Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Jeden Morgen, bevor er mit Rob zusammentraf, um Jura zu studieren, und dann mit Mirdin, um sich den Philosophen und ihren Lehren zu widmen, lief Karim im ersten grauen Tageslicht seine Runden. Einmal versuchte Rob, mit ihm zu laufen, aber er blieb bald weit hinter ihm zurück. Karim rannte, als versuche er, seinen Ängsten zu entkommen. Einige Male ritt Rob den braunen Wallach, um mit dem Läufer Schritt halten zu können. Doch beunruhigte diese tägliche Verausgabung Rob.
»Sie raubt Karim die Kraft«, beklagte er sich bei Mirdin. »Er sollte seine Energien auf das Studium konzentrieren.« Aber der kluge Mirdin zupfte an seiner Nase, strich über sein langes Pferdekinn und schüttelte den Kopf. »Nein, wenn er nicht laufen würde, wäre er nicht imstande, die schwere Zeit durchzustehen«, meinte er, und Rob gab klugerweise nach, denn er vertraute fest darauf, daß Mirdins gesunder Menschenverstand so groß war wie seine Gelehrsamkeit.
Eines Morgens wurde Rob zum Arzt aller Ärzte gerufen, und er ritt mit dem braunen Pferd über die Allee der tausend Gärten, bis er zu der staubigen Gasse kam, die zu Ibn Sinas schönem Haus führte. Der Torhüter nahm sein Pferd in Empfang, und als er zu der Steintüre kam, stand bereits Ibn Sina unter ihr, um ihn zu begrüßen. »Es geht um meine Frau. Ich wäre dankbar, wenn du sie untersuchen würdest.«
Rob verbeugte sich verwirrt; Ibn Sina fehlte es nicht an hervorragenden Kollegen, die es als Freude und Ehre empfunden hätten, seine Frau zu untersuchen. Er folgte Ibn Sina zu einer Tür, hinter der eine steinerne Treppe nach oben führte. Sie sah wie das Innere eines Schneckenhauses aus, und die beiden erstiegen den Nordturm des Hauses.
Die alte Frau lag auf einer Pritsche und starrte teilnahmslos und blicklos durch die zwei Männer hindurch. Ibn Sina kniete neben ihr nieder. »Reza.«
Ihre trockenen Lippen waren aufgesprungen. Er befeuchtete ein Tuch mit Rosenwasser und wischte ihr Mund und Gesicht zärtlich ab. Ibn Sina besaß lebenslange Erfahrung darin, wie man es einem Kranken behaglich machen kann, doch nicht einmal die saubere Umgebung, die frisch gewechselte Kleidung und die duftenden Rauchfahnen, die von Weihrauchtellern aufstiegen, konnten den üblen Geruch ihrer Krankheit überdecken.
Die Knochen schienen ihre durchscheinende Haut zu durchbohren. Ihr Gesicht war wächsern, ihr Haar spärlich und weiß. Ihr Mann war vielleicht der bedeutendste Arzt der Welt, aber sie war eine alte Frau im Endstadium einer Knochenkrankheit. Große bubos waren auf ihren mageren Armen und Unterschenkeln zu sehen. Ihre Gelenke und Füße waren infolge der angesammelten Flüssigkeit geschwollen. Ihre rechte Hüfte war weitgehend zerstört, und Rob wußte, daß er, wenn er ihr Nachtgewand hob, weitere fortgeschrittene Geschwüre finden würde, die sich über ihren Körper ausgebreitet hatten. Auch war dem Geruch nach sicher, daß sie auf ihre Eingeweide übergegriffen hatten. Ibn Sina hatte ihn kaum kommen lassen, damit er eine schreckliche, eindeutige Diagnose bestätigte. Rob wußte jetzt, was von ihm erwartet wurde. Er ergriff ihre zarten Hände und sprach leise auf sie ein. Er ließ sich mehr Zeit als notwendig und blickte in ihre Augen, die einen Moment klar waren.
»Da'ud?« flüsterte sie, und ihr Griff um seine Hände wurde stärker. Rob sah Ibn Sina fragend an. »So hieß ihr Bruder, der seit vielen Jahren tot ist.« Die Leere kehrte in ihre Augen zurück, ihre Finger erschlafften. Rob legte ihre Hände auf die Pritsche zurück, und sie verließen den Turm. »Wie lange noch?«
»Nicht mehr lange, Hakim-hashi. Es ist nur eine Frage von Tagen.« Rob war unbeholfen; der andere war um so vieles älter als er, daß er unmöglich die üblichen Beileidsbezeugungen äußern konnte. »Gibt e-, denn nichts, was man für sie tun kann?«
Ibn Sina verzog den Mund. »Ich kann ihr meine Liebe nur mit immer stärkeren Infusionen beweisen.« Er führte seinen Studenten zur Haustür und dankte ihm, dann kehrte er zu seiner kranken Frau zurück. »Herr«, sprach da jemand Rob an.
