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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)

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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
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»Oh«, sagte ich und verkniff mir ein Lächeln. »Das war dann wohl Gerhard.« Der alte Bauer war ausgesprochen praktisch veranlagt und konnte sich wohl keinen Grund vorstellen, warum er seine betagten Knochen auf einen harten Dielenboden legen sollte, wenn doch Platz in einem Bett war.

»Ich nehme es an«, sagte sie undeutlich, den Mund voller Kuchen. »Wahrscheinlich ist er ja harmlos, aber trotzdem …«

»Nun, zumindest dürfte er dir nicht gefährlich werden«, pflichtete ich ihr bei. Gerhard Mueller war der Patriarch einer großen, deutschen Familie, die zwischen Fraser’s Ridge und der Herrnhutersiedlung in Salem lebte. Er war Ende siebzig, aber alles andere als harmlos.

Ich dachte bedächtig kauend daran zurück, wie Jamie mir die Skalps beschrieben hatte, die an Gerhards Scheunentor genagelt waren. Frauenskalps mit langem, dunklem, seidigem Haar, dessen Spitzen sich im Wind hoben. Als wären es lebendige Wesen, hatte er gesagt, und sein Gesicht hatte bei dieser Erinnerung bestürzt ausgesehen. Wie ans Holz genagelte Vögel. Und dann der weiße Skalp, den Gerhard mir gebracht hatte, in Leinen gewickelt und blutbefleckt. Nein, nicht harmlos. Ich schluckte, und der Kuchen klebte mir trocken in der Kehle.

»Harmlos oder nicht, sie haben bestimmt Hunger«, sagte Mrs. Chisholm praktisch. Sie bückte sich und sammelte ein Maisstrohpüppchen, eine nasse Windel und ein sich windendes Kleinkind ein, wobei sie es irgendwie schaffte, eine Hand für ihren Kaffee frei zu behalten. »Am besten schaffen wir hier Ordnung, bevor die Deutschen das Essen wittern und an die Tür hämmern.«

»Haben wir denn noch etwas für sie?«, sagte ich und versuchte nervös, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie viele Schinken wir noch im Räucherschuppen hatten. Nach zwei Wochen der Gastfreundschaft schwanden unsere Vorräte mit alarmierender Geschwindigkeit dahin.

»Natürlich haben wir das«, sagte Mrs. Bug energisch, während sie ihre Wurst kleinschnitt und die Scheiben auf das brutzelnde Bratblech warf. »Lasst mich hier nur fertig machen, und dann könnt Ihr sie zum Frühstück kommen lassen. Du, a muirninn«, sie klopfte einem etwa achtjährigen Mädchen mit dem Küchenschieber auf den Kopf. »Lauf in den Gemüsekeller und hol mir eine Schürze voll Kartoffeln. Deutsche mögen Kartoffeln.«

Als ich mit meinem Porridge fertig war und damit anfing, die Schüsselchen zum Spülen einzusammeln, hatte Mrs. Bug bereits den Besen in der Hand und fegte mit rücksichtsloser Effizienz die Kinder mit den Abfällen zur Tür hinaus, während sie einen ganzen Strom von Befehlen an Lizzie und Mrs. Aberfeldy – Ruth, so hieß sie – austeilte, die sie als Hilfsköche verpflichtet zu haben schien.

»Soll ich helfen …«, setzte ich ausgesprochen schwach an, doch Mrs. Bug schüttelte den Kopf und schwenkte den Besen.

»Denkt erst gar nicht daran, Mrs. Fraser!«, sagte sie. »Ihr habt gewiss genug zu tun, und – halt, mit diesen Schmutzschuhen kommt Ihr mir nicht in meine schöne, saubere Küche! Hinaus, hinaus, und putzt sie Euch ab, bevor Ihr auf die Idee kommt, hier einzutreten!«

Gerhard Mueller stand in der Tür, gefolgt von seinen Söhnen und Neffen, und machte ein verblüfftes Gesicht. Mrs. Bug, die sich weder von der Tatsache beirren ließ, dass er sie um mehr als dreißig Zentimeter überragte, noch davon, dass er kein Englisch sprach, verkniff das Gesicht und pikste ihn fest mit dem Besen in die Schuhe.

Ich winkte den Muellers grüßend zu, dann ergriff ich die Gelegenheit und entfloh.

Um der Menge im Haus aus dem Weg zu gehen, wusch ich mich draußen am Brunnen, dann ging ich zu den Schuppen und beschäftigte mich damit, eine Bestandsaufnahme zu machen. Die Lage war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte; wir hatten genug, um den Winter – bei sorgsamer Einteilung – zu überstehen, wenn ich auch sehen konnte, dass man Mrs. Bug ein wenig auf ihre großzügigen Finger schauen musste.

