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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
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Versprochen?« Nell nickt erneut. Sie starrt sein fleckiges weißes Hemd an und begreift, dass es voller Blut ist. Sie wischt sich über den Mund; ihre Hand ist danach ebenfalls blutig.

«Nell — « Sie dreht sich um und fängt an zu rennen und merkt erst, als sie um die Ecke gebogen ist, dass sie Karl nicht gehorcht hat. Dort, quer über dem Gartenweg, liegt ihre Schwester. Bess’ Haar ist wild um sie gebreitet, und ihre Bluse ist voller Blut.

«Nell, es wird doch alles gut, bloß —« Nell schreit los. Karl steht hinter ihr. Sie stößt ihn weg und rennt den Gartenweg hinunter nach Hause. Diesmal fällt ihr das Rennen viel leichter, obwohl ihr die Luft immer noch im Hals stecken bleibt. Sie kann Karl nicht hinter sich hören, und als sie sich dem Haus nähert, weiß sie, dass sie in Sicherheit ist. Karl wird ihr nicht wehtun, Karl würde ihr nie wehtun. Die Einzige, der Karl wehtut, ist Bess, und Bess ist selber schuld, weil sie nicht auf Papa hört, und jetzt ist es zu spät, es ist alles zu spät, weil Nell sie dort liegen gelassen hat, blutend und hilflos, bei Karl, dem Mann, der ihr wehtut, dem Mann, dessen Hände voller Blut sind.

«Habe ich dir eigentlich erzählt, dass meine Schwester ermordet wurde?« Anna strich ihren bereits ordentlichen Rock glatt und seufzte.

«Ja, Mutter. «Ihr Ton sagte: Tausend Mal, Mutter.

MUSS ich es mir schon wieder anhören?

Nell umklammerte die Hände im Schoß und überlegte, ob sie fortfahren sollte. Anna würde es ihr nie glauben.

Obwohl sie schon fünfundfünfzig war, hatte Anna selten etwas Ernsthafteres im Kopf als Kleider und Make-up.

Und natürlich hatte sie ihre Tante Bess nicht gekannt.

«Ich habe den Mann gesehen, der sie getötet hat.« Plötzlich verkrampfte sich Anna, und ihr Blick heftete sich auf irgendetwas hinter Nells Schulter.

Nells Herz pochte heftig. Elizabeth, ihre Älteste, hätte zugehört. Aber Bess war seit sechs Jahren tot.»Ich glaube, das habe ich dir schon einmal erzählt«, sagte Nell.»Der Mann, der sie getötet hat — Karl hieß er —, hat auch ihren Verlobten Edmund getötet. Er wurde nie gefasst. Früher hatte ich immer Angst, weil ich dachte, eines Tages kommt er und macht das Gleiche mit mir.« «Das ist doch schon so lange her, Mutter. «Annas Stimme klang genervt.

«Ich weiß. «Nells Finger waren kalt geworden.»Ich würde es dir aber jetzt nicht erzählen, wenn es nicht wichtig wäre.« Anna sah ihrer Mutter direkt ins Gesicht, mit einem tiefen, durchdringenden Blick.»Wieso ist es jetzt wichtig?« «Weil er hier ist«, flüsterte Nell. Die Worte klangen zu melodramatisch, doch sie konnte sie nicht zurücknehmen.

«Hier auf dem Korridor mir gegenüber.« Anna atmete tief durch.»Mutter, selbst wenn er hier wäre, könnte er doch nichts machen. Wahrscheinlich erinnert er sich nicht mal an dich.« «Er erinnert sich«, erwiderte Nell.»Ich habe mit ihm gesprochen.« «Trotzdem. «Anna nahm Nells Hand in die ihre. Ihre Handfläche fühlte sich warm und feucht an.»Er ist ein ziemlich alter Mann. Der lebt bestimmt nicht mehr lang.

Wenn wir die Polizei rufen und die bestätigen, was du sagst, hält er vermutlich nicht mal bis zum Prozess durch.

Ich meine, wer außer dir weiß denn noch von dem Mord?« «Mein Vater wusste es und — « «Jemand, der noch am Leben ist?« «Nein. «Tränen traten ihr in die Augen. Sie zwinkerte heftig.

«Dann stünde Aussage gegen Aussage. Ehrlich gesagt, Mutter, ich glaube, das lohnt sich nicht. Was hast du denn jetzt noch davon? Der wird sowieso bald sterben, und dann brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen.« «Nein. «Eine Träne suchte sich ihren Weg über Nells Wange und verharrte auf ihren Lippen. Sie leckte sie rasch weg und hoffte, dass Anna sie nicht gesehen hatte.»Der wird nicht so bald sterben.« Anna runzelte die Stirn.»Warum denn nicht?« «Der arbeitet an einem Experiment, um sein Leben zu verlängern.« «Ach, du liebe Zeit, Mutter. «Anna zog ihre Hand weg.