Als er sich umdrehte, sah er den riesigen Eunuchen, der zur Bewachung der zweiten Frau diente. »Wollt Ihr mir bitte folgen?« Sie gingen durch eine Tür in der Gartenmauer, deren Öffnung so klein war, daß sich beide bücken mußten, und kamen vor dem Südturm in einen anderen Garten. »Was gibt es?« fragte er den Sklaven kurz.
Der Eunuch antwortete nicht. Aber Robs Blick wurde von etwas angezogen, und er schaute dorthin, wo ein verschleiertes Gesicht durch ein kleines Fenster auf ihn herunterstarrte. Als ihre Blicke einander trafen, verschwand sie mit flatternden Schleiern, und das Fenster war leer.
Rob wandte sich an den Sklaven, und der Eunuch hob lächelnd die Schultern.
»Sie befahl mir, Euch hierher zu bringen. Sie wünschte Euch zu sehen, Herr.«
An diesem Abend studierte Rob gerade das Besitzrecht, als er das Klappern von Hufen hörte, die die Straße herunterkamen und vor seiner Tür hielten. Es klopfte.
Er griff nach seinem Schwert, da er an Diebe dachte. Für einen Besuch war es viel zu spät. »Wer ist draußen?«
»Wasif, Herr.«
Rob kannte keinen Wasif, aber er erkannte die Stimme. Er hielt die Waffe bereit, öffnete die Tür und sah, daß er recht gehabt hatte. Es war der Eunuch, der die Zügel eines Esels hielt. »Wurdest du vom hakim geschickt?«
»Nein, Herr. Ich wurde von ihr geschickt, die wünscht, daß Ihr kommt.« »Warte«, befahl Rob grob und schloß die Tür.
Er trat hinaus, nachdem er sich hastig gewaschen hatte, stieg ohne Sattel auf den braunen Wallach, ritt hinter dem riesigen Sklaven durch die dunklen Straßen und bog in die Gasse ein, deren tiefer Staub das Hufgeklapper dämpfte. Dann kamen sie auf ein Feld, das hinter der Mauer von Ibn Sinas Besitz endete. Der Eunuch öffnete das Tor zum Turm, verneigte sich und ließ Rob allein weitergehen. Als Rob das oberste Stockwerk erreicht hatte, befand er sich im geräumigen Harem.
Im Lampenlicht sah er, daß sie auf einem großen Lager mit Kissen wartete: eine Perserin, die sich für die Liebe geschmückt hatte. Hände, Füße und ihr Geschlechtsteil waren rot mit Henna geschminkt und glatt vor Öl. Ihre Brüste waren für Rob eine Enttäuschung, sie waren kaum gewölbter als die eines Jungen. Er hob ihren Schleier.
Sie hatte schwarzes Haar, das ebenfalls mit Öl getränkt und straff an ihrem runden Kopf zurückgekämmt war. Zu Robs Verwunderung war Ibn Sinas zweite Frau ein bezauberndes junges Mädchen mit zitterndem Mund, den sie jetzt nervös mit einer kurzen Bewegung ihrer rosa Zunge befeuchtete. Sie hatte ein herzförmiges, liebreizendes Gesicht mit spitzem Kinn und einer kurzen, geraden Nase. Im dünnwandigen rechten Nasenflügel hing ein kleiner Metallring, gerade groß genug für den kleinen Finger eines Mannes.
Er lebte schon zu lange in diesem Land: Ihre unverschleierten Gesichtszüge wirkten auf ihn erregender als ihr rasierter Körper. »Warum heißt du Despina die Häßliche?«
»Das hat Ibn Sina angeordnet. Um den bösen Blick abzuwehren«, erklärte sie, während er neben ihr auf das Lager sank.
Am nächsten Nachmittag im maristan folgte Rob al-Juzjani durch die Räume und blieb mit den anderen am Strohsack eines mageren, kleinen Jungen namens Biläl stehen. In der Nähe saß ein Bauer mit stumpfem, resigniertem Blick.
»Eine Krankheit des Leibes«, sagte al-Juzjani. »Ein Beispiel dafür, wie eine Kolik die Seele aussaugen kann.
Wie alt ist er?« Eingeschüchtert, aber geschmeichelt, weil er angesprochen wurde, senkte der Vater den Kopf.
»Er ist im neunten Lebensjahr, Herr.« »Und wie lange krank?«
»Zwei Wochen. Es ist die Seitenkrankheit. Sie hat schon zwei seiner Onkel und meinen Vater umgebracht.
Schreckliche Schmerzen. Sie kommen und gehen. Aber vor drei Tagen ist der Schmerz gekommen und nicht wieder vergangen.«