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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Der Pfleger, der sich unterwürfig an al-Juzjani wandte und es zweifellos gern gesehen hätte, wenn sie weitergegangen wären, sagte, daß das Kind nur Scherbetts aus gesüßten Säften erhalten habe. »Alles, was er schluckt, spuckt oder scheißt er wieder aus.« Al-Juzjani nickte. »Untersuch ihn, Jesse!«

Rob schlug die Decke zurück. Der Junge hatte eine Narbe unter dem Kinn, die aber vollkommen verheilt war und in keinem Zusammenhang mit seiner Krankheit stand. Er legte eine Handfläche auf die schmale Wange, und Biläl versuchte, sich zu bewegen, hatte aber nicht genug Kraft dazu. Rob streichelte seine Schulter. »Heiß.«

Er strich langsam mit den Fingerspitzen über den Körper des Jungen. Als er zum Bauch kam, schrie der Knabe auf. »Der Bauch ist links weich und rechts hart.«

»Allah hat versucht, die Körperseite, in der sich die Krankheit festgesetzt hat, zu schützen«, erklärte al-Juzjani.

Rob ging mit seinen Fingerspitzen so sanft wie möglich vor, um das Gebiet des Schmerzes vom Nabel ausgehend auf der rechten Bauchhälfte abzugrenzen. Der Junge tat ihm leid, weil er ihm jedesmal, wenn er auf den Bauch drückte, Qualen verursachte. Er drehte Biläl um, und sie sahen, daß der After rot und entzündet war.

Rob legte die Decke wieder an ihren Platz, ergriff die kleinen Hände und hörte wieder den alten, schwarzen Ritter lachen. »Wird er sterben, Herr?« fragte der Vater sachlich. »Ja«, antwortete Rob, und der Mann nickte.

Niemand lächelte über Robs Diagnose. Seit sie aus Schiras zurückgekehrt waren, hatten Mirdin und Karim entsprechende Geschichten erzählt, die sich herumgesprochen hatten. Rob bemerkte, daß jetzt niemand mehr höhnisch johlte, wenn er behauptete, daß jemand sterben würde.

»Aelius Cornelius Celsus hat die Seitenkrankheit in seinen Schriften beschrieben, man sollte das lesen«, sagte Hakim al-Juzjani und wandte sich dem nächsten Strohsack zu.

Als der letzte Patient versorgt war, ging Rob zum Haus der Weisheit und bat Jussuf-al-Gamal, herauszusuchen, was der Römer über die Seitenkrankheit geschrieben hat. Es faszinierte ihn, daß Celsus die Leichen der Toten geöffnet hatte, um sein Wissen zu vervollkommnen. Doch man wußte nicht viel über dieses besondere Leiden, das Celsus als eine Krankheit im Dickdarm in der Nähe des Blinddarms beschrieb, die von einer heftigen Entzündung und von Schmerzen auf der rechten Bauchseite begleitet wird.

Als Rob das Kapitel gelesen hatte, kehrte er zu Biläls Bett zurück. Der Vater war fort. Ein strenger mullah beugte sich wie ein großer Rabe über den Knaben und sprach Verse aus dem Qu'ran, während das Kind auf seine schwarze Kleidung starrte.

Rob schob den Strohsack so, daß der Kleine den mullah nicht mehr anblicken mußte. Auf einem niedrigen Tisch hatte der Pfleger drei Granatäpfel zurückgelassen, die bei der Abendmahlzeit gegessen werden sollten. Rob ergriff sie und schleuderte sie nacheinander in die Luft, bis sie von einer Hand über seinen Kopf zur anderen flogen, genau wie in alten Zeiten. Er war natürlich nicht mehr geübt, aber mit nur drei Gegenständen hatte er keine Schwierigkeiten, und so vollführte er mit den Früchten ein paar Tricks.

Die Augen des Knaben wurden so rund wie die fliegenden Granatäpfel.

»Jetzt brauchen wir nur noch eine Melodie!«

Er kannte kein persisches Lied, aber er wollte etwas Lebhaftes. Schließlich stimmte er heiser des Baders altes Liebeslied an:

»Deine Blicke liebkosten mich einst, Deine Arme umfangen mich jetzt, Drum schwöre keinen sinnlosen Eid, In mein Bett kommst du doch noch zuletzt.«

Das war bestimmt nicht das passende Lied für ein sterbendes Kind, doch der mullah, der ungläubig Robs Possen bestaunte, sorgte für Feierlichkeit und ein Gebet, während Rob etwas Lebensfreude beisteuerte. Die Worte verstanden die beiden ohnehin nicht, also war Robs Benehmen nicht unehrerbietig. Er sang Biläl mehrere Strophen vor und sah dann, wie sich der Körper des Kindes in einem letzten Krampf zu einem Bogen krümmte. Immer noch singend, fühlte Rob, wie der letzte Puls in Biläls Halsschlagader verebbte.

