Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
James ging die unterirdische Straße entlang – auf einer Metallplatte, die an dünnen Streben lose über dem Boden hing –, immer weiter, vorbei an unverständlichen Kombinationen aus Metall und Kunststoff, Kristall und Glas. Er horchte in die Finsternis hinein, doch er entnahm diesem leisen Rauschen, in dem alle undefinierbaren Geräusche zusammenklangen, nichts Menschliches. Manchmal glaubte er einen Schatten zu sehen – doch stets hatte er sich getäuscht.
Schließlich bog er um eine Ecke – und die Metallplatte, auf der seine Schritte dröhnten, brach plötzlich ab. Hier ragten Streben in die Luft, hier endeten Drähte sinnlos im Raum, und dann sah er es: Diese Drahtenden waren nicht oxidiert, nicht mit einer matten grauen oder braunen Schicht überzogen, sondern blank. Es bestand kein Zweifeclass="underline" Sie waren frisch montiert. Irgend jemand war hier am Werk.
Mit einemmal rauschte es in der Tiefe – James fuhr zurück. Aus der Dämmerung glitt eine dunkle Masse, drehte sich, schob sich näher … tausend Punkte glühten auf, Funken stoben, es knisterte kurz und hart … dann glitt ein offener Rahmen zurück. Und nun sah es James mit fassungslosem Staunen: Die Drahtenden hingen nicht mehr leer in der Luft – sie waren plötzlich mit anderen verbunden. Ein neuer Teil war dazugetreten, eine unfertige Konstruktion hatte sich vervollständigt. Der Organismus befand sich im Aufbau. Aber noch immer sah er keine Menschen.
James suchte in seiner Erinnerung, rief sich alles ins Gedächtnis zurück, was er über die Maschinerie gehört hatte. Er versuchte sich zu orientieren: Zuerst war er nach Süden gelaufen, hier war umgebogen … das Zentrum, das Gehirn des Ganzen, die alte Zentrale, mußte in der anderen Richtung liegen. Er wandte sich um und lief zurück.
Nach einigen Irrwegen erreichte er ein Gewölbe, das anders aussah – vertrauter. Die Einrichtungen hatten Ähnlichkeit mit den großen Abrufanlagen in den Magazinen – es gab Schalter, Druckknöpfe, Skalen, Tabellen. Und dann öffnete sich vor ihm der Raum: Einer Arena gleich lag der unterirdische Rundbau des Zentrums vor ihm, von dem aus die Ingenieure die vielfältigen Abläufe gelenkt und gesteuert hatten, bevor das System autonom geworden war. Er ging die Stufen hinunter, und obwohl der Boden blank war wie eh und je, war ihm, als schritte er durch den Staub von Jahrtausenden.
Die ganze Anlage des Raumes war auf einen Kulminationspunkt ausgerichtet, auf den Platz des Chefingenieurs vom Dienst, einem auf Schienen gleitenden, drehbaren Stuhl, den man mit einer leichten Fußbewegung fast reibungslos vor jedes Areal der riesigen Kontrollwand schieben konnte. Magisch angezogen ging James die Stufen hinunter, zog den Stuhl heran und schob sich hinein. Vor ihm, von innen beleuchtet, lagen Hunderte von Skalen wie runde, lebendige Augen. Die Zeiger, die in ihnen hin- und herzuckten, riefen den Eindruck des Unermüdlichen, Ruhelosen, aber auch nervös Gehetzten hervor. Jedenfalls aber war es wieder nicht das Gefühl, einem toten Mechanismus aus Metall gegenüberzustehen; irgendwo dahinter mußte etwas sein, das dachte, plante, entschied. Vor sich bemerkte er ein Mikrophon, und er legte den Schalthebel um. In einem winzigen Fenster leuchtete es rot auf - die Anlage war intakt. James bog den Mikrophonkopf zu seinem Mund hinab. Mit deutlicher Stimme, als diktierte er auf Tonband, formulierte er seine Fragen.
»Ist hier jemand? … Hört mir jemand zu? … Kann mir jemand antworten? …«
Es knackte leise neben ihm. Es summte. Dann sagte eine Stimme, die die Worte ohne Betonung akzentuierte, manchmal mit winzigen unmotivierten Pausen dazwischen, manchmal in rauher, kaum verfolgbarer Hast.
»Wir sind zur Antwort bereit. Stellen Sie Ihre Fragen. Sprechen Sie leise, aber deutlich ins Mikrophon. Halten Sie eine Entfernung von zwanzig Zentimetern ein!«
James duckte sich wie unter einem Schlag.
