmasse, sondern schon unter ihm allein jeden Augenblick einbrechen mußte. Alle sahen auf ihn und drängten sich an das Ufer, aber keiner konnte sich entschließen, das Eis zu betreten. Der Regimentskommandeur, der zu Pferd am Eingang des Dammes hielt, erhob die Hand, machte den Mund auf und wollte Dolochow etwas zurufen. Plötzlich aber pfiff eine Kanonenkugel so dicht über die Menge, daß sich alle erschrocken niederduckten. Man hörte ein feuchtes Klatschen, und der General sank mit seinem Pferde in einer Blutlache zusammen. Niemand sah sich nach ihm um oder dachte daran, ihn aufzuheben.

»Vorwärts aufs Eis, aufs Eis! Marsch! Lenk um! Hörst du denn nicht? Vorwärts!« schrien plötzlich, nachdem die Kugel den General zerrissen hatte, zahllose Stimmen, ohne selber zu wissen, was und warum sie schrien.

Eines der letzten Geschütze, das auf den Damm heraufgefahren war, lenkte nach dem Eis um. Eine Schar Soldaten sprang auf den zugefrorenen Teich hinunter. Aber schon unter einem der ersten brach das Eis. Er sank mit dem einen Fuß ins Wasser, wollte sich wieder hochrichten, brach aber bis zum Gürtel ein. Die nachdrängenden Soldaten schraken zurück. Der Fahrer auf dem Geschütz hielt sein Pferd an, aber hinter ihnen hörte man immer heftiger schreien: »Vorwärts aufs Eis! Was steht ihr still? Vorwärts! Vorwärts!« Rufe des Entsetzens drangen aus der Menge. Die Soldaten, die das Geschütz umdrängten, hieben und schlugen auf die Pferde ein, damit sie auswichen und von der Stelle kamen. Die Pferde traten vom Ufer hinunter. Das Eis, das die Fußgänger gerade noch getragen hatte, brach in einer gewaltigen Scholle ein, und von den vierzig Mann, die darauf standen, stürzten die einen vor, die anderen zurück, zogen sich gegenseitig ins Wasser und ertranken.

Immer toller pfiffen die Kugeln in regelmäßigen Abständen herbei und klatschten auf das Eis und ins Wasser, am häufigsten aber in die Menschenmenge, die sich auf dem Damm, am Teich und am Ufer vorwärtsdrängte.

19

Auf der Höhe von Pratzen lag Fürst Andrej blutüberströmt an derselben Stelle, wo er mit der Fahne in der Hand gefallen war, und stieß halb bewußtlos ein leises, jämmerliches Stöhnen aus, das wie das Weinen eines kleinen Kindes klang.

Gegen Abend hörte er auf zu stöhnen und wurde ganz still. Er wußte nicht, wie lange er so bewußtlos gelegen hatte, aber plötzlich fühlte er sich ins Leben zurückgekehrt und empfand einen brennenden Schmerz, als wolle ihm der Kopf zerspringen.

Wo ist er, dieser hohe Himmel, den ich bisher noch nicht gekannt und erst heute gesehen habe? war sein erster Gedanke. Und auch den Schmerz kannte ich bis heute noch nicht, dachte er. Ja, nichts, nichts habe ich gekannt bis jetzt. Aber wo bin ich?

Er horchte auf und hörte das Gestampfe von Pferdehufen, das immer näher kam, und den Klang französisch sprechender Stimmen. Er schlug die Augen auf. Über sich sah er wieder den selben hohen Himmel, höher noch hatten sich die leise dahinschwimmenden Wolken erhoben, durch die man die blaue Unendlichkeit hindurchsah. Er wandte den Kopf nicht zur Seite und sah nicht jene, die, nach dem Lärm der Hufe und Stimmen zu urteilen, ganz nahe an ihn herangekommen sein und haltgemacht haben mußten.

Die herangekommenen Reiter waren Napoleon und zwei ihn begleitende Adjutanten. Bonaparte ritt das Schlachtfeld ab und erteilte die letzten Befehle zur Verstärkung der Batterien, die den Damm von Äugest beschossen, und besichtigte die Verwundeten und Gefallenen, die auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben waren.

»De beaux hommes!« sagte Napoleon und betrachtete einen gefallenen russischen Grenadier, der, das Gesicht in die Erde gewühlt, mit gebräuntem Nacken auf dem Bauch lag, den einen, schon erstarrten Arm weit von sich gestreckt.