Er schloß ihm die Augen, wischte den Schleim von seiner Nase, streckte die Leiche und säuberte sie. Dann kämmte er Biläls Haar und band sein Kinn mit einem Tuch hoch.

Der mullah sang noch immer mit gekreuzten Beinen aus dem Qu'ran. Seine Augen funkelten; er war imstande, gleichzeitig zu beten und zu hassen. Zweifellos würde er sich darüber beschweren, daß der Dhimmi ein Sakrileg begangen hatte, aber in seinem Bericht würde nicht stehen, daß Biläl kurz vor seinem Tod noch gelächelt hat.

In vier von sieben Nächten holte ihn Wasif, und er blieb bis zu den frühen Morgenstunden im Turmharem. Sie erteilten einander Sprachunterricht. »Der Schwanz.«

Sie lachte. »Nein, dein Ungarn, und das ist meine yoni.« Sie behauptete, daß die beiden gut zueinander paßten.

»Ein Mann ist entweder ein Hase, ein Stier oder ein Pferd. Du bist ein Stier. Eine Frau ist entweder eine Hindin, eine Stute oder eine Elefantenkuh, und ich bin eine Hindin. Das ist gut. Einem Hasen würde es schwerfallen, einer Elefantenkuh Liebesfreude zu bereiten«, sagte sie ernst. Sie war die Lehrerin, er der Schüler, als wäre er wieder ein Junge und hätte nie geliebt. Sie tat Dinge, die er aus den Bildern in dem Buch kannte, das er auf dem maidan gekauft hatte, und etliches mehr, das im Buch nicht enthalten war. Sie zeigte ihm kshiraniraka, die Milch-und-Wasser-Umarmung. Die Stellung von Indras Frau. Die auparishtaka Mund-Begegnung.

Anfangs war er fasziniert und entzückt, als sie vom Karussell über das Klopfen an der Tür zum Beischlaf des Schmiedes gelangten. Er wurdt: ärgerlich, als sie versuchte, ihm die richtigen Laute beim Höhepunkt beizubringen: sut oderplat statt des Stöhnens.

»Entspannst du dich nie und fickst einfach drauflos? Es ist ja schlimmer, alsfiqh auswendig zu lernen.«

»Es ist vergnüglicher, wenn man es erlernt hat«, entgegnete sie beleidigt.

Der Vorwurf in ihrer Stimme beeindruckte ihn nicht. Außerdem zog er es vor, wenn Frauen ihre Körperhaare nicht entfernten.

»Genügt dir der alte Mann nicht?«

»Früher einmal war er mehr als genug. Seine Manneskraft war einmalig. Er liebte das Trinken und Frauen, und in der richtigen Stimmung machte er die Schlange, die weibliche Schlange.« In ihren Augen glänzten Tränen.

»Aber er hat seit zwei Jahren nicht mehr mit mir geschlafen. Als sie krank wurde, hat er damit aufgehört.«

Despina hatte ihr Leben lang Ibn Sina gehört. Sie war die Tochter von zwei seiner Sklaven, einer Inderin und einem Perser, der sein vertrauter Diener gewesen war. Ihre Mutter starb, als sie sechs Jahre alt war. Der alte Mann hatte sie beim Tod ihres Vaters geheiratet - da war sie zwölf gewesen - und sie nie freigelassen.

Rob berührte ihren Nasenring, das Symbol ihrer Sklaverei. »Und warum nicht?«

»Als sein Eigentum und als seine zweite Frau bin ich doppelt geschützt.«

»Was wäre, wenn er jetzt hier heraufkäme?« Er dachte an die einzige Treppe.

»Wasif steht unten, er würde ihn ablenken. Aber er sitzt an Rezas Lager und läßt ihre Hand nicht los.«

Rob blickte Despina an, nickte und empfand Schuld, die unbewußt in ihm gewachsen war. Er mochte das kleine, schöne Mädchen mit der olivfarbenen Haut, den winzigen Brüsten, dem runden Bäuchlein und dem heißen Mund. Er bedauerte sie, weil sie dieses Leben führte, eine Gefangene in einem luxuriösen Gefängnis. Er wußte, daß die islamische Tradition sie die meiste Zeit im Haus und in den Garten einsperrte, und er machte ihr keine Vorwürfe, aber er hatte den verbrauchten alten Mann mit dem glänzenden Verstand und der großen Nase ins Herz geschlossen.

Er stand auf und begann sich anzuziehen. »Ich werde dein Freund bleiben.«

Sie war nicht dumm. Sie beobachtete ihn interessiert. »Du bist fast jede Nacht hier gewesen und bist jetzt gesättigt. Wenn ich in zwei Wochen Wasif schicke, wirst du kommen?« Er küßte sie auf die Nase knapp über dem Ring.

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