Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Hast du eine Ahnung, mein Junge! Und du kannst noch nicht einmal etwas dafür!« Tränen standen in ihren Augen. Sie schluckte verkrampft, um nicht weinen zu müssen. »Sie haben das Buch unseres Vaters mitgenommen, Taichin.« Sie sprach so leise, als stünde sie kurz vor einem Zusammenbruch.
Taichin ging auf sie zu und streckte die Hand nach ihr aus, um sie zu beruhigen. »Ich dachte, du hättest es verbrannt? Aber was soll's! Leonid hätte es sowieso irgendwann mal erfahren.«
»Hast du mir nicht zugehört!« Sie schrie ihren Bruder so heftig an, dass Leonid vor Überraschung zurückwich. »Es geht dabei nicht um Leonid, sondern um Lebenov und seine Männer. Wenn sie herausbekommen, was es damals mit der ganzen Sache auf sich hatte und sie erfahren, dass Leonid noch lebt, werden sie ihn jagen, und dagegen ist seine Mitwisserschaft im Tschetschenienkrieg eine Kleinigkeit.«
»Kann mir jemand sagen, um was es hier geht?« Leonid blickte verständnislos zwischen den zwei weißhaarigen Gestalten hin und her.
»Um Aufzeichnungen«, stieß Vera seufzend hervor. »Eine Art Tagebuch. Dein Urgroßvater hat es einst verfasst. Ich hätte es vernichten sollen, aber ich habe es nicht über mich gebracht. Es ist das Einzige, was von ihm geblieben ist. Ich habe ihn einfach zu sehr geliebt, um es dem Feuer zu überlassen.« Sie flüsterte nur noch und sah Leonid mit ihren traurigen blauen Augen an. »So wie ich dich liebe, Wnutschok. Auch wenn du meinem Vater nur in Gestalt ähnlich siehst - du hast die gleiche Stimme und die gleiche Art, wenn du dich bewegst, es ist, als ob ich ihn direkt vor mir stehen sehe. Und wenn die Geister es schlecht mit uns meinen, wirst du für meine Liebe zu euch beiden bezahlen.«
»Was kann an einem Tagebuch so schlimm sein, dass man deshalb schier verzweifeln könnte?« Leonid strich ihr aufmunternd über die wirren Haare.
»Es ist kein gewöhnliches Tagebuch.« Sie sah zu Boden, als ob sie sich schämen müsste. »Dazu kommt die deutsche Frau, die mir nicht weniger Sorgen macht. Sie weiß von dir. Was ist, wenn sie Bashtiri er-zählt, dass du es warst, der sie gerettet hat und wo du zu finden sein könntest?«
»Warum sollte sie das tun?«
»Sie war bei uns in der Hütte und hat dich auf dem Foto erkannt.« Vera Leonardownas Stimme war die Verzweiflung anzuhören.
»Das wird sie nicht«, sagte Leonid flüsternd und drückte sie sanft an sich. »Sie ist eine anständige Frau.«
»Woher willst du das wissen?« In ihrer Stimme lag Protest, aber auch Verwirrung, weil Leonid keinerlei Argwohn hegte.
»Weil er letzte Nacht mit ihr geschlafen hat«, warf Taichin ungerührt ein. Dann nahm er seinen Rucksack ab und forderte mit einer Geste sowohl seine völlig verstörte Schwester als auch Leonid auf, endlich mit ins Haus zu kommen.
Vera hatte sich mit einem entsetzten Blick aus Leonids Umarmung gelöst und folgte ihrem Bruder wutschnaubend ins Haus.
»O Leonid!«, rief sie laut, dass selbst Ajaci den Schwanz einzog und sich winselnd hinterm Ofen verkroch. »Wie konntest du so etwas tun? Hast du den Verstand verloren?«
Leonid war seiner Großmutter mit einigem Erstaunen gefolgt. Sie stand in der Mitte des Raumes und sah ihn mit aufgerissenen Augen an.
Taichin rang sich ein Lächeln ab. »Er ist ein Mann, Vera, kein Gott, vergiss das nicht.« In aller Ruhe zündete er sich eine Birkenholzpfeife an und ließ sich auf dem Boden nieder.
