Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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»Als Verhaltensforscher«, begann Professor Bendrix, »sind mir die Schwierigkeiten Ihres Vorhabens wohl etwas deutlicher als Ihnen selbst. Ein ethisches System läßt sich nur aus einer Bestandsaufnahme aller Verhaltensmuster und eventuell zugeordneter Antriebe ableiten. Was dabei als wünschenswert anzusehen ist und was nicht, ist nur am Beispiel unserer entwicklungsgeschichtlichen Vorfahren, der höher entwickelten Tiere, zu beurteilen …«
»Verzeihen Sie, Herr Kollege«, fiel eine Stimme ein, und drei Sekunden darauf erschien der Kopf von Dr. Koska auf dem Schirm. »Wenn Sie dieses Prinzip zugrunde legen, verleugnen Sie den entscheidenden Schritt zum ›Ich-Wesen‹. Die Basis, von der Sie ausgehen müssen, liegt in der frühkindlichen Entwicklung; sie bestimmt die Verhaltensweisen des Erwachsenen, und jede Bewertung kann daher nur relativ sein.«
»Dabei vergessen Sie aber, daß es auch unumstößliche, absolute, ewige Werte des Moralischen und Ethischen gibt«, fiel Dr. Tebaldi ein. »Dabei berücksichtige ich durchaus die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft, man darf jedoch nicht übersehen …«
»Und wie sollen wir nun das Problem lösen?« fragte Bolewski, Starmathematiker des MIT, seinen Freund und Kollegen Rosenbaum vom Computerzentrum.
»Wie bisher–«, sagte Rosenbaum, »indem wir die Meinung aller Fachleute anzweifeln. Indem wir prüfen, was an ihren Modellen relevant ist – an der Verhaltensforschung, der Psychoanalyse, der Umweltforschung – sogar der Moraltheologie. Wir werden die Modelle auf Übereinstimmung prüfen und nebenbei einige Wissenschaften formalisieren, quantifizieren, validieren, kurz: modernisieren und praktikabel machen …«
»… die Verhaltensforschung, die Psychoanalyse, die Umweltforschung und die Moraltheologie …« warf Bolewski ein.
»Und einiges mehr«, bestätigte Rosenbaum. »Und dann werden wir ein Theorem aufstellen und feststellen, was als Konsequenz daraus erwächst und wo es Freiheitsgrade offener Entscheidungen gibt.«
»Und diese Entscheidungen werden wir treffen«, meinte Bolewski.
»Wer sonst?« fragte Rosenbaum. »Wer sonst versteht den Unterschied zwischen dem Notwendigen und dem Möglichen? Es wird uns nichts anderes übrigbleiben.«
»Wir werden das Problem lösen, und man wird uns dafür beschimpfen.«
»So wird es sein«, unterstrich Rosenbaum, schon ein wenig zerstreut, denn er dachte an lineare und parabolische Optimierung, an Systemtheorie und Graphenlehre, an Wahrscheinlichkeitsrechnung und Spieltheorie, an künstliche Sprachen und statistische Semantik. Er nickte Bolewski zu und stieg in den Lift.
Es waren nur wenige Herren, die in der Output-Arena des Computerzentrums standen, und allein am ungewöhnlich hohen Aufgebot an unauffällig gekleideten Angehörigen des Werkschutzes merkte man, daß die Führungsspitze der Gesellschaft hier versammelt war.
»Wir haben also das Problem gelöst«, sagte Jefferson. »Das ist erfreulich. Ich habe, ehrlich gesagt, einige Zweifel gehabt, als wir vor vier Jahren anfingen. Können Sie mir das Prinzip erklären? Aber bitte kurz!«
Alvarez, der Leiter des Entwicklungslabors, gab dem neben ihm stehenden Harrington einen Wink, und dieser begann: »Verhaltensregeln und damit zusammenhängende Bewertungen sind zeit- und ortsabhängig. Das Problem läuft daher auf die Frage hinaus, ob sich in ihnen umgebungsunabhängige Invarianten verbergen. Wir haben zunächst eine Statistik aller überlieferten Aussagen aus der klassischen und neuzeitlichen Rechtsprechung aufgestellt. Um das durch Rechtsurteile hervorgerufene Übergangsverhalten zu beschreiben, war es nötig, eine neue Systemtheorie zu entwickeln, bei der den Zuständen ethische Kenndaten zugeordnet werden. Das gelang durch Einführung …«
»Meine Herren«, unterbrach Jefferson. »An diesem Lösungsweg ist nichts Neues. Wie sehen die Resultate aus? Könnten Sie mit der Demonstration beginnen?«
Alvarez gab ein Zeichen, und die große Bildwand erfüllte sich mit einer undefinierbaren Art von Bewegung.
