Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Warum weiß bis heute niemand, was wirklich geschehen ist?«
»Als am Ende der zwanziger Jahre die ersten Wissenschaftler in diese Gegend kamen, war im wahrsten Sinne des Wortes längst Gras über die Sache gewachsen. Niemand hat die Idee geheimer Experimente verfolgt. Schon gar nicht unter Einfluss der Schamanen. Unser Wirken war nach der Machtergreifung der Bolschewiki bei Todesstrafe verboten, und wir wurden weitaus gründlicher verfolgt als je zuvor.«
Leonids Blick wechselte zu seiner Großmutter, die ihn schweigend beobachtete.
»Abgesehen davon, dass es eine fast unglaubliche Geschichte ist. Was hat es mit mir zu tun?«
»Beide Schamanen sind deine direkten Vorfahren. Ich kann es dir nicht erklären.« Taichin sah ihn mit merkwürdig leuchtenden Augen an. »Ich will es dir zeigen.«
23.
Januar 1908, Sibirien - Machtspiele
Viel später hatte sich Leonard immer wieder die Frage gestellt, wie groß seine Mitschuld an den unseligen Geschehnissen tatsächlich gewesen war. Eine Antwort jedoch hatte er bis zu seinem Lebensende nicht gefunden, wenn ihm auch die Überlebenden des Unglücks verziehen hatten, allen voran Tschirin, der guten Grund gehabt hätte, ihn zu hassen.
Wie jeden Mittwoch war der junge Jämschtschik mit seinem Pferdeschlitten ins Tal ohne Wiederkehr gekommen, um Lebensmittel und Holz ins Lager zu bringen, als ein Bote des Kommandeurs erschien und ihm einen wichtigen Brief übergab, den er unverzüglich an Tschutschana, seinen Vater, weiterzuleiten hatte. Es war eine Einladung, wie er erst später erfuhr, als er zu seinem Stamm zurückkehrte und dem Vater den Brief mit dem Siegel des Zaren übergab.
Tschirin war im Grunde nicht neugierig, und doch interessierte es ihn, warum die ungeliebten Russen ein offizielles Schreiben an seinen Vater gerichtet hatten. Während er Pferde und Rentiere mit Heu versorgte, rief sein Vater ihn in die Jurte des Ältesten. Die strenge, ausgemergelte Miene des Schamanen war finster, und nicht nur Tschirin verspürte jenes unwohle Gefühl, das ihn immer befiel, wenn das Familienoberhaupt eines seiner Kinder zu sich rief. Auch Tschirins Mutter wirkte ängstlich und scheuchte den Rest der Sippe aus dem Zelt heraus, damit sich Vater und Sohn unter vier Augen unterhalten konnten.
Tschutschana stand aufrecht mit verschränkten Armen da und bedachte seinen Jüngsten mit einem abschätzenden Blick.
»Hast du ihnen erzählt, dass ich das Wetter beeinflussen kann?«
Tschirin senkte schuldbewusst den Blick. »Ja«, bestätigte er kleinlaut. »Ich dachte, es weiß doch ohnehin jeder in der Gegend, wie mächtig du bist. Sie haben es doch spätestens erkannt, als du den Deutschen ins Leben zurückgeholt hast.«
»Hast du ihnen gesagt, dass ich Blitze erzeugen kann?«
»Was war daran falsch?« Zum ersten Mal wagte Tschirin, zu seinem Vater aufzuschauen.
