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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Ach, Sie sinds, Mamsell?« antwortete er, »guten Tag, guten Tag! Hab Sie ja lange nicht gesehen, aber heute überzusetzen, geht nicht an, geht wirklich nicht an, Mamsell!« – »Aber, Vater Ferot, warum denn nicht?«

– »Ja, sehen Sie, Mamsell, mein Junge hat das Boot mitgenommen und ist mit nach Saint-Ouen zum Wettfahren ... Am ganzen Ufer ist kein Boot heute aufzutreiben.«

– »Aber ich muß hinüber, Vater Ferot.« – »Ja, Mamsell, es wird eben nicht gehen! Und auf Martial werden Sie auch nicht rechnen dürfen, denn soviel ich weiß ..« – »Was wissen Sie?« rief die Wölfin, den Greis am Kragen packend, »ist er etwa krank?« – »So krank, daß er sich nicht rühren kann!« – »Aber dann hätte ers mir doch geschrieben, Ferot!« – »So? Wenn er sich nicht rühren kann?« – »Aber auf der Insel ist er doch?« – »Nun, was ich weiß, will ich Ihnen erzählen,« erwiderte Ferot, »denn sehen Sie, der Martini, wenn er auch ein Hitzkopf ist, ist doch ein guter Kerl, und es wäre wirklich jammerschade, wenn er durch die schlimme Alte, seine Mutter, oder durch seinen noch schlimmern Bruder ins Unglück geraten sollte!«

»Ferot, Ferot!« rief die Wölfin, »erzählen Sie, erzählen Sie! Sie sehen ja doch, daß mich der Schlag zu rühren droht!« – »Ist das ein Mädel, ist das ein Mädel!« rief Ferot; »lassen Sie mich doch bloß nachdenken! Also erstens muß ich Ihnen sagen, daß Martial mit seiner Familie schlechter steht als je, so daß ich mich gar nicht wundern würde, wenn sie ihm mal eins versetzten. Drum tuts mir ja auch so leid, daß ich gerade jetzt mein Boot nicht da habe, denn wenn sie etwa denken sollten, die drüben würden Sie holen, so sind Sie arg auf dem Holzwege!«

»Darauf rechne ich nicht ... Aber Martial ist noch auf der Insel? He?« rief das Mädchen. – »Aber lassen Sie mich doch ausreden! Heute morgen sagte ich zu der Witwe: »Wo steckt denn Martial? Ich habe ihn wohl schon drei Tage nicht gesehen. Ist er etwa in der Stadt? Sein Boot liegt ja drüben noch immer angebunden.« – Darauf guckt mich die Witwe groß an und erwidert: »Drüben auf der Insel liegt er krank, und an seinem Aufkommen zweifelt jeder, der ihn sieht... Ich glaube auch nicht mehr dran.« – Da dachte ich bei mir: Wie mag das wohl zugehen? Vor drei Tagen war er noch blitzmunter ... Da sah ich, daß die Witwe wieder weg wollte ... Ich rufe ihr nach: Wohin denn, Nachbarin, wohin?«

Aber die Wölfin, von namenloser Angst und Wut befallen, hörte schon nicht mehr auf ihn, sondern war schon ein weites Stück an der Seine entlang unterwegs. Ohne auf ihre Umgebung zu achten, rannte sie weiter, bloß beherrscht von der Sorge um ihren Liebsten, und so gewahrte sie auch nicht, daß zwei Männer an ihr vorbeischritten ... Es waren der Graf von Saint-Remy, der am linken Seine-Ufer, fast dicht an der Stelle, wo sich die Wölfin jetzt befand, sein Landhaus hatte, und Doktor Griffon.

Durch die Weiden und Pappeln hindurch konnte die Wölfin das Dach der Hütte sehen, wo ihr Martial jetzt vielleicht im Sterben lag! Ein lautes Ach! ausstoßend, warf sie Schal und Haube von sich, streifte ihr Kleid vom Leibe und sprang im Unterrocke, ohne sich zu besinnen, in den Fluß, um nach der Insel hinüber zu schwimmen. Da ertönte von der andern Seite der Insel ein lautes Angstgeschrei zu ihr herüber ... ein Schrei aus Todesverzweiflung ... Die Wölfin erschrak ... Der Schrei erklang von neuem, aber schwächer, wie bittend, krampfhaft, aus sterbender Brust ... Dann war alles totenstill ...

Der Graf und der Doktor, die die Wölfin an ihrem Beginnen nicht hatten hindern können, hatten die Angstrufe vernommen und blieben erschrocken stehen... »Die Arme ertrinkt doch,« sagte der eine. Aber sie sorgten sich ohne Grund, denn Martials Geliebte schwamm wie ein Otter, und nach wenigen Armstößen gelangte das mutige Mädchen ans Ufer. Schon hatte sie wieder Grund unter den Füßen und hielt sich, um aus dem Wasser zu steigen, an einem der eingerammten Pfähle, die am Ausgange der Insel eine Art Staket bildeten, als plötzlich, vom Strome getragen, der Leib eines jungen Bauernmädchens herantrieb. All ihre Kraft zusammenraffend, packte die Wölfin den treibenden Menschenleib und hob ihn auf die Achseln, trug ihn aus dem Wasser ans Land und bettete ihn auf dem Uferrasen ...

