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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
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Mit ihrem Sloane-Ranger-Ensemble hatte sie die alten Tanten im Gefängnisbüro bezirzt, damit sie überhaupt hereinkam und der Story nachgehen konnte. Der vermeintlichen Story. Jackie warf einen kurzen Blick auf ihr Spiegelbild. Sehr nützlich, dieser flotte Fummel, wenn man bei alten dienstführenden Damen Eindruck schinden wollte. Und wieso, dachte sie, sollte sie den Knastschwestern nicht eine kleine Modenschau bieten?

Die sechs Häftlinge fläzten, in formlose Polyestersachen gekleidet, lässig auf ihren Stühlen und glotzten sie ziemlich gleichmütig an. Eine las einen Roman von Barbara Cartland.

«Hallo, Mädels!«, sagte Jackie in ihrem schönsten Pflegeheimton. Wie man alte Damen für eine Titelgeschichte in Stimmung brachte, wusste sie, und das hier konnte auch nicht viel anders sein, dachte sie sich.

«Hat man Ihnen gesagt, wieso ich hier bin?« Wieder nur dumpfes Geglotze, bis eine stämmige Rothaarige fragte:»Hast du’s schon mal mit ’ner Frau getrieben?« Jackie ignorierte sie.»Ich bin hier, weil ich eine Story darüber schreiben will, wie es ist, im Gefängnis zu leben.

Also, jetzt haben Sie die Gelegenheit, sich zu beschweren, falls es was gibt, was Sie geändert haben wollen.« Nur höchst widerwillig brachten sie schließlich das Essen zur Sprache und die unlogischen, starren Regeln, die jeden Aspekt ihres Lebens beherrschten. Beim Reden legte sich die Spannung allmählich, und Jackie merkte, dass sie immer geneigter wurden, sie ins Vertrauen zu ziehen. Sie kritzelte ein paar flüchtige Notizen aufs Papier, damit sie weiterredeten. Plötzlich sagte eine, ihre Kinder würden ihr fehlen: Jackies Stichwort.

Unwillkürlich ließ sie den Notizblock sinken.»Kinder!«, sagte sie atemlos gespannt.»Da fällt mir ein — hat hier nicht auch Erma Bradley eingesessen?« Blicke kreuzten sich.»Und?«, sagte die Stumpfäugige mit den ungewaschenen Haaren.

Eine wieselhafte Blonde, die von Jackies Glamour mehr beeindruckt schien als die Älteren, antwortete bereitwillig:

«Ich kannte sie! Wir waren sehr gut befreundet!« «Na, nun untertreib mal nicht, Frettchen«, sagte die Ungepflegte aus Croydon, die Gelder veruntreut hatte.

Nun brauchte Jackie kein falsches Interesse mehr vorzutäuschen.»Wirklich?«, sagte sie zu der Frau namens Frettchen.»Da hätte ich ja furchtbar Angst! Wie war sie denn?« Jetzt fingen alle an, über Erma zu reden.

«Bisschen reserviert war sie«, sagte eine.»Hat nie gewusst, wem sie trauen kann, wegen ihrem Ruf, Sie wissen schon. Viele von uns hier haben selber Kinder, da waren einige gegen sie eingestellt. In der Küche haben sie ihr ins Essen gespuckt, bevor sie’s ihr reingebracht haben.

Und von den Neuen sind manchmal welche auf sie losgegangen, um zu zeigen, wie hart sie sind.« «Das muss man sich erst mal trauen!«, rief Jackie.»Ich habe sie auf Fotos gesehen!« «Ah, so hat sie aber gar nicht mehr ausgesehen!«, sagte Frettchen.»Hat sich die Haare wieder dunkel nachwachsen lassen und war auch viel dünner. Sah gar nicht schlecht aus. Seit dem Prozess hatte die bestimmt an die fünfzig Pfund abgenommen!« «Haben Sie vielleicht ein Foto von ihr?«, fragte Jackie, immer noch nach Kräften bemüht, atemlos gespannt und schwer beeindruckt zu wirken.

Die Rothaarige legte ihre fleischige Hand auf Frettchens Schulter.»Moment mal. Was wollen Sie eigentlich wirklich hier?« Jackie holte tief Luft.»Ich muss Erma Bradley finden.

Können Sie mir dabei helfen? Ich bezahle auch dafür.« Einige Minuten später verabschiedete sich Jackie mit einem affektierten Lächeln von der Wärterin und teilte ihr mit, sie müsse in eine paar Tagen wegen weiterer Recherchen wiederkommen. Bis dahin musste sie sich überlegen, wie sie zwei Flaschen Glenlivet hineinschmuggeln konnte: das Kopfgeld für Erma Bradley. Vermutlich würde Ernie sie den Whisky aus eigener Tasche zahlen lassen. Geschah ihm recht, wenn für sie dann noch ein guter Buchabschluss heraussprang.