»Kann mir einer erzählen, was in euch gefahren ist?« Leonid wurde die Sache langsam zu bunt. »Und wenn es hier darum geht, Rechenschaft abzulegen, seid ihr beide noch vor mir dran.
Was hat diese Geheimniskrämerei zu bedeuten? Warum hat mir nie jemand etwas von diesem Bunker draußen am Kimchu erzählt?«
Vera wollte von neuem ansetzen, doch Taichin hob die Hand. Dann wandte er sich mit einer freundlichen Miene an seinen Großneffen, doch statt eine Antwort zu geben, brummte er: »Mach uns Feuer, Junge, und einen Tee. Ich glaube, wir können alle etwas Aufmunterung gebrauchen.«
Wieder nickte er seiner Schwester zu, während sich Leonid gehorsam ans Werk machte, in der vagen Hoffnung, dass sich seine Großmutter endlich beruhigen würde.
»Es wird Zeit«, Taichin nahm einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife, »dass der Junge erfährt, woher er kommt und wohin er gehen wird. Du kannst sein Schicksal nicht aufhalten, auch wenn du es noch so gerne möchtest.«
Die Welt sah nach Untergang aus, als der weiße Helikopter mit Doktor Parlowa, Professor Olguth und der sedierten Studentin abhob, um sie in ein Krankenhaus in Krasnojarsk einzuliefern. Olguth hatte sich angeboten, mit einer weiteren Studentin seines Teams den Transport zu begleiten. Das glaubte er, dem Mädchen und ihren Eltern schuldig zu sein. Zudem misstraute er Lebenov und seinen Leuten. In Krasno-jarsk angekommen, wollte er sich umgehend um einen Anwalt bemühen, der die Interessen der Familie vertreten sollte.
»Wenn es so weitergeht«, frotzelte Theisen, »kann Bashtiri bald einen Shuttle-Service einrichten.«
Viktoria schaute kurz zu ihm auf, während sie zusammen zum See hinuntergingen.
»Hat doch prima geklappt«, erklärte sie. »Bei dem ganzen Tumult ist wenigstens niemandem aufgefallen, dass wir das Camp verlassen haben.«
Die Sonne verschwand hinter ein paar unglaublich schwarzen Wolken, und von ferne war ein Donnergrollen zu vernehmen. Viktoria schaute zum Himmel.
»Sieht trotzdem nicht gut aus«, bemerkte Theisen mit einem fatalistischen Grinsen. »Da braut sich ein ziemliches Unwetter zusammen.«
»Merkwürdig, vor einer Stunde war der Himmel noch strahlend blau.«
Trotz der ungünstigen Voraussetzungen für einen längeren Marsch atmete Viktoria auf. Wie befreit bahnte sie sich einen Weg durch das dichte Schilf, hin zu einem verborgenen Weg, auf dem sie am Morgen zusammen mit Kolja zum Camp zurückgelangt war. Rodius hatte, wenn auch nur zögernd, ihrem Vorhaben zugestimmt, als Theisen ihn bat, ihnen ein Alibi zu liefern, für den Fall, dass sie im Camp vermisst wurden.
Wie es aussah, würde ihr Plan funktionieren.
»Und was wollte Bashtiri von dir?« Theisen, der auf ihr kurzes Verhör in der Luxus-Baracke des Oligarchen anspielte, sah sie neugierig an.
»Nichts von Bedeutung.« Viktoria machte eine wegwerfende Handbewegung »Sie wollten wieder einmal wissen, wie der Mann ausgesehen haben könnte, der mich gerettet hat.«
»Und? Hast du es ihnen gesagt?«
»Bist du wahnsinnig? Sein Großvater saß mir gegenüber. Stell dir vor, ich hätte ihn und seine Familie verraten!«
»Was wäre dann?« Theisen sah sie forschend an.
Für einen Moment überlegte Viktoria, ob sie Theisen die ganze Geschichte erzählen sollte - dass Bashtiri und Lebenov versucht hatten, Leonid umbringen zu lassen. Doch dann entschied sie, dass es besser war, wenn er nicht die ganze Wahrheit erfuhr.