Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Weinberg, du kapierst es nicht!« Der Turkmene sah seinen jüdischen Mitstreiter aufgebracht an. »Es ist nur ein Versuch. Bei Leonards Genesung durfte jeder von uns miterleben, über welch außergewöhnliche Fähigkeiten der Tunguse verfügt.
Sein Sohn behauptet, er könne sogar auf Kommando einen Blitz erzeugen. Wenn es uns gelingt, die Sprengladung mit Hilfe einer elektrischen Funkenentladung in einer Feldstärke von vier bis fünf Millionen Volt pro Meter zu zünden, und das bei einer Stromstärke von vielleicht zweihunderttausend Ampere, weiß ich wenigstens, ob die Energie zur Zündung ausreichen kann oder nicht. Unser Leben und das unserer Angehörigen hängt davon ab, ob wir den Großfürsten und seinen Neffen mit diesem Theater beeindrucken können. Danach bleibt immer noch Zeit, nach Alternativen zu suchen. Im Augenblick habe ich leider keine Idee, wie ich unter den bekannten physikalischen Gesetzen etwas erzeugen sollte, das eine höhere elektrische Ladung besitzt als ein Blitz und in der Lage ist, die vorhandenen Komponenten derart zu fusionieren, dass es zu einer Kaskade von Explosionen kommt, die alles bisher da Gewesene in den Schatten stellt.«
Weinberg runzelte die Stirn und warf einen fragenden Blick auf die Aufzeichnungen, die auf Aslans Arbeitstisch lagen.
Der Turkmene bemerkte die Skepsis im Blick des Professors.
»Und was sagt Kommandeur Lobow dazu? Immerhin müsste er seine Erlaubnis zu einem solchen Experiment geben.«
»Kommandeur Lobow hat bereits seine Zustimmung erteilt. Er meinte, der Zar sei solchen Maßnahmen gegenüber aufgeschlossen. Man habe sich erst kürzlich mit einem gewissen Grigori Jefimowitsch Rasputin einen begabten Geistheiler an den Hof geholt, der wahre Wunder vollbringe und in allerhöchsten Kreisen geschätzt werde. Du siehst also, sogar in Regierungskreisen vertraut man auf übersinnliche Kräfte. Also warum nicht auch wir?« Aslan setzte ein entwaffnendes Lächeln auf, dem Weinberg nichts entgegenzusetzen hatte.
»Und was geschieht, wenn deine Überlegungen zutreffen und die Explosion stärker ist als erwartet?«
»Wir werden uns absichern müssen. Aber bis dahin ist es noch ein harter Weg. Mir ist klar, dass ich bei Lobow und seinen Leuten einiges an Überzeugungsarbeit leisten muss. Immerhin haben sie den Schamanen noch einmal ins Lager eingeladen.«
Am nächsten Mittwoch kam Tschirin, der junge Tunguse, um die Antwort seines Vaters zu überbringen. Lobow hatte ihn - neben Weinberg und Aslan - in sein Büro beordert, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen.
Mit schmalen Lidern ließ der Kommandant sein Augenmerk über den Brief schweifen. Offenbar war die Antwort negativ ausgefallen, wie die Anwesenden aus seiner düsteren Miene herauslesen konnten. Als er aufsah, traf sein Blick den hochgewachsenen, schlaksigen Tun-gusen.
Die dunklen Augen Tschirins ruhten furchtsam auf den groben Händen des Kommandeurs, der die ganze Zeit über einen Bleistift in seinen Händen gerollt hatte und ihn nun mit nur zwei Fingern in der Mitte zerbrach.
Lobow winkte einen der zwei Soldaten heran, die an der Tür Wache gestanden hatten, und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Einen Moment später wurde Tschirin von zwei Soldaten überwältigt, um ihm Handfesseln anzulegen. Aslan und Weinberg waren überrascht zur Seite getreten und verfolgten fassungslos, wie Lobows Schergen den jungen Tungusen zu fesseln versuchten. Obwohl Tschirins Glieder schlank und grazil erschienen, war er kein Schwächling. Breitschultrig wie sein Vater und geübt im Schlittenlenken und Holzhacken, verfügte er über eine natürliche Kraft, die es nicht zu unterschätzen galt. Daher kämpfte er nach einem kurzen Moment der Überraschung wie ein Berserker, und es gelang ihm, sich den Soldaten zu entwinden. Doch im Lager warteten fünfzig weitere Soldaten auf ihren Einsatz, und so strömten andere nach, als Tschirin aus der Ba-racke stürmte, nachdem er seine beiden Widersacher hinter sich gelassen hatte.
