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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
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So ein Weib wie Erma war schließlich noch nie da gewesen, oder?« Jackie betrachtete das Foto eingehend und überlegte, ob das Gesicht wirklich so bösartig war oder ob ihr Eindruck von dem beeinflusst war, was sie über die dazugehörige Person wussten. Ob das Gesicht nun grausam war oder nicht, es war jedenfalls recht hässlich. Erma Bradley hatte teigige Züge mit Augen wie Stachelbeeren und jenen Ausdruck trotziger Verdrossenheit, den unscheinbare Frauen oft in Erwartung abfälliger Bemerkungen zur Schau tragen.

Auf dem Foto hatte Ernie das Wort Titelseite vermerkt.

Es war nicht die Art von Gesicht, die normalerweise im Stellar abgebildet war, einem Boulevardblatt, das für sein tägliches Foto von Prinzessin Diana und die vollbusigen Schönheiten auf Seite drei bekannt war. Ein feistes Weib mit schlecht blondiertem Haarschopf musste sich den Platz in der Regenbogenpresse schon verdienen — und das hatte Erma Bradley ganz sicher getan. 1966 wegen vierfachen Kindermordes verurteilt, saß sie im Holloway-Gefängnis in Nordlondon eine lebenslange Haftstrafe ab.

Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Weil sie Großbritanniens einzige Serienmörderin war, hielt die Regenbogenpresse ihr Andenken dadurch aufrecht, dass sie häufig Geschichten über sie brachte, alle begleitet von jenem 1965 aufgenommenen Gruselfoto der finster dreinblickenden, frisch verhafteten Erma. Die meisten aktuelleren Artikel über sie bemühten sich gar nicht erst um Glaubwürdigkeit:»Erma Bradley: Hitlers uneheliche Tochter«,»Geister der Kinder vor Ermas Zelle gesichtet« und der Oktober-Hit:»Ist Erma Bradley ein Vampir?« Diese letzte Schlagzeile war womöglich die zutreffendste, denn sie trug der Tatsache Rechnung, dass die Öffentlichkeit sie mittlerweile kaum noch als reale Person betrachtete. Sie war bloß noch eine weitere Figur im Monsterkabinett und hatte ihren festen Platz neben Frankenstein, Dracula und Guy Fawkes — einem ebenfalls überschätzten Kriminellen. Ernie Sleafords Spezialität bestand darin, sich immer wieder neue Ausreden auszudenken, um das alte Foto von Erma anbringen zu können. Zum Ankurbeln des Verkaufs war Ermas Gesicht immer gut.

Jackie Duncan hatte noch nie eine Erma-Story gemacht.

Zur Zeit des berüchtigten Prozesses war Jackie vier Jahre alt gewesen, und später — die Verbrechen waren aufgeklärt und die Mörder weggesperrt — hatte der Fall sie nie sonderlich interessiert.»Die Morde, dachte ich, hätte ihr Freund Sean Hardie begangen«, sagte sie und versuchte angestrengt, sich an die Einzelheiten des Falls zu erinnern.

Der Chefredakteur des Stellar quittierte ihre Frage mit verächtlichem Schnauben.»Hardie? In puncto Hartgesottenheit konnte der Erma nicht das Wasser reichen. Sehen Sie ihn sich jetzt an. Vollkommen weggetreten, sitzt in der Gefängnisklapse, hat bloß noch Grießbrei im Hirn. So soll’s einem auch gehen, wenn man das Leben von vier Kindern auf dem Gewissen hat. Und unsere Erma? Hat über das Fernsehen ein Studium gemacht, nicht? Im Knast gelernt, sich fein auszudrücken!

Und jetzt kommen so ein paar verdammte Gutmenschen daher und hauen sie raus!« Jackie, die bei dieser Tirade fast abgeschaltet und lieber den neuen Farbton ihres Nagellacks betrachtet hätte, sah ihn wieder interessiert an.»Das ist mir neu, Sleaford! Sind Sie sicher, dass das nicht bloß wieder eins von Ihren Märchen ist?«Sie grinste.»›Erma Bradley — Prinz Edwards Braut?‹ Die hat mir am besten gefallen.« Solchermaßen an seine letzte Erma-Schlagzeile erinnert, musste Ernie zwar erröten, erwiderte dann aber feierlich:

«Stimmt aber Jackie. Hat mir eine Gefängniswärterin in Holloway gesteckt Nächste Woche kommt sie raus aus dem Bau.« «Na, na! Das würden sie doch landesweit in jeder Nachrichtensendung bringen! Und einen Riesenaufmacher im Guardian, Und eine Debatte im Parlament.« «Die Gefängnisleitung hält es streng geheim. Man will verhindern, dass Erma nach ihrer Freilassung von unsereinem belästigt wird. Sie will in Ruhe gelassen werden. «Er lächelte affektiert.

