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Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.

Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:

Sommer 2008. Hundert Jahre sind vergangen, seit in Sibirien eine verheerende Explosion stattgefunden hat. Viktoria Vandenberg versucht mit zwei anderen deutschen Forschern dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Hat es sich um den Einschlag eines Meteoriten gehandelt? Leo, ein junger Hirte, erzählt Viktoria von seiner neunzigjährigen Großmutter, deren Vater zu den ersten Wissenschaftlern vor Ort gehörte. Die Alte beschwört Viktoria, ihre Nachforschungen einzustellen: Geister, böse Schamanen seien am Werk. Als sämtliche Stromgeneratoren ausfallen, scheinen die Prophezeiungen in Erfüllung zu gehen, erst recht als eine Serie von geheimnisvollen Todesfällen über die Forschergruppe hereinbricht. Doch Viktoria gibt nicht auf. Sie begreift, dass Leo den Schlüssel zu einer Wahrheit besitzt, die weitaus unglaublicher erscheint als ein Meteoriteneinschlag.
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Als er wieder zu dem Platz zurückkehrte, an dem Leonid immer noch in seiner meditativen Haltung saß, sein halb volles Teeglas in Händen, blieb er stehen und kippte seinem verdutzten Großneffen einen Esslöffel gelblichen Pulvers in die restliche Flüssigkeit, die er dann umrührte, bis ein milchiger Brei entstand.

Leonid ließ ihn gewähren, während er fragend zu seinem Lehrmeister aufblickte. Taichin hatte ihn schon mit einigen bewusstseinserweiternden Drogen bekannt gemacht, von denen etliche eine recht angenehme Wirkung entfaltet hatten. Die schönste Erfahrung war ein Flug über die Weiten der Taiga gewesen und der Kontakt zum Geist seiner Mutter, die ihn mit Liebe und Sehnsucht empfing - ein Gefühl unvergleichlicher Wärme, das er nur zu gerne noch länger ausgekostet hätte. Doch es gab auch die andere Seite: Furcht einflößende Dunkelheit, eisige Kälte, die Ahnung von etwas Bösem, dem man sich nur mit äußerster Vorsicht und gewappnet mit dem Schutz der Ahnen nähern durfte, ein Lehrstück in Sachen Verteidigung, wenn man den bösen Geist aus dem Körper eines Kranken verjagen wollte.

Dieses Pulver hatte Taichin bisher noch nicht an ihm ausprobiert.

»Trink!«, befahl er mit ruhiger Stimme.

Leonid sah ihn ungläubig an, doch dann hob er das Glas und setzte es an die Lippen.

Vera Leonardowna hatte alles mit angesehen und bis zu diesem Zeitpunkt kein Wort verloren. Doch plötzlich sprang sie auf und stürzte auf Leonid zu.

»Nicht!«, schrie sie. »Tu's nicht, Junge, es wird dich umbringen!«

Taichin fing sie ab, wie ein Raubvogel, der einem erschöpften Kaninchen auflauert, dabei betrachtete er seine Schwester mit einem mitleidigen Blick.

»Misch dich nicht ein, Vera«, raunte er dunkel. »Er muss erfahren, was in ihm steckt, damit er lernt, es für sich und auch für die Sache zu nutzen.«

Leonid war verwirrt, so hatte er weder seinen Großonkel noch seine Babuschka bisher erlebt. Dass sie ab und an miteinander stritten, war er gewohnt. Dass Taichin gegenüber seiner jüngeren Schwester jedoch handgreiflich wurde, war ihm neu.

»Trink jetzt!«, wiederholte Taichin streng. »Oder willst du nie erfahren, was das wahre Geheimnis deiner Vorfahren ist und warum dich dein Vater von jeher verachtet hat?«

Leonid schluckte. Das Geheimnis seiner Vorfahren interessierte ihn, doch nichts wollte er dringender erfahren als die Wahrheit über seinen Vater. Die Erinnerung an ihn schmerzte immer noch. Schon als kleiner Junge hatte er die Abneigung seines Vaters gespürt, und obwohl er sich immer bemüht hatte, dem meist betrunkenen Grobian zu Gefallen zu sein, war es unmöglich gewesen, dessen Liebe zu gewinnen. Möglicherweise hatte es daran gelegen, dass der Schamane, den man ans Bett seiner Mutter gerufen hatte, von Beginn an behauptet hatte, das Neugeborene sei schuld an ihrem Tod und am Tod all seiner Geschwister. Aber vielleicht lag der Grund auch in einem noch düsteren Geheimnis, das niemand begreifen konnte, der nicht darum wusste.

Leonid kippte den bitteren Trank hinunter und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, um auch noch den letzten Rest zu erwischen.

