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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Frau Seraphim hatte abermals die Ohren gespitzt, als sie den Namen Germain hörte... Lachtaube hatte zwar keinen unmittelbaren Grund, ihr zu mißtrauen, sie gedachte aber der Warnungen, die Rudolf ihr mit auf den Weg gegeben, und sah es deshalb, um der Möglichkeit, noch mehr auszuplaudern, entrückt zu werden, nicht ungern, daß Frau Seraphim die Freundin zum Aufbruche drängte ...

»Du bist und bleibst eben die gute, liebe Seele, die all und jedem helfen möchte, der in Not und Trübsal gerät ... Du bist wohl dem Germain so recht von Herzen gut? Wie?« – »O, warum sollte ich nicht?« erwiderte Lachtaube, »es ist doch schrecklich, wenn jemand nichts Böses getan hat und von solch bösem Menschen ins Gefängnis gebracht wird! Der alte Wicht ist hinter den beiden armen Menschen her wie der Teufel, trotzdem ihm keins von beiden das geringste zu leide getan hat. Aber nur Geduld! An ihn wird schon auch noch die Reihe kommen.«

»Wie heißt denn der schlimme' Mann, von dem Sie das erzählen?« fragte Frau Seraphim, nachdem sie abermals zum Aufbruche gedrängt hatte. – »Ferrand heißt er, liebe Frau,« antwortete Lachtaube, »und ist Notar, um so schlechter also ist's von ihm, die Menschen in Jammer und Not zu bringen, da es doch seine Pflicht wäre, sie daraus zu erlösen!« – Da traf sie ein böser Blick der Frau, so daß Lachtaube unwillkürlich zusammenschreckt und einen ängstlichen Blick auf die Freundin heftete.

»Länger warten wir nun aber nicht, Kind,« sagte die Seraphim zu Marienblümchen, »ihr habt schon über eine Viertelstunde zusammen geschwatzt. Wir laufen ja Gefahr, den ganzen Tag zu versäumen. Und wer soll den Wagen für die müßig verlorene Zeit bezahlen?« – Lachtaube trat zu der Freundin, während die Seraphim sich zu dem Kutscher wandte, und flüsterte ihr zu: »Du, weißt du, gegen die Frau habe ich eine seltsame Abneigung ... ich sage dir, nimm dich vor ihr in acht!« Und laut fuhr sie fort, als die Seraphim sich wieder zu ihnen wandte: »Kommst du wieder nach Paris, meine Liebe, dann vergiß nicht, bei mir vorzusprechen; ich werde mich immer freuen, dir guten Tag zu sagen.«

Die beiden Mädchen küßten einander; Lachtaube ging in das Gefängnis mit dem ihr von Rudolf verschafften Erlaubnisscheine Luisen zu besuchen, während Marienblume mit Frau Seraphim in den Wagen stieg, der sie nach der Seine-Insel führen sollte.

Dort lagen drei Kähne am Aussteigeplatze angebunden. In einem kauerte Niklas, die Klappe probierend, die er darin angebracht hatte, während die ältere Schwester, Kürbis benannt, auf einer Bank vor der grün angestrichenen Laube stand, die Hand wie einen Schirm über die Augen deckend und in der Richtung Ausblick haltend, von woher Frau Seraphim mit Marienblümchen erwartet wurde.

»Niklas,« sagte die Schwester, »Martial scheint zu schlafen, wenigstens hat er sich heute früh nicht wieder gerührt, und auch sein Hund verhält sich still.« – »Vielleicht hat er ihm den Hals umgedreht, um sich an ihm satt zu fressen. Zwei Tage haben sie schon nichts zu brechen und zu beißen, und müssen ja schon halb verhungert sein.« – »Das wird ihn schon kirre machen,« sagte Niklas, »aber aushalten kann ers weit länger, sage ich dir. Wenn er verhungert, so heißt's dann eben, man hat nicht gewußt, wo er steckt; dann wird kein Hahn nach ihm krähen. Mir wäre eine schnellere Weise lieber gewesen.« – »Ein anderes Mittel, zum Ziele zu kommen, gab es eben nicht. Wenn Martial wild wird, dann ist er schlimmer als ein Teufel, zudem stark wie ein Bulle. Ohne Gefahr hätten wir ihm nicht auf den Leib rücken können. Nachdem wir aber seine Tür von außen verrammelt und das Fenster mit dem von Micou gekauften Eisenblech vernagelt hatten, konnte er uns nicht mehr schädlich werden.« – »Ein Glück, daß es in seiner Kammer an einem Kamine fehlt.« – »Jawohl, und daß die Tür fest ist, und daß wir ihm die Hand mit dem Beile zerschlugen... sonst wäre er imstande, sich durch die Dielen ein Loch zu graben!« – »Daß bloß die Wölfin nicht aus dem Gefängnisse bricht und ihren Liebsten bei uns sucht! Dann...« – »Na, was denn dann? Soll sie ihn sich doch suchen!« Jetzt erblickte Kürbis die beiden Personen, auf die so sehnlich sie wartete; im selben Augenblicke trat aber auch die Mutter zu ihnen, die unwillkürlich einen Blick zu dem Fenster hinaufwarf, hinter dem ihr ältester Sohn eingesperrt war ... »Es ist doch bloß seine Schuld!« murmelte sie, die Brauen zusammenkneifend, konnte sich aber eines Schauders nicht erwehren.

