Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Florestan fuhr vor dem starren Ausdruck, den das Gesicht seines Vaters annahm, entsetzt zusammen und stotterte: »Ein Ende nehmen? Vater! Was meinen Sie mit diesen Reden?«
Da wurde heftig an die Tür geklopft... Florestan wollte hinstürzen; aber der alte Graf packte ihn mit eiserner Faust am Handgelenk und hielt ihn zurück... »Wer begehrt Einlaß?« fragte er. – »Ich bin Polizeikommissar und soll Haussuchung halten. Ein Herr von Saint-Remy ist angeschuldigt, Diamanten gestohlen zu haben. Juwelier Baudoin hat die Anzeige erstattet. Wird nicht geöffnet, muß ich Gewalt brauchen.« – »Also schon beim Spitzbuben angelangt?« rief der Graf leise, aber mit markdurchdringender Stimme; »ich habe mich also nicht getäuscht.« Er trat einen Schritt näher zu dem Sohne heran... »Es ist der Schande genug. Kommen wir zum Abschluß! Du wirst dir auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn du nicht zum Mörder an mir werden willst. Denn weigerst du dich, es zu tun, so schieße ich mich vor deinen Augen nieder!«
Er gab seinem Sohne ein Pistol in die Hand, das er kaltblütig aus der Tasche genommen hatte. Totenbleich wich Florestan vor dem Greise zurück, der ihn noch immer an der Hand hielt. Aus dem Blicke seines Vaters konnte er ersehen, daß er auf kein Mitleid rechnen durfte... Ein verzweifelter Entschluß beseelte ihn, er leistete dem Vater keinen Widerstand mehr, sondern rief mit Festigkeit und Ergebung: »Sie haben recht, Vater, geben Sie die Waffe her! Mein Name ist entehrt. Ich habe ein schlimmes Leben zu erwarten, das der Mühe, es zu erhalten, nicht lohnt... Her die Waffel Ich will Ihnen zeigen, daß ich kein Feigling bin!«
Draußen krachte die Tür und brach in Trümmer... »Vater, sie kommen... Ja, ich fühle, der Tod wird mir eine Wohltat sein ... Gehen Sie den Leuten entgegen, damit kein Verdacht wider Sie aufkomme! Brächen sie herein, dann möchten sie mich an der Tat hindern ...«
Schritte klangen aus dem Vorzimmer. Florestan setzte das Pistol aufs Herz. In demselben Moment knallte der Schuß, als der Graf, dem gräßlichen Anblicke zu entgehen, das Gesicht abwendend, aus dem Zimmer eilte ...
Als der Kommissar den Knall hörte und des alten Grafen entsetztes Gesicht sah, blieb er einen Moment auf der Schwelle stehen und winkte seinen Leuten, nicht weiter zu gehen ... »Herr Graf,« wandte er sich zu dem alten Saint-Remy, »ersparen Sie sich einen schmerzlichen Anblick und gehen Sie aus diesem Hause ... Mir liegt jetzt eine traurigere Pflicht ob, als die mich herführte!« – »Sie haben recht,« versetzte der Graf ... »wie hoch beläuft sich die Summe, um die der Juwelier bestohlen worden?« – »Auf 30 000 Franks,« antwortete der Polizeikommissar, »die Person, die sie kaufte und durch die der Diebstahl an den Tag kam, hat diese Summe an – Ihren Sohn dafür bezahlt.« – »Nun, den Betrag zu decken, wird mein Vermögen gerade noch reichen. Sagen Sie dem Bestohlenen, er möge sich zum Bankier Dupont bemühen; er wird die nötigen Weisungen dort vorfinden.«
Der Kommissar verbeugte sich, und der Graf ging. Im andern Augenblick ging die Tür zum Kabinett auf, und ein Beamter trat herein ... »Der Patron ist auf und davon!« rief er; »so hat uns noch keiner genasführt!« – »Was?« rief der Kommissar, in das Zimmer stürzend, worin nicht die geringste Spur von dem tragischen Ereignis wahrzunehmen war, unter dessen vermeintlichem Eindrucke der alte Graf eben das Haus verlassen hatte ... Im Nu gewahrte er die Tapetentür und riß sie auf ... »Also auf diesem Wege ist er entflohen?« rief er. »Wer hätte solcher Finte sich versehen!«
Vor des Vaters Augen hatte der Vicomte wohl das Pistol abgeschossen, aber nicht aufs Herz, sondern zwischen dem Arme hindurch gezielt und war, durch den Rauch verhüllt, im selben Augenblicke durch die Tapetentür entwischt, als sein Vater den Polizisten entgegenging. Vom Boudoir aus hatte er das Treibhaus, von da das Gäßchen gewonnen und den Weg nach den elysäischen Feldern genommen.
