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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Mit zwei Sätzen waren die Kinder in der Laube, und die Wölfin am Ende des Ganges, der zu Martials Stube führte.. Mit einem wuchtigen Axthiebe zertrümmerte sie die Tür.. und bleich, fast kaum noch imstande, sich zu bewegen, sank Martial in die Arme der Geliebten.

»Endlich, endlich habe ich dich wieder, Martial,« rief die Wölfin und trug ihn auf eine im Gange stehende Bank. Dort saß Martial, ein paar Minuten lang matt, mit verstörtem Gesicht um sich starrend, bemüht, sich von den Qualen zu erholen, die er gelitten hatte. Zitternd vor Freude und Angst, ihren Liebsten wiedergefunden zu haben und vielleicht wieder verlieren zu sollen, die Augen in Tränen gebadet, lag die Wölfin auf den Knien und beobachtete alle Bewegungen in Martials Gesicht, der sich allmählich zu erholen schien und in gewaltigen Zügen die reine Luft einsog. – »Jetzt – atme ich, – ich atme. – Mein Kopf wird freier –« sagte Martial, der nun ganz zu sich kam. Dann rief er, als erkenne er jetzt erst den Dienst, den ihm die Wölfin geleistet hatte, im Tone unaussprechlichen Dankes: »Ohne dich hätte ich sterben müssen, meine gute Wölfin.« – »Hast du Hunger?« – »Nein, – ich bin zu matt. Am meisten litt ich unter dem Mangel an Luft. Ich würde erstickt sein, es wäre schrecklich gewesen.« – »Aber deine Hände – deine armen Hände! Diese Wunden! Mein Gott, was haben sie dir getan?« – »Niklas und die Schwester, die mich nicht zum zweiten Mal anzugreifen wagten, hatten mich eingesperrt, um mich verhungern zu lassen. – Ich wollte sie hindern, den Fensterladen zuzunageln – und die Schwester hieb mit dem Beile auf die Hand.« – »Die Unmenschen! Man sollte glauben, du hättest krank werden und sterben müssen. Deine Mutter hatte schon erzählt, du wärst so krank, daß du nie wieder aufkommen würdest. – Deine Mutter – Mann – deine Mutter!«

»Sprich nicht von ihr,« – sagte Martial bitter. – Dann erst bemerkte er die nassen Kleidungsstücke und das seltsame Aussehen der Wölfin und fragte: »Was ist dir geschehen? Dein Haar ist ganz naß? Du bist im Unterrock? Und der ist auch ganz naß?« – »Ich wußte, daß du in Gefahr warst, fand kein Boot –« »Und du bist herübergeschwommen? Meine gute Wölfin!« rief Martial. »Meinetwegen solches Wagnis!« – »O, nicht ich war in Gefahr, sondern ein armes Mädchen, das ich glücklich gerettet, als ich den Fuß auf die Insel setzte.« – »Du hast sie gerettet? Wo ist sie?« – »Unten bei den Kindern.« – »Wer ist das Mädchen?« – »Ach, wenn du wüßtest, welcher Zufall, welcher glückliche Zufall hier gewaltet hat! Sie ist mit mir in Saint-Lazare gewesen und ein Mädchen, wie man ihrer nicht viel findet. – Höre! Ich wollte dich um etwas bitten. Darum war ich hergekommen.«

»Gut! sage, was ich tun soll; aber nur muß ich gleich betonen, ich verlasse Amandine und Franz nicht mehr.« – »Deinen kleinen Bruder und deine kleine Schwester?« – »Ja; ich muß Vaterstelle bei ihnen vertreten, muß für sie sorgen. Man möchte sie zu Spitzbuben machen, und um sie zu retten, werde ich mit ihnen fortgehen – dich nehme ich auch mit.« – »Du willst mich mitnehmen?« rief die Wölfin in freudigem Erstaunen aus. Sie konnte an ein so großes Glück nicht glauben. »Ich soll dich nicht mehr verlassen?« – »Nein, meine gute Wölfin, nie! Du hilfst mir die Kinder erziehen. Ich kenne dich; wenn ich zu dir sage: meine arme kleine Amandine soll ein braves Mädchen werden, sprich mit ihr in diesem Tone, so wirst du eine gute Mutter für sie sein, ich weiß es.« – »Ach, ich danke dir, Martial, ich danke dir.«

»Wir leben als rechtschaffene Leute; wir finden Arbeit, verlaß dich darauf, und wir wollen arbeiten wie Sklaven. Die Kinder sollen wenigstens nicht werden wie ihr Vater und ihre Mutter. Aber was ist dir? was hast du?« – »Martial, es ist zu viel! Eben darum wollte ich dich ja bitten, mit dir in den Wald zu ziehen, hinfort dort leben als deine ehrsame Frau – als die Frau eines mit einer einträglichen Stelle bekleideten ehrlichen Mannes!«

