Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Lobow verzichtete darauf, ihnen einen Platz anzubieten.
»Der Tunguse hat einen meiner Leute mit dem Messer angegriffen«, erklärte er mit harter Stimme, so dass es beinahe wie eine Anklage klang.
»Mit Verlaub, Herr Kommandeur«, begann Aslan vorsichtig. »Denken Sie ernsthaft, der Schamane wird uns helfen, wenn wir seinen Sohn gefangen halten?«
»Ihr Schamane hat uns mit einer lapidaren Erklärung abgesagt.«
Lobow kniff die Lippen zusammen. »Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als zu drastischen Mitteln zu greifen. Wo soll es hinführen, wenn nicht einmal dieses Tungusenpack begreift, dass es wie alles in diesem Land der Macht des Zaren untersteht und sich dieser Macht zu fügen hat? Auch ein Tschutschana wird einsehen müssen, dass seine Fähigkeiten nicht unerschöpflich sind. Entweder hilft er uns, oder sein Sohn wird ziemlich bald einen qualvollen Tod sterben.«
Weinberg räusperte sich leise, bevor er zu sprechen begann. »Bei allem Respekt, Herr Kommandeur, der Junge hat doch niemandem etwas getan. Warum muss er sterben, nur weil sein Vater an notorischer Sturheit leidet? Gibt es wirklich keine andere Lösung?«
Lobow zog seine Brauen missmutig zusammen. »Der Junge hat einen meiner Männer ernsthaft mit dem Messer verletzt. Es ist eine grundsätzliche Angelegenheit. Wenn wir nachgeben, tanzen uns die Tungusenstämme auf der Nase herum - und nicht nur sie. Unsere Schwäche wird sich wie ein Lauffeuer unter den Nomaden Sibiriens herumsprechen.« Er schlug mit der Faust auf seinen Schreibtisch. »Nein, entweder der Tunguse tut, was wir von ihm verlangen, oder ich werfe ihm höchstpersönlich den Leichnam seines Sohnes vor die Füße.«
Leonard konnte sich kaum halten vor Entsetzen. Unvermittelt trat er vor. »Ich mache da nicht mit. Wenn Sie Tschirin umbringen, werde ich Ihnen nicht weiter zur Verfügung stehen.« Er pokerte hoch, doch er wusste genau, dass ohne sein automatisches Navigationssystem das ganze Projekt hinfällig wurde.
Lobow sah ihn schweigend an, während seine Kameraden den Atem anhielten.
»Schenkendorff.« Der Kommandeur setzte ein falsches Lächeln auf. »Haben Sie schon die Post aus Tomsk erhalten?«
Leonard zögerte. »Sie versprechen mir schon seit Jahren, dass Sie meine Freundin mit unserem Kind hierherholen wollen. Bisher weiß sie noch nicht einmal, dass ich lebe«, erwiderte er trotzig. Er wusste nicht, welcher Teufel ihn ritt, als er zu einem aussichtslosen Gegenschlag ansetzte. »Auch meine Geduld hat irgendwann ein Ende. Wir schuften hier wie Tiere. Nur damit Russland sich eines Tages zur Weltmacht erheben kann. Und was haben wir davon? Nichts als heiße Luft. Und genau das wird der Zar auch bekommen, wenn er weiterhin mit uns in dieser Weise verfährt.«
Lobows Augen verwandelten sich in schmale Schlitze. Für einen Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können.
Weinberg hatte sich als Erster gefasst. »Er meint es nicht so«, stieß er hervor. »Es sind die Nerven. So ist es immer, wenn man bei seinen Forschungen kurz vor dem Durchbruch steht.
»Ich meine es genauso, wie ich es gesagt habe«, fauchte Leonard.
»Du kannst nicht für uns alle reden, Leonard!« Es war Aslan, der ihm erwartungsgemäß in den Rücken fiel. »Ohne den Schamanen sehe ich im Moment keine Möglichkeit, mein Experiment zu Ende zu führen. Und wenn dir deine Familie gleichgültig ist - meine ist es mir nicht.«
»Was soll die Aufregung, meine Herren?« Lobows Lächeln beunruhigte Leonard mehr als ein möglicher Befehl, ihn abführen und zu Tschirin stecken zu lassen.
