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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
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«Wieso spielst du mit denen?«, fragt er leise.»Baseball ist doch kein Spiel für junge Damen.« Das fragt er sie immer, und einmal hat er sie sogar angebrüllt, weil sie die Knickers trug, die Karl ihr geschenkt hatte.»Puppen spielen mit Louisa, dazu hab ich keine Lust.« «Würde mir wahrscheinlich auch nicht besonders gefallen«, sagt er. Als sie vom Spielfeld weit genug weg sind, bleibt er stehen und dreht sie zu sich um. Er hat tiefe Schatten unter den Augen, und sein Gesicht wirkt verkniffen.»Ich bringe dich nicht bis ganz nach Hause.

Ich bin bloß hergekommen, weil ich’s versprochen hatte.« «Gehst du denn nicht zu Bess?« Er schüttelt den Kopf, greift dann in seine Hosentasche und zieht den schmalen Ring hervor, der ihn drei Monatsgehälter gekostet hat. Der Brillant glitzert im Sonnenlicht.»Karl ist wieder da«, sagt er.

Nell fuhr mit dem Finger über das Namensschild. Karl Krupp. Sie hatte es sich also nicht eingebildet; der Name verschwand nicht wie so viele andere Dinge unter ihrer Berührung. Ihre Finger mit den geschwollenen Knöcheln und den brüchigen Knochen wirkten wehrlos neben diesem Namen. Langsam ließ sie die Hand wieder auf die kalte Metallkante ihrer Gehhilfe sinken. Wie alt wäre er denn inzwischen? Als sie zehn gewesen war, war er fünfundzwanzig gewesen — bei einem Altersunterschied von fünfzehn Jahren wäre er jetzt … fünfundneunzig. Sie sah zu seiner Zimmertür hinüber. Die hatte seit seiner Ankunft nie offen gestanden, stellte sie frustriert fest. Sie wollte sehen, wie sehr das Alter ihn verändert hatte.

Nicht allzu sehr, nahm sie an, da er in Hausgemeinschaft 5 wohnte. Die anderen Bewohner waren geistig und körperlich noch einigermaßen rüstig — abgesehen von Sophronia. Die hatten die Pflegerinnen allerdings sofort weggebracht, als ihre Senilität offensichtlich wurde.

Wegen ihrer eigenen mentalen Aussetzer und der wachsenden Neigung zum Tagträumen machte Nell sich Sorgen. Sie wusste nicht, wie viel sich die Pflegerinnen bieten ließen, bevor sie sie in eine restriktivere Hausgemeinschaft verfrachteten.

Nell hob ihre Gehhilfe und rückte von der Tür weg. Karl sollte sie nicht beim Herumschnüffeln erwischen. Sie trug zwar einen anderen Namen und sah überhaupt nicht mehr aus wie der magere Wildfang, den er damals gekannt hatte, doch er sollte nicht wissen, dass sie ihn beobachtete, ehe sie genau wusste, was sie machen wollte.

Karl lümmelt träge auf dem Sofa, die langen, vor sich ausgestreckten Beine an den Fesseln überkreuzt, den linken Arm über die Lehne drapiert und den fein geschnittenen Kopf gegen die gepolsterte Rückenlehne gelegt. Er sollte sich nicht behaglich fühlen, tut es aber offensichtlich.

Bess sitzt ihm gegenüber im Sessel, beugt sich vor. Die zerzausten Haare umrahmen ihr gerötetes Gesicht, ihre Augen funkeln, und ihre Hände — die ohne Edmunds Ring nackt wirken — spielen nervös an ihrem besten Rock herum.

Nell lässt die Tür zuschwingen. Karl dreht sich bei dem Klicken nicht um, sondern sagt bloß in seinem tiefen, vollen Bariton:»Ist das meine Nell?« Sie erstarrt; mit der Gefühlsaufwallung, die seine Stimme in ihr hervorruft, hat sie nicht gerechnet. Sie stellt sich vor, dass sie auf ihn zuläuft und ihr Gesicht an seinem Hals vergräbt, zurückweicht und ihm mit voller Wucht eine Ohrfeige verpasst.

«Nelly, Karl ist da. «Bess kann den glücklichen Ton in ihrer Stimme kaum verhehlen.

«Ich weiß«, sagt sie und schnippt getrocknete Erde von ihrem Daumen. Sie ist schweißüberströmt, ihre Brille ist verdreckt, und ihr Haarknoten löst sich auf. Sie sieht wahrscheinlich überhaupt nicht aus wie ein kleines Mädchen.

«Nelly …« Der Kosename ist ihr fast so zuwider wie Bess’ Tonfall.

«Ich geh mich erst mal waschen.« «Aber vorne herum, damit du keinen Dreck auf den Fußboden machst.« Nell unterdrückt einen Seufzer und wendet sich wieder zur Tür. In dem Augenblick kommt ihr Vater herein, umweht vom Duft von Tabak und Haarwasser. Ohne auf den Aufzug seiner jüngsten Tochter zu achten, will er ins Wohnzimmer gehen.