«Für diesen Tipp musste ich ganz schön was springen lassen, kann ich Ihnen sagen.« Jackie lächelte.»Armer fieser Ernie! Und wo komme ich ins Spiel?« «Dreimal dürfen Sie raten!« «Aha. Sie wollen Ermas persönliche Story, auf Teufel komm raus.« «Ach, die können wir selber schreiben. Ich habe Paul schon drauf angesetzt. Was ich eigentlich brauche, ist ein neues Foto, Jackie. Die alte Kuh hat sich doch seit zwanzig Jahren nicht mehr fotografieren lassen. Legt Wert auf ihre Privatsphäre, unsere gute Erma. Aber Stellar-Leser würden sich gern ein genaues Bild machen, wie Erma Bradley heute aussieht, meine ich, Sie nicht?« «Damit sie sie nicht als Kindermädchen anheuern.« Jackie wartete ab, bis er fertig gelacht hatte, und brachte dann das Gespräch aufs Finanzielle.

Die Zelle sah allmählich wieder so aus wie damals bei ihrer Ankunft. Frisch gekehrt und ohne Gardinen, enthielt das zwei mal dreieinhalb Meter messende Rechteck ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und einen Stuhl, ein hölzernes Waschbecken mit Schüssel und Kanne aus Plastik sowie einen Eimer. Die Poster und die Fotos von zu Hause waren schon weg. Ihre Bücher waren in einer Einkaufstüte von Marks & Spencer verstaut.

Ruthie, deren kleine, spitze Züge ihr den Spitznamen Frettchen eingetragen hatten, saß auf der Bettkante und sah ihr beim Packen zu.»Nimmst alles mit, ja?«, fragte sie aufgekratzt.

Die dünne, dunkelhaarige Frau starrte auf die Ansammlung von Gegenständen auf dem Tisch.

«Wahrscheinlich nicht«, sagte sie finster. Sie hielt eine Büchse mit grünem Zahnpulver hoch.»Hier. Willst du das?« Achselzuckend griff das Frettchen danach.»Warum nicht? Du kommst ja raus, und ich hab noch paar Jährchen vor mir. Schreibst du mir, wenn du draußen bist?« «Du weißt, dass das nicht erlaubt ist.« Die Jüngere kicherte.»Als ob dich das je von was abgehalten hätte. «Sie griff nach einem anderen Gegenstand.»Was ist mit deiner Weihnachtsseife? Die kriegst du draußen auch, weißt du.« Sie gab sie ihr.»Freesienseife will ich nie wieder.« «Ach, deine Poster nimmst du mit? Man sollte meinen, du hättest sie inzwischen über.« «Stimmt auch. Die habe ich Senga versprochen. «Sie legte die zusammengerollten Poster neben Ruthie aufs Bett und griff nach einem kleinen gerahmten Foto.»Aber willst du das, Frettchen?« Die kleine Blonde riss beim Anblick des grobkörnigen Schnappschusses von einem finster dreinblickenden Mann erschrocken die Augen auf.»Um Gottes willen! Das ist doch Sean! Tu das bloß schnell weg. Ich bin froh, wenn das hier raus ist.« Lächelnd steckte Erma Bradley das Foto zwischen ihre Kleider.

«Das werde ich mir aufheben.« Zu Interviews trug Jackie Duncan selten ihr bestes Seidenkostüm, aber diesmal hatte sie das Gefühl, es könnte nicht schaden, gleichermaßen mondän und wohlhabend auszusehen. Unter ihrem blonden, zu einem modischen Bubikopf geschnittenen Haar blitzten muschelförmige Ohrringe aus echtem Gold hervor, und Handtasche und Schuhe aus Kalbsleder bildeten ein Ensemble und waren teuer gewesen. Es entsprach

überhaupt nicht der Art, in der sich eine Stellar-Reporterin normalerweise zur Arbeit kleidete, doch es verlieh Jackie einen Anflug von Kompetenz und Professionalität, die sie brauchte, um von diesem Interview zu profitieren.

Sie ließ den Blick über den heruntergekommenen Versammlungsraum schweifen und fragte sich, ob Erma Bradley sich wohl hier aufgehalten, und wenn ja, wo sie gesessen hatte. Zur Vorbereitung auf den neuen Auftrag hatte Jackie alles gelesen, was sie über den Fall Bradley hatte auftreiben können: das melodramatische Buch des BBC-Journalisten, die maßvoll-nüchternen Einlassungen des Staatsanwalts und eine ganze Reihe von Artikeln aus etwas zuverlässigeren Zeitungen als dem Stellar.

Mittlerweile fand sie Erma Bradley und ihren mörderischen Liebhaber Sean Hardie richtig interessant – dieses Pärchen, fest vereint im gemeinsamen Morden? In den verschiedenen Analysen des Falls hatte man sich ausführlich über die Beweislast und das allgemeine Entsetzen bei einem Kindermord verbreitet, sich mit der Suche nach einem Tatmotiv jedoch schwer getan und bei der detaillierten Beschreibung der Tötungen selbst Zurückhaltung geübt. Daraus ließe sich ein Buch machen, und wer das Material beschaffen und es schreiben könnte, würde sich eine goldene Nase verdienen. Jackie hatte vor, noch mehr herauszufinden als das, was sie bereits in der Hand hatte, zu recherchieren, musste Erma Bradley aber erst einmal finden.

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