Taichin stellte sich hinter ihn und legte seine runzeligen Hände auf Leonids Kopf, dann begann er zu summen - erst leise, dann immer lauter in einem rhythmischen Auf und Ab, das Leonid zusammen mit dem magischen Gebräu in eine tiefe Trance versetzte. Nach einer Weile klopfte der Schamane ihm anerkennend auf die Schulter und forderte Leonid wie durch einen Nebel auf, mit ihm nach draußen zu gehen.

Fließend und seltsam körperlos erhob Leonid sich von dem alten Teppich. Taumelnd sah er sich um. Seine Großmutter lag zusammengekauert zu seinen Füßen und weinte. Obwohl sie ihm unendlich leid tat, spürte er einen eigentümlichen Schwindel, der es ihm unmöglich machte, sich zu ihr hinunterzubeugen und sich um sie zu kümmern. Ein Ruck schien durch ihn zu gehen, und mit einem Mal empfand er eine bleierne Gleichgültigkeit allem und jedem gegenüber. Die weinende Vera Leonardowna, die fassungslos zu ihm aufblickte, das Schicksal seines Großvaters, der sich mit Lebenovs Willkür auseinandersetzen musste, ja sogar seine Liebe zu Viktoria, die er tief in seinem Herzen verborgen hielt - all das bedeutete ihm überhaupt nichts mehr. Wie ein gefühlskalter Robotnik marschierte er hinter Taichin her, bis sie vor der Hütte angelangt waren. Dort blieb er abrupt stehen und starrte in den eisblauen Himmel, der sich mehr und mehr über ihm verfinsterte.

Gleichzeitig nahm etwas Dunkles von seiner Seele Besitz.

»Konzentrier dich!« Nur von ferne hörte er die Stimme seines Lehrmeisters.

Hitze stieg plötzlich in seinem Körper auf und drohte ihn zu verbrennen, und ein Sausen um seinen Kopf herum steigerte sich zu einem tosenden Orkan, der jeden klaren Gedanken verdrängte. Die gesamte Energie seines Daseins pulsierte durch seine Adern, wie ein Meer von Strömen, die sich in seiner Mitte zu einem einzigen Strom vereinten. Unwillkürlich presste er seine flache Rechte auf seine Körpermitte und stöhnte laut und unkontrolliert, als ihn ein stechender Schmerz durchfuhr und seinen Bauchnabel nach außen wölbte.

»Und nun lass es hinaus!«, brüllte sein Onkel, so laut und mit einem Echo, als ob er sich auf einer weit entfernten Klippe befände. »Richte es gegen den Horizont, und gib ihm freien Lauf!«

Leonid spürte den gleißenden Ball, der sich aus seiner Mitte erhob, und wie er ihn mit aller Kraft von sich fortschleuderte.

Ein gewaltiger Blitz durchzuckte den Himmel und ging krachend hernieder. Der Boden bebte, und das Licht war so hell, dass Leonid unwillkürlich die Lider schloss. In einem kühnen Sprung wich er zurück, als eine zwanzig Meter hohe Tanne zu Boden ging. In der Mitte sauber gespalten, landete sie mit der Spitze nur knapp vor seinen Stiefeln. Schwer atmend zog er sich in sich selbst zurück. Sein Leib schmerzte immer noch, und in seinem Kopf hämmerte es. Sein rasendes Herz beruhigte sich nur zögernd, während sein Puls langsam zu seinem natürlichen Rhythmus fand.

»Für den Anfang war das gar nicht so schlecht«, bemerkte Taichin mit leichter Ironie in der Stimme.

»Was hast du mit mir angestellt?« Leonid schüttelte sich wie eine nasse Katze und warf einen irritierten Blick um sich, während der Himmel immer noch düster wirkte.

»Das war eine Art Kugelblitz, nur viel stärker«, antwortete Taichin wie selbstverständlich. »Wenn du ein wenig übst, wirst du die Energie auch ohne meine Unterstützung soweit steigern können, bis sie sich in ihr Gegenteil verkehrt. Wer weiß? Eines Tages vermagst du mit deinen Fähigkeiten vielleicht jede konventionelle Nuklearwaffe in den Schatten zu stellen.«

»Bei Ogdy«, begann Leonid vorsichtig. »Hast du wirklich eine Ahnung, Taichin, von was du da redest? Trotz aller Verehrung, die ich dir entgegenbringe - das hört sich zu verrückt an, um wahr zu sein.« Leonid, der sich für einen Moment im Gras niedergelassen hatte, weil er eine plötzliche Schwäche verspürte, sah seinen Großonkel von unten herauf ungläubig an.

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