»Mut, Mut!« rief Graf von Saint-Remy ihr zu, der mit dem Doktor Griffon das mutige Werk mitangesehen, »warten Sie! Wir eilen über die Asnières-Brücke und kommen Ihnen mit einem Boote zur Hilfe.« – Kurz darauf führte der Strom eine andere Leiche hinweg, ohne daß die Wölfin sie bemerkte: es war die Haushälterin des Notars, die verschwinden zu lassen Niklas ebenso großes Interesse hatte wie Notar Ferrand selbst. Niklas hatte sie ins Wasser geschleudert, als er sich in das andere Boot hinüber gerettet hatte, und ihr durch einen Schlag mit dem Ruder den Garaus gemacht.

Aufs äußerste erschöpft, kniete die Wölfin neben dem geretteten Mädchen in das Gras und sah ihr ins Gesicht ... »Die Schalldirne!« rief sie plötzlich, ganz erschrocken ... »ist das aber ein seltsamer Vorgang!« Eine Weile fand sie vor Staunen keinen Gedanken. Dann sann sie weiter: »Wollte ich nicht eben noch dem Martial alles von ihr erzählen, was sie mir im Kasten drin gesagt und getan! Ach, das arme Ding! Wie kommt sie bloß in die Seine! Nein! Daß ich sie nun tot finden muß! Aber ich irre vielleicht? Vielleicht lebt sie noch!« Und sich dichter über das Mädchen beugend, legte sie das Ohr auf dessen Herz und meinte, ihren Atem zu hören ... »Gott, ach Gott!« lallte sie, »sollte ich sie im letzten Augenblicke noch gerettet haben! Ja ja, sie lebt! O, ist das aber eine Freude für mich!« und wieder nach einer Weile sinnierte sie weiter: »Und mein Mann? Vergesse ich ihn ganz über der Dirne? Und wenn nun er, statt ihrer, im Sterben läge? Habe ich nicht eben gehört, daß seine Mutter und sein Bruder imstande wären, ihn zu ermorden!« – Nicht daran zweifelnd, daß die Witwe Martial und deren Tochter so schlecht nicht sein könnten, der vom Ertrinken Geretteten Beistand und Hilfe zu weigern, rannte sie nach der Hütte hin.

Niklas hatte sich mit seiner Mutter und Schwester, als Martials Liebste auf den höchsten Punkt der Insel gelangte, bereits zu Rotarm auf den Weg gemacht, in der festen Meinung, den Doppelmord glücklich vollführt zu haben, und gleichzeitig mit ihm war ein Mann, der hinter dem Gipsofen ungesehen Zeuge des gräßlichen Vorganges gewesen war, dahinter vorgekrochen; und dieser Mann war kein anderer als Notar Ferrand ... Kaum hatte er seinen Schlupfwinkel verlassen, als Graf von Saint-Remy mit Griffon über die Asnières-Brücke gingen, um auf dem Niklasschen Boote, das sie von weitem gesehen, zur Insel hinüber zu fahren.

Zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Wölfin die Tür der Hütte, in der Martials hausten, verschlossen. Marienblume war noch immer ohnmächtig. Die Wölfin legte sie auf den Rasen und ging um die Hütte herum. Sie wußte, in welcher Stube Martial zu nächtigen pflegte, und erschrak nicht wenig, als sie den Fensterladen mit Blech verschlagen und durch zwei Eisenstangen verbarrikadiert fand ... Auf der Stelle erriet sie den Zusammenhang und rief mit aller Kraft »Martial, Martial!« – Keine Antwort.

Erschrocken darüber, daß sich nichts in der Hütte regte, rüttelte sie an den Eisenstangen vor dem Fenster, schlug gegen die Mauer, schlug an die Tür. Endlich gab ihr ein schwaches, ein paarmal wiederholtes Klopfen Antwort ... Da sah die Wölfin eine große Leiter hinter einem Fensterladen des untern Saales stehen. Als sie heftig an dem Laden rüttelte, fiel ein Hausschlüssel auf die Erde, den die Witwe Martial dort versteckt hatte... Sie versuchte, ob der Schlüssel zur Tür paßte, und als sie sah, daß dies der Fall war, rief sie freudig: »Warte, warte, Martial! Jetzt befreie ich dich! Im Augenblick bin ich bei dir!« Als sie in die Küche trat, hörte sie die Kinder rufen, die im Keller eingesperrt waren und sobald die Wölfin aufgeschlossen hatte, ihr entgegen sprangen.. »Ach!« riefen sie, »liebe Wölfin, rette doch den armen Martial, der oben verhungern soll, und den die böse Mutter seit zwei Tagen oben in der Kammer eingesperrt hält.« – »Ist er verletzt?« fragte die Wölfin. – »Nein, soviel wir wissen, nicht.« – »Nun, so komme ich ja gerade noch zur rechten Zeit,« erwiderte die Wölfin, zur Treppe eilend; aber kaum war sie ein paar Stufen hinaufgeeilt, so kehrte sie um und sagte: »Ach, und die arme Schalldirne vergesse ich ganz? Amandine, mach sogleich Feuer an und trage mit deinem Bruder ein armes Mädchen an den Kamin, das ich aus der Seine gerettet habe, knapp vorm Ertrinken.. Sie liegt unten in der Laube.«

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