«Wem gehört denn der schnittige Modell T da draußen?

Ist das deiner, Edm — ?« Er bleibt gleich am Eingang stehen, und Nell tritt einen Schritt vor, um alles sehen zu können. Karl springt auf und streckt die Hand aus. Bess beißt sich auf die Unterlippe, und Papa ist tiefrot angelaufen.

«Ich hab dir doch verboten«, sagte er in seinem leisesten, ärgerlichsten Ton,»jemals wieder über meine Schwelle zu treten.« «Mr. Richter, jetzt ist alles anders.« «Ist mir egal, und wenn du der reichste Mann der Welt geworden bist. Du bist hier nicht erwünscht. «Papas Stimme wurde sogar noch leiser.»Und jetzt raus hier.« «Bitte, Sir — « «Raus … hier! Oder brauchst du eine Extraeinladung?« Mit einer geschmeidigen, elastischen Bewegung nimmt Karl seinen Hut vom Tisch und setzt ihn sich verwegen auf. Er nickt Bess kurz zu, geht um Papa herum und zaust Nell beim Hinausgehen die Haare.

Papa regt sich erst wieder, als er hört, wie das Auto draußen angelassen wird. Dann sagt er mit gepresster Stimme zu Bess:»Du weißt, dass er hier nicht rein darf.« «Er ist aber jetzt anders. Er hat eine neue Arbeit in Milwaukee, Papa, und gute Aussichten für die Zukunft.« «Schön und gut. Dann soll er sich ein anderes Mädchen suchen.« Nell lehnt sich gegen die Tür. Sie haben vergessen, dass sie auch da ist.

«Papa. «Bess steht vom Sessel auf. In ihren Knöpfstiefeln ist sie fast so groß wie ihr Vater.»Jetzt ist alles besser. Er hat es versprochen.« «Ach ja? Hat er versprochen, dich nicht mehr zu schlagen, oder hat er bloß vom Geld geredet?« Bess wirbelt herum und schaut aus dem Fenster.»Papa, das ist nicht fair.« «Nein, fair ist es nicht. «Papa zieht seine Taschenuhr heraus, klappt sie auf und schließt sie wieder, ohne aufs Zifferblatt zu gucken.»Ich will ihn aber nicht mehr hier haben. Nachdem er dich geschlagen hat, hab ich gehört, wie Nelly sich jede Nacht in den Schlaf geweint hat.« Nells Gesicht wird ganz warm. Und sie hatte geglaubt, niemand hätte was gemerkt.

Papa steckt die Taschenuhr wieder zurück und zieht sich die Weste zurecht.»Und jetzt will ich was zu essen.« Nell schlüpft zur Haustür hinaus und geht hinten herum zur Wasserpumpe. Sie zittert am ganzen Körper. Sie erinnert sich an Bess’ geschwollenes Gesicht, die blauen Flecken, aber sie erinnert sich auch daran, wie viel Spaß sie hatten, als sie mit Karl vorn auf der Veranda saßen und lachten. Die Tränen hatte sie in diesen Nächten nicht bloß um Bess vergossen, sondern auch um diese Sommernachmittage, erfüllt von Gelächter, Limonade und Karl, der ihr die Haare zauste!

Obwohl es ihr schwer fiel, ging Nell gern zu Fuß. Sie hatte das Gefühl, jeder langsame Schritt würde ihr Leben um eine Minute verlängern. Ohne ihre Gehhilfe müsste sie im Rollstuhl sitzen — und der Rollstuhl war ein Zeichen von Hinfälligkeit. Wenn sie die Gehhilfe anhob und einen Schritt machte, verspürte sie das gleiche Gefühl von Sicherheit wie früher nach einem Homerun, wie Karl ihn ihr beigebracht hatte.

Manchmal verbrachte sie den ganzen Tag damit, über die Korridore zu wandern. Ins Freie kam sie nur bei jenen seltenen Gelegenheiten, wenn Verwandte zu Besuch kamen. Die brachten sie nach draußen, um sich nicht mit ihr unterhalten zu müssen.

Jede Hausgemeinschaft hatte eine andere Farbe.

Hausgemeinschaff 5 war in Rotkehlcheneierblau gestrichen, und an den Wänden hingen von den Bewohnern gefertigte Bilder. Kurz nach Karls Ankunft war ein Bild von einer vielfarbigen Spirale neben seiner Tür angebracht worden.

Nell spürte, wie ihr Blick von dem Bild angezogen wurde. Sie schob die Brille hoch, um es genau betrachten zu können. Die Spirale hatte Sprossen wie eine Leiter.

Statt der Signatur stand am unteren Bildrand eine Bezeichnung vermerkt, etwas, das bei ihr eine nur vage Erinnerung hervorrief: Desoxyribonukleinsäure. Sie las den Ausdruck zweimal, bevor sie erschrocken feststellte, dass Karls Tür offen stand. Die Klänge einer Chopin-Etüde drangen auf den Korridor. Fasziniert beugte sie sich näher.

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