Kürbis zeigte auf die den Fußweg entlang kommenden beiden Frauen, auf Seraphim und die Schalldirne, alias Marienblume, und rief Niklas zu: »He! Siehst du sie? Eine Städtische und eine vom Lande, Niklas!« – »Ach, die Dicke kenne ich ja,« erwiderte Niklas, »wir müssen uns nun darüber verständigen, wie wir uns verhalten wollen. Ich werde die Alte und die Junge ins Boot mit der Klappe hinein nehmen; im andern folgst du mir und hältst dich so dicht neben dem andern, daß ich im rechten Moment hinüberspringen kann, ohne mich und dich dabei in Gefahr zu setzen ... hörst du?« – »Habe keine Bange,« sagte Kürbis, »sieh! jetzt winkt die Alte mit dem Tuche!« – »Komm, Mutter, komm!« antwortete Niklas, das Boot losmachend, »setz dich mit in mein Boot! Dann werden die beiden drüben nicht Gefahr wittern ... Kürbis mag ins andere springen und tüchtig ausgreifen mit den Rudern ... Da, nimm den Haken und lege ihn neben dich, falls wir staken müssen ... So, und nun vorwärts!«

Nach wenigen Augenblicken hatten die beiden Kähne das Ufer gewonnen, wo Madame Seraphim mit Marienblümchen wartete. Niklas band sein Boot fest. Die Seraphim trat zu ihm und sagte leise: »Sagen Sie, daß Frau Georges uns schon lange erwarte.« Dann sagte sie laut: »Wir haben uns leider etwas versäumt.« – Und Niklas erwiderte: »Ja, das haben wir gemerkt, denn Frau Georges hat schon ein paarmal hergeschickt und fragen lassen, wo wir bleiben ...«

»Nun, Sie hören also,« wandte Frau Seraphim sich an das Mädchen, »daß wir uns beeilen müssen, wenn wir die liebe Frau nicht ärgerlich machen wollen!« – Marienblümchen war es bei dem Anblick der beiden Geschwister Niklas und Kürbis nicht recht geheuer gewesen, die Worte der Frau beruhigten sie aber wieder. Sie lehnte sich leicht auf die Hand, die Niklas ihr bot, und stieg in das Boot ... »So! Und nun steigen Sie ein,« sagte Niklas zur Frau Seraphim, die aber, ob nun von einer Ahnung bestimmt, oder von Mißtrauen erfüllt, meinte, es möchte doch wohl geratener sein, sich in das andere Boot zu setzen ...

Niklas antwortete, ihm könnte das gleichgiltig sein, warf seiner Schwester einen vielsagenden Blick zu und stieß ab. Als die Seraphim sich neben sie gesetzt hatte, stieß auch die Kürbis ab, und langsam entfernten sich beide Kähne vom Ufer ...

Viertes Kapitel.

Frohes Wiedersehen

Kurz nach Marienblümchens Weggang aus Saint-Lazare war auch die Wölfin in Freiheit gesetzt worden. In ihrem Gemüte hatte sich durch den Aufenthalt daselbst eine vollständige Wandlung vollzogen, sie hatte ihr früheres Leben verachten lernen; jetzt schwebte ihr ein Leben in Ehren und Arbeit, wie es Marienblümchen ihr geschildert hatte, vor, und ihr einziges Ziel war, sich mit Martial vorm Altare als Christin trauen zu lassen, um dann als seine von Gott und den Menschen anerkannte Ehefrau einsam und verborgen mit ihm im Walde zu leben. Begreiflich, daß all ihr Sinnen und Trachten sich darauf richtete, mit Martial so schnell wie nur möglich zusammenzutreffen. Nun hatte sie aber seit einer Reihe von Tagen gar keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Sie meinte, am sichersten zu gehen, wenn sie ihn auf der Seine-Insel suchte, und falls sie ihn dort nicht fände, dort auf ihn zu warten. Sie fuhr nach der Asnières-Brücke, und während die Seraphim mit Marienblümchen am Seine-Ufer unfern vom Gipsofen auftauchte, passierte sie etwa eine Viertelstunde vorher die Brücke. Da nun Martial sich in seinem Boote nicht sehen ließ, sie herüberzuholen, wendete sie sich an den in der Nähe aufhältlichen Fischer Ferot, einen silberhaarigen Greis, der vor der Tür seiner Hütte, mit dem Ausflicken von Netzen beschäftigt, saß. Schon von weitem rief sie ihm zu, sein Boot zur Ueberfahrt fertig zu machen.

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