Mehrere Männer warfen sich auf den verzweifelten Tungusen, als Lobow zu seiner Trillerpfeife griff, die allen Offizieren zur Verfügung stand, um augenblicklich Alarm auszulösen. Grobschlächtige Finger rissen an Tschirins Felljacke. Jemand schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Er schmeckte Blut, und in seiner Panik riss er seinen Dolch vom Gürtel und stieß zu. Die Klinge durchbohrte eine dicke Filzjacke und drang in weiches Fleisch ein.
»Das Tungusenschwein hat ein Messer!«, brüllte jemand.
Im Nu ließ man von ihm ab. Tschirin kam keuchend auf die Füße. Alles drehte sich um ihn herum - die Baracken, die blau gewandeten Männer, die Pelzmützen der Soldaten, die sie ihm Gerangel verloren hatten und die um ihn herum auf dem schmutzigen Schnee lagen wie tote Kaninchen. Aus dem Augenwinkel heraus sah er einen Soldaten, der sich die linke Seite hielt und davonhumpelte. Gleichzeitig ertönten das Ladegeräusch unzähliger Gewehre und die Aufforderung, sich sofort zu ergeben, andernfalls würde man ihn auf der Stelle erschießen.
Das halbe Lager war unruhig zusammengelaufen, und auch Leonard war auf den Tumult aufmerksam geworden. Zusammen mit Pjotr trat er nach draußen. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, wen man da gefangen genommen hatte. Wie betäubt beobachtete er, wie man Tschirin den Pelzmantel herunterriss und an seiner Lederkleidung zerrte, bis man ihn bis auf den Lendenschurz entkleidet hatte. Fast nackt und zitternd stand der Tunguse da. Das lange schwarze Haar hatte sich aus dem Zopf gelöst und bedeckte notdürftig seinen entblößten Rücken.
Lobow, der mit seinen Offizieren hinzugetreten war, rieb sich nachdenklich das Kinn, dann brüllte er: »Bringt ihn in die Arrestzelle!«
Leonard sprang nach vorne und rannte auf dem glatten Schnee zu Lobow hin. Vor dem Kommandeur rutschte er regelrecht auf die Knie. »Warum tun Sie so etwas?« Er schrie beinahe und umfasste die Beine des Kommandeurs. Sofort waren dessen Schergen zur Stelle und schlugen mit dem Gewehrkolben auf ihn ein.
Leonard stürzte und hielt sich die aufgeplatzte Wange, während das warme Blut durch seine Finger rann und sofort gefror. »Was hat er getan, dass Sie ihn so behandeln?«
»Das geht Sie nichts an, Schenkendorff«, erwiderte Lobow mit aller Schärfe. »Wenn Sie mit mir über die Fortschritte Ihrer Arbeit sprechen wollen, lassen Sie sich von Doktor Primanov verarzten und kommen in meine Baracke. Ihre Kollegen sollen sich ebenfalls dort einfinden. Vielleicht werden Sie meine Maßnahme dann verstehen.«
Atemlos und vollkommen verwirrt, beobachtete Leonard, wie man Tschirin in das finsterste Loch im ganzen Lager führte. Hier war Was-siljoff gestorben - halb verhungert, wahnsinnig vor Angst und mit aufgebissenen Pulsadern.
Mit hängenden Schultern fanden sich Leonard und seine Kameraden wenig später bei Kommandant Lobow ein. Die Hoffnung, Tschi-rin aus seiner verzweifelten Lage befreien zu können, war bei Leonard gesunken, nachdem Aslan ihm gesagt hatte, was der Grund für dessen Festnahme gewesen sein könnte.