«Wem hast du diesen Unsinn noch erzählt?« «Ich habe nicht — « Es klopfte an die Tür, und eine Pflegerin trat ein. Sie stellte Nell ein Tablett neben den Sessel.»Ich komme mit Ihrer Medizin, Nell.« Nell griff nach dem Papierbecherchen. Die Flüssigkeit darin war braun.»Das sieht aber nicht aus wie meine Medizin.« Sie hob den Kopf und sah gerade noch, wie Anna mit einem Kopfschütteln zu der Pflegerin hinüberschaute.

«Trinken Sie es einfach runter, Nell«, sagte die Pflegerin mit ihrer künstlich süßen Stimme,»und dann ist es gut.« Nell schnupperte kurz an dem Becherchen. Der Inhalt roch bitter.»Will ich aber wirklich nicht.« «Mutter«, fuhr Anna sie an. In vertraulichem Ton wandte sie sich dann an die Pflegerin:»Mutter hat heute einen schlechten Tag.« «Die letzten Tage waren schwierig«, sagte die Pflegerin.

«Sie ist nicht zu den Mahlzeiten gekommen und wollte überhaupt nicht aus ihrem Zimmer heraus.« «Stimmt das, Mutter?« Nell schwenkte die Flüssigkeit in dem Becherchen herum. Auf dem Becherboden schwammen Ablagerungen.

Plötzlich begriff sie, dass es sowieso egal war. Wen scherte es schon, wenn Karl sie vergiftete! Sie setzte den Becher an die Lippen, bevor sie es sich noch einmal anders überlegen konnte.

Die Flüssigkeit fühlte sich auf der Zunge scharf an wie selbst gebrannter Whisky. Sie hustete kurz und stellte den Becher ab.»Ich verstehe gar nicht, warum du das wissen willst«, sagte sie.

Anna schürzte die Lippen.»Mutter, also wirklich.« Nell rieb die Zunge am Gaumen, konnte den Geschmack aber nicht loswerden. Sie hielt sich seitlich am Stuhl fest und stand auf Ihre Hüften knackten leicht, als sie zum Stehen gekommen war. Die Pflegerin hielt ihr die Gehhilfe hin.

«Wo wollen Sie hin, Nell?« Nell gab keine Antwort. Sie manövrierte die Gehhilfe zum Waschbecken hinüber und holte sich einen Schluck Wasser.

«Ich fürchte, meiner Mutter geht’s nicht gut«, sagte Anna leise.

«Sie hat mir gerade erzählt, der Mann von gegenüber hätte ihre Schwester ermordet und sie hätte nun Angst, dass er auch hinter ihr her ist.« «Mr.

Krupp? Glaube ich nicht. Der ist seit seiner Ankunft bettlägerig.« «Vielleicht sollten Sie was zu ihr sagen. «Als Nell sich umdrehte, verstummte Anna. Nell bewegte sich zum Sessel zurück. Die Pflegerin nahm ihren Arm, als sie sich wieder setzte.

«Nell, ich habe gehört, der Mann von gegenüber macht Ihnen Angst.« Nell blickte in das runde Gesicht der Pflegerin und versuchte sich an ihren Namen zu erinnern, ohne auf das Namensschildchen zu schauen.»Nein. Wie kommen Sie denn auf die Idee?« «Ihre Tochter sagte gerade, er macht Sie nervös.« Auf dem Namensschildchen stand DANA, LPN — staatl. gepr. Krankenschwester.»Ich habe ihn noch nicht mal gesehen, er ist auch sehr ruhig. Wieso sollte er mich nervös machen?« Die Pflegerin lächelte und nahm das Tablett.»Ich wollte nur mal hören, Nell.« Anna wartete, bis die Pflegerin gegangen war, bevor sie fragte:»Wieso hast du sie angelogen, Mutter?« «Ich weiß gar nicht, wieso du mich besuchen kommst«, erwiderte Nell.

Anna schob ihren Stuhl zurück und stand auf.»Das weiß ich manchmal auch nicht. Aber ich komme bestimmt wieder. «Sie nahm ihren Mantel und hängte ihn sich über die Schulter.»Übrigens, Mutter, es ist doch besser für dich, wenn du ein bisschen unter die Leute gehst, statt immer nur in deinem Zimmer zu hocken. Wenn du mit Leuten redest, kommst du auf andere Gedanken und fantasierst nicht bloß herum.« Sie ging. Nell wartete, bis das Klacken von Annas hohen Absätzen auf dem gefliesten Boden nicht mehr zu hören war.»Ich fantasiere nicht herum«, murmelte sie. Aber die Pflegerin hatte gesagt, Karl sei bettlägerig, während er auf sie so einen gesunden Eindruck gemacht hatte. Nell seufzte und runzelte dann die Stirn. Was hatte er in Hausgemeinschaft 5 zu suchen, wenn er nicht einmal aufstehen konnte?

Nell greift nach dem Schläger und vollführt einen Übungsschwung. Ihr Kleid schwingt mit, die Knickers, die ihr Karl geschenkt hat, will sie nicht tragen. Seit einer Woche ist Bess tot, und Nell fühlt sich einsam.

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