Neben den sechs Schinken hingen noch viereinhalb Speckseiten im Räucherhaus, dazu ein Wandbord mit getrocknetem Wild und die Hälfte eines relativ frisch erlegten Hirsches. Ich wandte den Blick zu den rußgeschwärzten Deckenbalken empor, die mit Bündeln getrockneter Räucherfische behängt waren, aufgespalten und steif wie die Blütenblätter großer, hässlicher Blumen.

Außerdem hatten wir zehn Fässer Pökelfisch und vier mit gepökeltem Schweinefleisch. Ein Steingutfass mit Schmalz, ein weiteres mit feinem Schichtschmalz, ein drittes mit Sülze – allerdings hatte ich meine Zweifel, was diese betraf.

Ich hatte sie nach Anleitung einer der Muellerfrauen hergestellt, die Jamie mir übersetzt hatte, aber ich hatte noch nie Sülze gesehen und war mir daher nicht ganz sicher, ob sie so aussehen sollte. Ich hob den Deckel und schnupperte vorsichtig daran, aber die Sülze roch gut; leicht würzig nach Knoblauch und Pfeffer, ohne den leisesten Hauch von Fäulnis. Vielleicht würden wir ja nicht an Ptomainvergiftung sterben, obwohl ich vorhatte, Gerhard Mueller als Ersten davon probieren zu lassen.

»Wie kannst du den alten Verbrecher nur in deinem Haus dulden?«, hatte Marsali gefragt, als Gerhard vor ein paar Monaten mit einem seiner Söhne zu uns geritten kam. Fergus hatte ihr die Geschichte mit den Indianerfrauen erzählt, und sie betrachtete die Deutschen voll Entsetzen und Abneigung.

»Und was soll ich deiner Meinung nach tun?«, hatte Jamie seinerseits gefragt und den Löffel über seinem Teller schweben lassen. »Soll ich die Muellers umbringen – und zwar alle, denn wenn ich Gerhard erledige, muss ich sie alle erledigen – und ihre Haare an meine Scheune nageln?« Sein Mund zuckte leicht. »Ich glaube, das würde der Kuh die Milch verderben. Jedenfalls würde es mir die Lust am Melken verderben.«

Marsalis Augenbrauen kräuselten sich, aber so leicht ließ sie sich nicht entwaffnen.

»Das vielleicht nicht«, sagte sie. »Aber du lässt sie in dein Haus und empfängst sie als Freunde!« Sie blickte stirnrunzelnd von Jamie zu mir. »Die Frauen, die er umgebracht hat – sie waren doch auch eure Freunde, oder nicht?«

Ich wechselte einen Blick mit Jamie und zuckte mit den Achseln. Er schwieg ein paar Sekunden, um seine Gedanken zu sammeln, und rührte dabei langsam in seiner Suppe. Dann legte er den Löffel hin und sah sie an.

»Was Gerhard getan hat, war furchtbar«, sagte er schlicht. »Aber es war für ihn ein Racheakt; da er in dem Glauben war, sie hätten mit dem Tod seiner Familie zu tun, blieb ihm nichts anderes übrig. Würde es die Sache für mich besser machen, wenn ich mich ebenfalls an ihm rächte?«

»Non«, sagte Fergus überzeugt. Er legte Marsali die Hand auf den Arm und unterband ihre nächste Bemerkung, wie auch immer sie gelautet hätte. Er sah grinsend zu ihr auf. »Natürlich halten Franzosen sowieso nichts von Rache.«

»Bis auf den einen oder anderen vielleicht«, murmelte ich, denn mir fiel der Comte St. Germain ein.

Aber Marsali gab sich nicht so leicht geschlagen.

»Hmpf«, sagte sie. »Was du meinst, ist, dass es nicht die Deinen waren, nicht wahr?« Als sie sah, wie Jamie verblüfft die Augenbrauen hochzog, ging sie noch weiter. »Die ermordeten Frauen. Aber wenn es deine Familie wäre? Wenn es zum Beispiel Lizzie, Brianna und ich gewesen wären?«

»Genau darauf«, sagte Jamie ruhig, »will ich ja hinaus. Es war Gerhards Familie.« Er schob seinen Stuhl vom Tisch zurück, stand auf und ließ die Hälfte seiner Suppe stehen. »Bist du fertig, Fergus?«

Fergus zog eine Augenbraue hoch und sah ihn an, dann ergriff er seine Suppenschale und trank sie leer. Sein Adamsapfel hüpfte in seinem langen, braunen Hals auf und ab.

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