Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Trotz allem aber vergaß er seine Aufgabe nicht. Er wollte wissen, wer die automatische Fabrikation beeinflußte, technische Neuerungen schuf. Lag hier, bei diesen Mystikern, die Lösung des Rätsels? Und wenn er es löste – würde er sie der Polizei verraten? Er zögerte, kämpfte mit sich selbst. Dann entschied er sich: Nein, er würde es nicht tun. Ganz gleich, was mit ihm geschah – wenn hier der Keim zu einer neuen geistigen Entwicklung lag, dann durfte er ihn nicht ersticken. Aber lag dieser Keim hier? Er war noch nicht sicher.
»Darf ich Sie etwas fragen?« Er trat Maxwell in den Weg, so daß dieser stehenbleiben mußte.
»Wenn es schnell geht – gern.«
»Haben Sie sich zum Ziel gesetzt, die Erkenntnisse zum Wohl der Menschheit anzuwenden? Ich meine, wollen Sie die Verfahren verbessern, in den Fabrikationsgang eingreifen, den praktischen Wert der Waren erhöhen? Haben Sie es schon versucht?«
In den Augen des anderen las er Verachtung. »Verfahren, Fabrikationsgang? Mein Lieber, wir sind keine Handwerker. Wir betreiben reine Wissenschaft. Unser Ziel liegt im Geistigen!«
»Aber Professor Rußmoller …« wandte James ein. »Professor Rußmoller hat viele praktische Erfindungen gemacht – die Kältebatterie, die Röntgenlinse, und was weiß ich noch … Er hat …«
Maxwell unterbrach ihn. »Stimmt. Das alles hat Rußmoller getan. Aber was war die Folge? Der rasende technische Fortschritt, die Herrschaft unwissender Ingenieure, die die Welt nahe an den Verderb brachten. Nein, wir verfallen nicht in den gleichen Fehler – wir bleiben in geistigen Bereichen. Und wenn wir erst die letzten Höhen erreicht haben, dann wird es möglich sein, allein durch das Erkennen die Welt und uns selbst zu verändern.« Er schob James sanft beiseite und ging dem Ausgang zu. »Warte eine Minute, und komm mir dann nach – damit nicht zu viele auf einmal die Kirche verlassen, es wäre zu auffällig. Rutherford, du machst wie immer den letzten!«
James war tief enttäuscht, und als ihm Rutherford nach einer Weile bedeutete, er solle jetzt losgehen, folgte er wortlos. Er ging die Stiegen hinauf, trat ins Kirchenschiff. Es lag leer da, die Betenden hatten ihre Bänke verlassen. Schon wollte er durch das Tor hinaustreten, da besann er sich … Er öffnete es und ließ es wieder zufallen. Dann schlich er in ein mit Stuhlwerk erfülltes Seitenschiff und hockte sich unter eine Bank der hintersten Reihe. Er wartete. Nach einer Weile klappte die Falltür, und der Mann, der sich Rutherford nannte, kam heraus. Er hörte ihn umhergehen. Dann verlöschten die wenigen verborgenen Lampen. Nur noch die Kerzen verbreiteten einen trüben Schein. Vom Tor kam ein dumpfes Geräusch, das elektrische Schloß schnappte …
Noch zehn Minuten blieb James in seinem Versteck. Dann holte er eine Kerze aus einem der Ständer und trat an die Falltür. Er öffnete sie und drang durch den Flur, den Vorraum und den Hörsaal bis an die Stahltür vor, hinter der sich offenbar das Ziel jener Menschen verbarg, die nach der Vorführung des Farbenbalkens ihre Forderung hatten laut werden lassen: Rußmoller! Vielleicht war er auch sein Ziel!
Seine Hand zitterte, als er sie an den Drehgriff legte. Dann sprang die Tür auf. Der Raum war ein wenig kleiner als der Hörsaal und fast ohne Mobiliar. Er war von indirektem Licht matterleuchtet. Nur an einer Wand stand eine Tischreihe, darauf waren Dinge verteilt, die sich unter schwarzen Samthüllen in seltsamen Formen abzeichneten. Als James einen Zipfel lüftete, sah er, daß darunter eine Apparatur stand, deren Zweck er nicht kannte. Diffraktionsanalysator – Perkin & Elmer las er auf einem Täfelchen. Aber das geschah nur nebenhin, denn vor allem fesselte James ein Aufbau an der gegenüberliegenden Wand, Röhren, Schläuche, ein Schaltbrett, ein Bett, eine Liege oder auch ein komplizierter Krankenstuhl, der dort auf einer Stufe stand. Darin lag etwas Regloses in Decken gehüllt. James trat leise näher. Etwas ächzte und seufzte. James betrat die Stufe und beugte sich vor. Er sah ins verfallenste Gesicht, das er je gesehen hatte, eine Masse aus Hautfalten und Lappen, die man nur mit Mühe als menschliches Antlitz erkannte. Die Farbe war grau, einzelne Büschel gelblichen Haares saßen an den Schläfen, drangen aus den Nasenlöchern.