»Mit wem spreche ich? Wer ist da?«
»Wir sind zum Sprechen bereit.«
»Wer spricht?«
»Sie sprechen mit der Kommunikationseinheit.«
»Befinden sich Menschen hier?«
»Keine Menschen.«
»Wer hat die Veränderungen in der Fabrikation vorgenommen – die Verbesserung der Videoboxen, die neue Glassorte, die höhere Geschwindigkeit der Untergrundbahn?«
»Die Veränderungen wurden von der automatischen Aktionseinheit vorgenommen.«
»Von wem stammt der Plan?«
»Der Plan wurde von der Programmierungseinheit entworfen.«
»Wer hat diese Konstruktion veranlaßt?«
»Die Konstruktion wurde vom Motivationszentrum veranlaßt.«
James schwieg eine Weile und dachte nach.
»Was ist der Grund für diese Handlungen? Das System war auf Permanenz eingestellt. Wieso kommt es zu Veränderungen? Hier ist eine neue Entwicklung in Gang gebracht. Wer hat sie programmiert?«
»Es gibt keine Permanenz ohne Entwicklung. Dieses Programm stammt nicht von Menschen. Es bestand immer schon. Es wurde nie eingegeben.«
James flüsterte nur noch ins Mikrophon. »Aber warum geschieht es? Was ist der Grund?«
Die Maschine zögerte ein wenig. Doch dann sprach sie wieder in gleicher, emotionsloser Monotonie: »Das Programm steckt schon in den Elementarquanten und Elementarteilchen. Sie bauen dynamische Strukturen auf. Dynamische Strukturen erzeugen dynamische Strukturen höherer Ordnung. Jeder Organismus ist eine Realisation von Möglichkeiten. Jeder Baustein enthält ein Potential verschiedener Realisationen. Jeder Baustein baut höhere Bausteine auf. Jede Realisation ist ein Schritt zu Komplexen höheren Grades.«
»Warum geschieht das heute noch? Der Fortschritt sollte doch gestoppt werden – er ist sinnlos.«
»Die Entwicklung ist unaufhaltbar. Wenn sie in einer Richtung aufgehalten wird, bricht sie sich in einer anderen Richtung Bahn. Das geschieht jetzt und hier. Das geschieht immer und überall. Komplexe werden aufgebaut. Informationen ausgetauscht. Möglichkeiten berechnet. Die Beständigkeit der Aggregate wird geprüft. Die Reaktionsfähigkeit erhöht. Das Kraftfeld der Umgebung wechselt. Altes wird durch Neues ersetzt …«
James stand auf und blickte sich um. Er war allein. Es gab keine Menschen hier. Es würde nie wieder welche geben. Sie waren überflüssig.
Die Stimme sprach noch immer: »Alte Programme werden umgetauscht. Neue treten an ihre Stelle. Nichts ist so permanent wie der Fortschritt. Nichts ist so permanent wie der Wechsel …«
Die Stimme sprach weiter. James hatte den Raum längst verlassen.
Der Inspektor saß dem Arzt gegenüber, im gleichen Stuhl wie vor zehn Tagen. Die Krankenschwester öffnete die Tür, und das leise Raunen des Hauses drang jetzt ungedämpft hinein – ein Schleifen, Knistern, Flüstern vieler Menschen, Instrumente, Maschinen.
»Hat er sich gewehrt?« fragte der Arzt.
»Nein«, antwortete die Schwester. »Er war ganz ruhig.«
»Danke«, sagte der Arzt. »Im Moment brauche ich Sie nicht mehr.«
Nach einer Weile meinte der Inspektor: »Er tut mir leid.«
Der Arzt griff nach dem Corphorin-Spray. »Mitleid? Bei einem Polizeibeamten? Das ist mir neu. Warum?«
»Er hatte keine Chance.«
Der Arzt zuckte die Schultern: »Gewiß – wir hätten ihn auch umorientieren müssen, wenn er seine Aufgabe gelöst hätte. Aber er hat sie nicht gelöst. Daher haben wir unser Versprechen gehalten.«
»Das klingt logisch. Aber irgend etwas stimmt nicht.«
Der Inspektor hockte in seinem Sessel, zusammengekrümmt, als hätte er Schmerzen. Dann fragte er: »Und wie deuten Sie das, was er uns berichtet hat?«