»Xutekerwe!« Die Stimme des Vaters wirkte bedrohlich, und wenn er ihn trotz seiner Größe und seines Alters »Söhnchen« nannte, so hatte das nichts Gutes zu verheißen. »Was hast du dir nur dabei gedacht? Es gibt zurzeit nur zwei Schamanen in ganz Sibirien, die diese Fähigkeit in sich tragen. Der eine ist Maganhir, unser Erzfeind, und der andere bin ich.«
»Es tut mir leid«, murmelte Tschirin zerknirscht. »Ich war einfach stolz darauf, einen so berühmten Schamanen zum Vater zu haben, der sogar den Geist eines Menschen aus dem Reich der Ahnen zurückholen kann. Ich habe die Augen der Russen gesehen - ihre verächtlichen Blicke, als du in der Jurte vor allen Anwesenden damit begonnen hast, zu schamanisieren. Es war mir eine tiefe Genugtuung, als ich, nachdem du das Kind vollkommen geheilt hattest, die Angst und die Ehrfurcht vor deinen Taten in ihren Augen erblicken konnte.« Er schüttelte demütig den gesenkten Kopf, bevor er seinem Vater erneut in die Augen blickte und eine Hand auf sein Herz legte. »Es soll nicht wieder vorkommen, Vater. Ich verspreche es bei meinen Ahnen.«
»Es ist zu spät«, raunte der Alte. »Sie wollen, dass ich meine Fähigkeiten erneut unter Beweis stelle. Falls ich es nicht tue, drohen sie mit einem empfindlichen Übel.«
»Was hat das zu bedeuten?« Tschirin war blass geworden. »Könntest du nicht einfach sagen, ich hätte mich geirrt, es läge gar nicht in deiner Macht, einen Blitz zu erzeugen?«
»Das wäre gelogen, was niemand besser weiß als Maganhir. Wenn er Wind von der Sache bekommt, wird er sich den Russen freiwillig zur Verfügung stellen, und sei es nur, um uns und unserem Stamm zu schaden.«
»Was haben sie denn überhaupt mit dir vor? Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wie du denkst. Du lieferst ihnen den Blitz, den sie wollen, und damit sind sie zufrieden.« Tschirins Stimme klang hoffnungsvoll.
»Nein, mein Sohn.« Tschutschana schüttelte missbilligend den Kopf. »Sie haben sich etwas weitaus Schlimmeres ausgedacht. Die Geister haben es mir zugeflüstert, in jener Nacht, als ich den Jungen geheilt habe. Sie haben mich vor diesen Männern gewarnt. Sie werden die Welt zerstören, so wie unsere Väter sie gekannt haben. Eines Tages werden sie soviel Macht besitzen, wie noch kein Mensch auf der Erde zuvor, und sie werden alles in Grund und Boden vernichten, was uns Mayin, der höchste aller Götter, geschenkt hat.«
»Denkst du wirklich, Mayin würde das zulassen?«
»Es gibt Geister, die so düster und gefährlich sind, dass selbst Mayin vor ihnen zurückschreckt.«
»Ich dachte immer, er sei allmächtig?«
»Das ist er auch«, flüsterte Tschutschana. »Er sorgt dafür, dass die Welt im Gleichgewicht bleibt. Gut und Böse, Himmel und Hölle, ewiges Eis und nie enden wollende Wüste. Aber das heißt nicht, dass dieses Gleichgewicht nicht kippen könnte - zur einen oder anderen Seite.«
»Was willst du tun?«
»Ich werde mich weigern, den Russen zu helfen. Dann müssen wir abwarten, was passiert.«
Am frühen Morgen schlitterte Leonard im Dunkeln über den weitläufigen Hof, um zur Kantine zu gelangen. Erst gestern hatte es wieder geschneit. Durch die eisige Nacht war der Schnee binnen kürzester Zeit zu einer spiegelglatten Fläche erstarrt, bei der man selbst mit eisenbeschlagenen Fellstiefeln jederzeit auf dem Hosenboden landen konnte. Leonard war früher aufgestanden als sonst, weil er Kissanka einen Besuch abstatten wollte. Trotz der unschönen Vorkommnisse vor knapp zwei Jahren fühlte er sich immer noch freundschaftlich zu ihr hingezogen. Zumal sie einen hohen Preis für ihr Vergehen bezahlt hatte. Ihr Vater war wegen ihrer Lügengeschichte gestorben, und das Kind des Kosaken hatte sie wenig später bei einer Frühgeburt verloren. Einzig Bruder und Schwester waren ihr geblieben. Leonard empfand Mitleid für ihr hartes Schicksal, auch wenn sie mittlerweile in der Lagerhierarchie zur Küchenaufseherin emporgestiegen war. Sie schickte ein paar neu angekommene Mädchen, die ihr zur Hand gehen mussten, nach vorne in den Ausschank, während sie selbst mit Leonard im hin-teren Teil der Küche Platz nahm. Ihr Gesicht war reifer geworden, was ihrer Schönheit keinen Abbruch tat.