Doch dieses Gesicht lebte. James sah, daß aus zwei tiefen Gruben trübe Augen hervorblickten, an ihm vorbei, ins Leere. Aber sie zuckten ab und zu. Professor Rußmoller, wenn er es war, lebte!
James wäre am liebsten davongelaufen, aber er bezwang sich. »Hören Sie mich?« fragte er. »Können Sie mich verstehen?« Er bemerkte keine Reaktion. Er wiederholte seine Fragen etwas lauter, doch ebenso vergeblich. Plötzlich übermannte ihn eine irrationale, unbezähmbare Wut, und er griff in dieses Bündel aus Decken hinein, riß daran, schüttelte es und schrie: »Wachen Sie auf! So hören Sie doch! Sie müssen mich hören!«
Mit einemmal ging mit dem Gesicht eine Veränderung vor, ohne daß James zu beschreiben vermocht hätte, wie sie sich ausdrückte. Vielleicht war es eine winzige Bewegung, eine unmerkliche Straffung der Haut – der Funke Leben, der noch in diesem Körper steckte, erwachte. Und dann wölbte sich ein weißlippiger Mund, und es lispelte: »Warum quält ihr mich so, laßt mich doch sterben!«
»Professor Rußmoller!« rief James und war nun ganz an diesem zerrissenen Gesicht. »Sie sind doch Professor Rußmoller – oder nicht?«
»Ich bin es, ja«, flüsterte es.
»Ich muß Sie etwas fragen: An den unterirdischen Fabrikationsanlagen hat sich etwas verändert – es sind Verbesserungen eingetreten. Haben Sie etwas damit zu tun? Sie, oder Ihre Leute?«
Etwas wie Widerwillen zeichnete sich in den Zügen ab, und dabei gewannen sie überraschend an Menschlichkeit - wenn auch noch immer nicht mehr als die einer grauenhaften Gummimaske.
»Diese Leute …« Ein paar Sekunden war es still, und dann klang etwas auf, was wie Krächzen klang – es sollte ein Lachen bedeuten. »Meine Anhänger! Es sind Narren. Sie haben keine Ahnung. Sie können nichts, nichts, nichts.«
»Aber sie betreiben doch Wissenschaft!« flüsterte James.
»Wissenschaft? Die Wissenschaft ist tot. Sie steht nie wieder auf. Für immer tot.«
»Aber sie kennen Symbole, Formeln!«
»Leere Zeichen, leere Formeln. Aber nicht ihren Inhalt. Sie meditieren. Aber sie denken nicht. Es ist schwer zu denken. Die Menschen haben es verlernt.«
»Aber wer«, schrie James verzweifelt, »wer steckt dann hinter den Veränderungen in den Fabrikationsanlagen? Dort geschieht doch etwas – das sind Tatsachen, verstehen Sie? Tatsachen!«
Seine Worte prallten an diesem erlöschenden Bewußtsein ab wie an einer Gummiwand.
»Niemand ändert noch etwas. Niemand versteht etwas. Niemand kann noch denken.« Er schwieg. Dann setzte er noch einmal an: »Ich bin so unendlich müde. Laßt mich schlafen. Oder besser: Laßt mich sterben!« Seine Züge erstarrten. Seine Lippen klafften. Ein dünner Speichelfaden sickerte aus dem Mundwinkel. James drehte sich um und rannte fort.
Naturwissenschaft und Technik zerstören die Moral. Ihre Resultate stehen im Widerspruch mit dem gesunden Menschenverstand. Sie führen zum Nihilismus, zum Abbau aller gesellschaftlichen Werte, zur Zerstörung des menschlichen Geistes. Ihre Anhänger sehen die Natur als Mittel zum Zweck, das Meer als Abraumhalde, den Mond als Müllplatz, den Weltraum als Experimentierfeld. Sie sehen die Zelle als chemische Fabrik, die Pflanze als homöostatischen Prozeß, das Tier als adaptives System, als Bündel aus Reflexen und Aktionsprogrammen. Sie sehen den Menschen als einen Automaten, das Gehirn als Rechenmaschine, das Bewußtsein als Datenspeicher, seine Emotionen als Signale, sein Verhalten als Dressur. Sie sehen das Leben als Kreislauf die Welt als physikalisches System.