»Wir simulieren einen Fall aus der Praxis. Die charakteristischen Bestimmungsgrößen der Situation werden durch einen Zufallsgenerator ausgewählt. Ein Transversionsprogramm reduziert die Relationen auf ein Schema – wir nennen es den Rechtsgraphen. Eine sechzehndimensionale Mannigfaltigkeit von Charakterisierungsgrößen …«
Jefferson – es gab ein Gerücht, daß das nicht sein richtiger Name war – sah den Vorgängen auf dem Bildschirm mit gelinder Ungeduld zu. Schließlich sagte er: »Das alles ist bewundernswert. Ich zweifle nicht daran, daß sich damit – wie schon so oft in den letzten Jahren – eine Wendung in der Geschichte der Menschheit anbahnt. Aber mir fehlt noch etwas, was, so meine ich, wichtig ist. Gibt es eine Möglichkeit, die Quintessenz Ihrer Untersuchung zusammenzufassen, kurz, prägnant, vielleicht vereinfacht, aber so, daß es jeder versteht? Ich glaube, daß eine Idee erst wirksam wird, wenn man sie klar und einfach ausdrücken kann.«
»Das müßte möglich sein«, sagte Alvarez nachdenklich. »Wir könnten das pragmatische Schema einem wiederholten Übersetzungsprozeß unterziehen – beispielsweise englisch-deutsch und zurück – und dabei eine Kürzung auf ein Minimum vorschreiben – sagen wir, auf zehn Sätze.«
»Versuchen Sie es!« forderte Jefferson.
Ein Operateur drückte ein paar Tasten der Übersetzungseinheit, und wenige Sekunden danach lief ein Schriftzug über den Bildschirm, in Großbuchstaben, bildfüllend, und die Computerstimme sprach:
»Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst …«
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Expedition
»Es ist nicht unsere Aufgabe, über Recht oder Unrecht zu entscheiden«, sagte Vertain, der Vorsitzende der Kommission. »Wir wollen wissen, wie es zur Katastrophe kam. Sachlich, präzise, genau. Ohne Emotionen. Das ist alles.«
Sie tagten im kleinen Konferenzsaal des Instituts, die Sachverständigen der Kontrollbehörde und die Teilnehmer der Expedition – soweit sie zurückgekehrt waren. Die einzige Bewegung war auf dem großen Projektionsschirm bemerkbar: Man sah ein Mädchen, fünf oder sechs Jahre alt, inmitten von Spielzeug, doch das Kind hatte nur Sinn für Süßigkeiten, die man ihm hingestellt hatte. Es versteckte die in buntes Papier gewickelten Schokoladenplätzchen und Bonbons hinter Wolltieren und Kissen, holte sie wieder hervor, blickte sich um, horchte, versteckte sie an einer anderen Stelle …
Vertain wandte sich an den großgewachsenen Mann, der rechts in der Reihe der Expeditionsteilnehmer saß. »Am besten, Sie fangen an, Gowin.«
»In Ordnung.«
Gowin löste seinen Blick von dem spielenden Kind. Etwas unsicher begann er: »Die Vorgeschichte ist bekannt. Das Institut für Umweltforschung brauchte neue Daten. In letzter Zeit hatte sich die Zusammensetzung der Außenluft geändert – der Kohlendioxid- und Stickstoffanteil wurde größer. Auch der Gehalt an Keimen war gestiegen. Wir sollten die Ursache feststellen. Von der Regierung bekamen wir eine Sondererlaubnis zum Betreten des festen Landes.«
Er stockte.
Der Vorsitzende half ihm weiter: »Sie waren gut ausgerüstet?«
»Ja, gewiß. Wir hatten alles. Nahrungsmittel, Wasser, Atemfilter, Medikamente …«
»Aber keine Waffen …« warf Petrowski, der Cheftechniker des Instituts, ein.
»Nicht gerade Waffen, wozu auch …? Wir hatten damals keine Ahnung. Wer hätte wissen können, daß draußen …« Unwillkürlich blickte Gowin zum Fenster, durch das gedämpftes, gelbgrünes Licht in den Saal fiel. »Wir hielten die Welt draußen für tot. Seit Jahren hatten keine Menschen mehr die Städte unter dem Meer verlassen.«