Drittes Kapitel.
Wieder auf der Seine-Insel
Am andern Tage verließ Marienblümchen das Gefängnis Saint-Lazare und begab sich in Ferrands Haus, wo sie von Frau Seraphim in Empfang genommen wurde. Sie trug die ländliche Tracht, die sie in Bouqueval getragen hatte. Es war dem Notar ein Leichtes gewesen, ihre Freilassung zu erwirken, und niemand im Gefängnisse zweifelte daran, daß dieselbe durch die Marquise von Harville erwirkt worden sei, die sich bei der Aufseherin so angelegentlich erkundigt hatte: So verdorbenen Sinnes auch die Seraphim war, so fühlte sie doch jetzt Mitleid mit dem liebreizenden Mädchen, das sie als Kind im Auftrage Ferrands an das unter dem Namen Eule bekannte böse Weib überantwortet hatte und jetzt dem sichern Tode zuführen wollte.
»Wir fahren doch zur Frau Georges nach Bouqueval;« fragte Marienblümchen. – »Jawohl, mein Kind,« versetzte die Seraphim, »zu Frau Georges, doch nicht gleich; erst machen wir noch einen kleinen Abstecher, damit Sie nach allem Verdruß, den Sie gehabt haben, auch ein klein wenig Freude haben ... Kommen Sie, kommen Sie! Der Wagen wartet schon auf uns.«
Sie standen unter dem hohen Portal, das auf die Straße Faubourg Saint-Denis führt, als sie einem Mädchen in den Weg liefen, das auf dem Wege ins Gefängnis zu sein schien, um eine Insassin desselben zu besuchen ... Im andern Augenblicke hatte Marienblume in dem Mädchen ihre ehemalige Zellenkameradin, Lachtaube, erkannt... »Ei, Schalldirne!« rief da ihrerseits die Grisette... und beide sanken einander in die Arme... »Aber trifft sich das gut!« rief Lachtaube... »ist das eine Ueberraschung! Wir haben uns so lange nicht gesehen und müssen uns gerade jetzt wiedersehen, wo ich auf dem Wege ins Gefängnis bin, eine andere arme Leidensgenossin zu besuchen!« – »Ach, Lachtaube!« erwiderte Marienblume, »das hätte ich mir auch nicht träumen lassen ... Ich will aufs Land hinaus zu einer guten lieben Frau ... Frau Georges heißt sie... draußen in Bouqueval ... Doch sprich! Wen willst du im Stockhause aufsuchen?« – »Ach, die arme Luise Morel aus der Rue du Temple ... das Kind eines ehrlichen Steinschneiders, der über all dem Unglück, das ihn verfolgt, den Verstand verloren hat!«
Frau Seraphim fuhr zusammen, als sie den Namen Morel hörte, der auch eines der Opfer war, die Notar Ferrand auf dem Gewissen hatte. Sie kannte das Mädchen nicht, das zu den Bekannten Marienblümchens gehörte, horchte aber nichtsdestoweniger aufmerksam auf das Gespräch, das die beiden Mädchen zusammen führten.
»Ach, Kind, ich muß dir noch ganz was anderes sagen,« plauderte Lachtaube weiter, »wie du mich hier siehst, so komme ich aus dem Männergefängnisse in unserm Viertel. Sieh doch mein Körbchen an: es hat zwei Abteilungen ... jede Hälfte hat ihre Bestimmung: die eine enthält das, was ich der armen Luise, die andre, was ich dem armen Germain bringe.« – »Germain? Germain?« fragte Marienblümchen, »wer ist denn das?« – »Ach, ein lieber Mensch, ein ehemaliger Nachbar von mir, der ehrlichste Mensch unter Gottes Sonne, dem ich von Herzen gut bin wie einem Bruder, der aber von einem schlimmen Manne verfolgt wird... demselben, der auch die arme Luise ins Gefängnis gebracht hat... Ach Gott, wie ist es bloß möglich, daß es so grundschlechte Menschen in der Welt gibt!«