»Les munitions des pièces de position sont épuisées, Sire«, meldete in diesem Augenblick ein Adjutant, der von den Batterien, die auf Äugest schossen, herübergeritten kam.

»Faites avancer celles de la réserve«, erwiderte Napoleon, ritt ein paar Schritte weiter und machte neben Fürst Andrej halt, der auf dem Rücken lag, neben sich die umgesunkene Fahnenstange – die Fahne selbst hatten die Franzosen als Trophäe mitgenommen.

»Voilà une belle mort«, sagte Napoleon und zeigte auf Bolkonskij.

Fürst Andrej verstand, daß man dies von ihm sagte und daß es Napoleon war, der sprach. Er hatte gehört, daß man den Sprecher mit Sire anredete. Aber diese Worte klangen in sein Ohr wie das Summen einer Fliege. Sie interessierten ihn nicht, er gab nicht auf sie acht und hatte gleich wieder alles vergessen. Ihm brannte der Kopf, er fühlte, daß sein Blut floß, und er sah nichts als den fernen, hohen, ewigen Himmel. Er wußte, daß dies Napoleon war, sein Held, aber in diesem Augenblick erschien ihm selbst Napoleon so klein, so unbedeutend im Vergleich zu dem, was sich jetzt zwischen seiner Seele und jenem hohen, unendlichen Himmel mit den still über ihn hingleitenden Wolken hin und her spann. Ihm war in diesem Augenblick alles vollkommen gleichgültig, wer auch neben ihm stehen, was man auch von ihm sagen mochte, er freute sich nur darüber, daß Menschen bei ihm haltmachten, und hatte nur den einen Wunsch, daß ihm diese Menschen helfen und ihn ins Leben zurückrufen möchten, das ihm jetzt so herrlich erschien, weil er es nun so ganz anders verstand.

Er raffte alle seine Kräfte zusammen, um sich zu rühren und einen Laut von sich zu geben. Matt zuckte er mit dem Fuße und stieß ein so schwaches, schmerzliches Stöhnen aus, daß er sich dabei selber leid tat.

»Ach, er lebt noch!« sagte Napoleon. »Nehmt diesen jungen Mann auf und tragt ihn an einen Verbandplatz!«

Nachdem er das gesagt hatte, ritt Napoleon weiter, dem Marschall Lannes entgegen, der mit dem Hut in der Hand auf den Kaiser zugeritten kam, um ihm zum Siege Glück zu wünschen.

An das, was weiter geschah, konnte sich Fürst Andrej später nicht mehr erinnern: er verlor infolge der furchtbaren Schmerzen, die ihm das Aufladen auf die Tragbahre, die Stöße während des Transportes und das Sondieren der Wunde auf dem Verbandplatz verursachten, das Bewußtsein. Erst gegen Abend schlug er die Augen wieder auf, als er zusammen mit anderen verwundeten und gefangenen russischen Offizieren ins Hospital geschafft wurde. Bei dieser Überführung fühlte er sich etwas besser und konnte sich schon ein wenig umschauen und sogar sprechen.

Das erste, was er vernahm, als er die Augen aufschlug, waren die Worte des französischen Begleitoffiziers, der hastig sagte: »Wir müssen hier haltmachen. Der Kaiser wird sogleich vorbeikommen. Es wird ihm Vergnügen machen, diese gefangenen Offiziere zu sehen.«

»Wir haben doch heute so viele Gefangene gemacht, beinahe die ganze russische Armee, daß ihm das möglicherweise schon langweilig sein wird«, erwiderte ein anderer Offizier.

»Na, einerlei! Dies soll der Kommandeur der Garde Kaiser Alexanders sein«, sagte wieder der erste und zeigte auf einen verwundeten russischen Offizier in der weißen Uniform der Gardekavalleristen.

Bolkonskij erkannte den Fürsten Repnin, den er in Petersburg oft auf Gesellschaften getroffen hatte. Neben ihm stand ein anderer verwundeter Offizier von der Gardekavallerie, ein junger Mann von neunzehn Jahren.

Bonaparte sprengte im Galopp herbei und hielt sein Pferd an.

»Welcher von ihnen ist der Rangälteste?« fragte er, als er die Gefangenen sah.

Man nannte ihm den Fürsten Repnin.

»Sie sind der Kommandeur des Gardekavallerieregimentes Kaiser Alexanders?« fragte Napoleon.

»Ich habe eine Eskadron kommandiert«, erwiderte Repnin.

»Ihr Regiment hat wacker seine Pflicht getan«, sagte Napoleon.

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