Die Wohnung hätte einen neuen Anstrich vertragen können und auch ein paar bessere Möbel, doch das hatte Zeit. Sie war an Schäbigkeit gewöhnt. Am besten gefielen ihr die hohe Zimmerdecke und das große Flügelfenster mit dem Blick aufs Moor. Aus diesem Fenster sah man nur Hügel, Heidekraut und Himmel — keine Straßen, keine Häuser, keine Leute. Nach vierundzwanzig Jahren im Gewusel und Gedränge eines Frauengefängnisses war diese Einsamkeit herrlich. Jeden Tag verbrachte sie Stunden nur damit, aus diesem Fenster zu schauen, in dem Bewusstsein, dass sie im Moor spazieren gehen konnte, wann immer sie wollte, ohne Wachen, Anzüglichkeiten oder Einschränkungen der Bewegungsfreiheit.

Erma Bradley versuchte sich zu erinnern, ob sie überhaupt schon einmal allein gewesen war. Mit ihrer Mutter hatte sie bis zum Schulabschluss in einer winzigen Wohnung gewohnt, und dann, nachdem sie bei Hadlands als Sekretärin angefangen hatte, war Sean auf den Plan getreten. Mit dreiundzwanzig war sie ins Gefängnis gekommen und hatte von da an nicht einmal mehr das Recht auf Privatsphäre gehabt. Sie konnte sich nicht erinnern, dass es je eine Zeit gegeben hätte, wo sie für sich hätte sein können, um sich über ihre persönlichen Vorlieben und Abneigungen klar zu werden. Aus Mums Schatten war sie in den von Sean getreten. Sein Bild bewahrte sie auf, ebenso das ihrer Mutter, aber nicht aus Liebe, sondern als Mahnung an die Gefängnisse, die sie vor Holloway ertragen hatte.

Jetzt fand sie heraus, dass sie Pflanzen mochte — und die Musik von Sibelius. Auch hatte sie es gern schön sauber.

Sie überlegte, ob sie die Wohnung vielleicht selbst streichen könnte, denn die sähe erst dann sauber aus, wenn sie diese schmutzig grünen Wände überstrich.

Sie sagte sich wieder, dass sie ja auch ein Haus hätte haben können, wenn … Wenn sie bereit gewesen wäre, etwas von dieser Abgeschiedenheit aufzugeben.

Verkaufen Sie Ihre Story an einen Verlag; verkaufen Sie die Filmrechte an eine Filmgesellschaft. Keith, ihr leidgeprüfter Anwalt, reichte ihr pflichtschuldig alle diese Angebote zur Begutachtung weiter. Alle Welt schien ihr das Geld nachschmeißen zu wollen, doch sie wollte bloß weg von allem. Die etwas reizlose, aber schlanke Miss Emily Kay, mit siebenundvierzig neugeboren, würde es schon allein schaffen, mit Dosengerichten und Möbeln aus zweiter Hand, während die Journalistenmeute einer Erma Bradley hinterher bellte, die gar nicht mehr existierte. Sie wollte nur noch Einsamkeit. Nie dachte sie an diese schrecklichen Monate mit Sean, an das, was sie zusammen getan hatten. Vierundzwanzig Jahre lang hatte sie es sich untersagt, daran zu denken.

Jackie Duncan blickte an dem hübsch verzierten Gebäude empor, das in Wohnungen für Leute aus der Arbeiterschicht unterteilt worden war. Zu jenen liebenswürdigeren Zeiten hatten die Bauarbeiter Blattmotive in das Mauerwerk um die Fenster gearbeitet und bei jedem Dach an einer Ecke Wasserspeier angebracht. Dieses nützliche Detail merkte sich Jackie: Jetzt war dem Gebäude noch ein weiteres Monster hinzugefügt worden.

Im heruntergekommenen, aber immer noch vornehmen Foyer sah Jackie die Namen auf den Briefkästen durch, um sich zu vergewissern, dass ihre Information stimmte.

Da stand es: E. Kay. Während sie die Treppe hinaufeilte, dachte sie nur kurz an die Veränderungen, die in diesen letzten Wochen mit ihr selbst vorgegangen waren. Als Ernie ihr den Auftrag gegeben hatte, hätte sie sich vielleicht noch davor gefürchtet, einer Mörderin gegenüberzutreten, oder wäre mit der Kamera im Anschlag nach oben gegangen um in dem Moment, wenn Erma Bradley die Tür aufmachte, schnell das Foto zu schießen und gleich wieder abzuhauen. Jetzt aber brannte sie darauf, der Frau zu begegnen, als handelte es sich um ein Interview mit einem berühmten Filmstar. Umso mehr, als diese Berühmtheit ihr ganz allein gehörte. Nicht einmal Ernie hatte sie erzählt, dass sie Erma gefunden hatte. Das hier war ihre Show, nicht die des Stellar. Ohne weiter nachzudenken, was sie sagen würde, klopfte Jackie am Unterschlupf des Monsters an.

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