Martial sah sie nun seinerseits mit Verwunderung an, denn er verstand ihre Reden nicht. »Was faselst du von einer Stelle?« – »Du sollst Waldhüter werden.« – »Und bei wem?« – »Die Gönner des Mädchens, das ich gerettet habe, wollen dich damit versorgen.« – »Ach, das wäre ja großartig,« rief Martial, »der Franz ist zwar noch nicht völlig verdorben, aber doch so lange bei den andern Geschwistern gewesen, daß es ihm im Walde besser gefällt als in der Stadt. Amandine könnte dir in der Wirtschaft zur Hand gehen, und ich gebe gewiß einen Jäger ab so gut wie irgend einer, der eine Büchse führen kann, bin ich doch kein schlechter Wilddieb gewesen. Du aber wärst meine Hausfrau, gute Wölfin, und dann hätten wir Kinder, was fehlte uns noch? Hat man sich einmal an den Wald gewöhnt, so fühlt man sich darin wie zu Hause; man könnte hundert Jahre da leben, ohne daß man Langeweile fühlte. Aber bin ich nicht ein Narr? Du hättest von solch schönem Leben lieber nichts sagen sollen – es erweckt Sehnsucht und kann einem doch nichts nützen!«

»Wenn die arme, kleine Schalldirne sich täuscht, so liegt es an den andern, denn sie sah ganz aus, als glaubte sie, was sie sagte. Uebrigens sagte mir die Aufseherin, als ich das Gefängnis verließ, ihre Gönner, die gar vornehme Leute wären, hätten auch ihre Freilassung bewirkt, doch wohl ein Beweis dafür, daß sie auch halten kann, was sie mir versprochen hat.« – »Ich weiß aber nicht,« sagte Martial, indem er rasch aufstand, »was wir eigentlich denken.«– »Was meinst du?« – »Das junge Mädchen liegt unten vielleicht im Sterben, und statt ihr beizustehen, sitzen wir da und schwatzen.« – »Beruhige dich, Franz und Amandine sind bei ihr, und wenn es schlimmer mit ihr geworden wäre, wären sie sicher heraufgekommen. Aber du hast recht, wir wollen zu ihr gehen; du mußt sie sehen, verdanken wir doch ihr all unser Glück!« Martial stützte sich auf den Arm der Wölfin und ging die Treppe hinunter.

Marienblume, von Franz und Amandinen neben das Feuer in der Küche getragen, lag noch immer ohne Bewußtsein, als der Graf von Saint-Remy mit dem Doktor Griffon aus Niklas' Boot stiegen, auf dem sie vom andern Ufer herübergekommen waren. Der Doktor nahm sich der Ohnmächtigen sofort an. Er war ein hagerer, bleicher Mann von hoher Figur mit Glatze. Sein Gesicht verriet Kälte, aber auch nicht ungewöhnlichen Verstand.. »Eine hervorragende Schönheit!« sagte der Graf, das Mädchen mit traurigem Blicke betrachtend, »und noch so jung!« – »Das Alter hat nichts zu sagen,« erwiderte der Arzt rauh, »auch nicht das Wasser, das sich in den Lungen schon angesammelt hat.« – »Glauben Sie, das Mädchen noch retten zu können?« – »Viel Hoffnung ist nicht vorhanden,« versetzte Doktor Griffon, »sind doch die Extremitäten schon kalt!«

In diesem Augenblicke kam Martial herein, auf den Arm seiner Liebsten gestützt, die sich den karierten Umhang seiner Schwester umgenommen hatte. Als der Graf ihn sah, fragte er, wer der Mann sei.. »Mein Mann,« antwortete die Wölfin, auf Martial einen unbeschreiblichen Blick voll Stolz und Liebe heftend. – »Ei, Sie haben eine recht mutige Frau,« sagte der Graf zu Martial, »ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie sie dies junge Mädchen da aus dem Wasser gefischt hat!« – »Das wohl,« antwortete Martial, »brav und unerschrocken ist sie, das muß man sagen, hat sie mich selbst doch auch eben aus höchster Not gerettet!« – »Aber, Mann, was ist denn mit Ihren Händen geschehen? Die sind ja ganz zerhackt!« – Doktor Griffon sah sich um, ließ sich die Hände Martials zeigen und hieß ihn sie auf- und zumachen ... »Zum Glück,« sagte er, »ist keine Sehne verletzt. Der Mann wird die Hände also wieder brauchen können.« – »Gott sei Dank!« rief die Wölfin; »und das Mädchen unten? Sie kommt doch mit dem Leben davon? Wie?.. Es wäre ja gräßlich, könnten wir ihr nicht einmal danken für alles, was wir ihr schulden!« Und zu Martial gewandt, sagte sie: »Da sieh! Hier liegt sie, und ihr verdanke ich es, daß ich jetzt andere Anschauungen vom Leben und von meinem Verhältnis zu dir habe.. Sie hat mir erst den Gedanken eingegeben, her zu dir zu gehen und dir alles zu sagen, wie es mir ums Herz ist.. Und nun fügt es der Zufall, daß ich sie aus Todesgefahr erretten mußte!«

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