Mit einer huldvollen Miene hob der Kommandeur den Kopf und sah Leonard direkt ins Gesicht. »Ihre kleine Freundin und das Kind, das Sie ihr ohne den Segen der Kirche gezeugt haben, können jederzeit hier eintreffen. Sollten Sie inzwischen Ihr Interesse an dem Mädchen verloren haben, so wird dies Konsequenzen nach sich ziehen. Es würde mir leid tun - nicht nur für Sie, sondern auch für Ihren Nachwuchs.« Er lächelte teuflisch. »Ich erwarte Ihre absolute Loyalität, Schenkendorff. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«
»J... ja«, stammelte Leonard. Sein Hals war auf einmal wie zugeschnürt, und für einen Moment glaubte er, ersticken zu müssen.
24.
Juni 2008, Tunguska - Schamanenfeuer
Theisen kletterte als Erster in das Loch hinab. Das war er seiner Mannesehre schuldig, obwohl er bei der ganzen Aktion nicht unbedingt Begeisterung verspürte. Vergeblich hatte Viktoria nach Leonid gerufen und, nachdem sie den Zugang geöffnet hatten und er sich nicht gemeldet hatte, die Vermutung angestellt, dass er vielleicht zurück in die Katakomben gelaufen war, um einen anderen Ausweg zu finden.
Während sie einen Fuß vor den anderen auf die schmalen Eisentritte setzte, um ins Innere des Bunkers zu gelangen, dachte sie darüber nach, ob Leonid damit gerechnet hatte, dass sie ihn im Stich lassen würde.
»Heiliger Schwan«, stieß Theisen hervor, als sie am Grund des Einstiegs angekommen waren und er den tunnelartigen Gang mit seiner Mag-Lite ausleuchtete. »Was soll das denn darstellen?«
»Lass uns zur Haupthalle gehen.« Viktorias Stimme verriet keinerlei Zweifel. Sie packte ihren Kollegen am Arm und zog ihn auf dem vereisten Untergrund mit sich.
»Du weißt, wo du hinwillst?« Theisen starrte sie ungläubig an, nicht sicher, ob er es wagen konnte, ihrer Aufforderung zu folgen. Doch er wollte sich nicht den Anschein der Feigheit geben, und so standen sie schon nach zehn Minuten vor dem seltsamen Konstrukt aus Metall, Glas und verschiedenen Drähten, das wie die Basis einer vorsintflutlichen Raumstation wirkte.
Nicht weniger fachkundig als zuvor Leonid untersuchte Theisen die ungewöhnliche Apparatur.
»Sieht aus wie eine archaische Funkzentrale«, meinte er mit einem abschätzigen Lächeln.
»Denkst du, es könnte tatsächlich etwas mit der Katastrophe von Tunguska zu tun haben?«
»Möglich.« Theisen neigte den Kopf über ein verrostetes Ventil, an dessen Seite eine Plakette mit einer Jahreszahl angebracht war. Letzte Überprüfung Oktober 1907 entzifferte er den russischen Schriftzug. »Das sieht mir nicht nach dem Besuch einer fernen Galaxie aus. Stellt sich nur die Frage, für was benötigte man diese Apparatur?«
Ohne auf Theisen zu achten, leuchtete Viktoria mit ihrer Taschenlampe in einen weiteren Gang hinein, aus dem ein seltsames Geräusch zu hören war.
»Leonid!« Ihre Stimme klang heiser und hallte unheilvoll von den Wänden wider.
Taichin war aufgestanden und hatte sich an einem niedrigen Schränk-chen zu schaffen gemacht, hinter dessen Türen sich eine Reihe von Blechdosen befand, alle verschlossen mit einem luftdichten Schraub-verschluss, der zuverlässig Feuchtigkeit und Insekten fernhielt.