Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Naturwissenschaft und Technik sind zerstörerische Kräfte, die in einer Welt der Freiheit nichts zu suchen haben.
Es war Nacht geworden, und die stützenlos fixierten Riesenleuchten warfen ihre Lichtkaskaden über die Stadt. Lufttaxis und Düsenschweber zogen weiße, blaue und grüne Striche vor das ferne Grau des Himmels, und tausend helle Fenster zeichneten Lichtmuster an die Fronten der Hochhäuser.
James Forsythe hatte keinen Blick für das bunte Spiel des Lichts. Allmählich erholte er sich von dem Taumel der Zerstörungswut, der auch ihn erfaßt hatte, und je mehr die Nachwirkungen in ihm abklangen, um so furchterregender stieg die Angst in ihm auf, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Dabei brachte er alle Voraussetzungen dazu mit - als einziger Mitarbeiter der Polizei, der nicht nur den Anblick aufgerissener Maschinen ertragen, sondern solche auch selbst zerlegen konnte. Aber konnte er es wirklich noch? Die gräßlichen Szenen hatten in ihm eine Abscheu zurückgelassen, die seiner alten, krankhaften Neigung entgegenwirkte, sie dämpfte. War er auf dem Weg zur Heilung? Er wußte nicht, ob er es vermochte, auch weiterhin Beweise seiner Außenseiterposition zu liefern, wie er es tun mußte, um die gewünschte Verbindung herzustellen.
Er hatte nicht mehr viel Zeit. Er überdachte alle Wege, auf die ihn der hagere Inspektor des Sonderkommandos aufmerksam gemacht hatte, doch sie alle hatten in Enttäuschungen geendet. Die letzte war die schlimmste gewesen. Er zwang sich, seine Erlebnisse noch einmal zu überdenken; es gab noch eine vage Spur – Horris Bemerkung: »Geh in die Assisi-Kirche!«
Er kannte die Kirche – sie lag im ältesten Teil der Stadt, der gleich nach dem Atomkrieg aufgebaut worden war, und ein wenig ärmlicher wirkte als die übrigen Bezirke. Das Gebäude, ein altmodischer grauer Block, gehörte einer der vielen kleinen Sekten, die ihr Heil im Jenseits suchten und ein wenig beachtetes Dasein fristeten. Niemand brauchte sich noch mit der Hoffnung auf ein Paradies über die Unbilden der diesseitigen Welt hinwegzutrösten. Wie hätte ein solches Paradies aussehen sollen, da die reale Welt doch alles bot, was man sich nur wünschen konnte – Nahrung, Kleidung, sämtliche Bedarfsartikel von der Seife bis zum Sitzschweber, und das alles für jeden und kostenlos? Niemand brauchte sich Sorgen zu machen. Der medizinische Dienst sorgte für Gesundheit, für Jugend bis ins hohe Alter. Die prozeßgesteuerten Fabriken auf der tiefsten Ebene, weit unten in der Erde, weitab von den Menschen, waren für die Ewigkeit gebaut. Sie synthetisierten die Eßwaren, lieferten die Bausteine für die Gebäude, die man mit Hilfe weniger Maschinen zusammensetzen konnte, schufen diese Maschinen und andere – lauter hochleistungsfähige Automaten, an deren Knöpfen man nur zu drehen brauchte; jeder konnte es, keiner brauchte mehr zu lernen, als ihm in einem durchdachten System von Kinderspielen fast von selbst und unbemerkt vertraut wurde. Und sie reparierten sich selbst.
James wußte nicht, was für Menschen das waren, die in Kirchen und Tempel gingen. Vielleicht waren es Mystiker oder Unzufriedene. Vielleicht Anarchisten – vielleicht aber waren wirklich noch ein paar von jenen dabei, die Jahrzehnte nach dem Verbot der Wissenschaft geheim um deren Rehabilitierung gekämpft hatten. James fühlte plötzlich wieder Zuversicht. Er ging zum nächsten Abstellplatz für Sitzschweber, schnallte sich an und stieg auf. In leichtem Bogen nahm er Richtung auf das alte Stadtviertel, den ersten Bezirk.
Noch nie hatte er eine Kirche von innen gesehen. Als er eintrat, glaubte er in ein verlassenes Theater geraten zu sein, in der Dunkelheit nahm er Reihen von geschnitzten Sitzbänken auf, an der Wand brannten einige Kerzen. Vorn führten Stufen zu einer Art Bühne. Das Bild eines bärtigen Mannes mit einem langen und strengen Gesicht reichte gut sechs Meter bis zur gewölbten, sich in Schwarz verlierenden Decke hinauf. In halber Höhe lief eine Rampe hufeisenförmig um den Baum herum. James hörte leises Scharren herabdringen, doch er konnte niemand sehen. Vorn, in der ersten Bankreihe, knieten einige gebückte Gestalten. Was sie murmelten, waren wohl Gebete.
Sich immer wieder nach allen Seiten umdrehend ging James die Wand entlang, an zahlreichen Nischen, Schränken und Gittern vorbei, die wächsernen Gesichter von holzgeschnitzten Heiligen schienen auf ihn herabzusehen. Auf gedunkelten Bildern sah er Szenen voller Grausamkeit, Menschen, die in Flammen schmorten, Männer, auf Kreuze genagelt, Kinder, fliehend vor einer gehörnten Schreckgestalt. Es knisterte im Gebälk, und ein modriger Hauch, der manchmal an ihm vorbeistrich, verriet, daß es noch versteckte Öffnungen zu inneren, noch unheimlicheren Regionen gab.
Irgendwo oben schlug eine Glocke an. Neun Schläge – sieben komma sieben fünf Dekaden vor Mitternacht nach dem uralten Ritus der Zeitmessung. Waren das Schritte? Niemand hatte sich gerührt. James war einmal rundherum gegangen, ohne etwas zu entdecken, was ihm weiterhalf. Die Dunkelheit bedrückte ihn, die Ungewißheit machte ihn unruhig, die Fremdheit der Umgebung ließ Angst in ihm aufsteigen. Das Gefühl, daß man ihn beobachtete, wurde immer stärker. Die Erinnerung an eine Situation, in der er auch heimlich beobachtet worden war, bereitete ihm Unbehagen, und dieses Unbehagen war um so stärker, da er sich nicht erinnerte, wann er es erlebt hatte. Er grübelte darüber nach, und dann fiel ihm sein Besuch bei Eva Rußmoller ein: Es war Horri Bleiner gewesen, der durch den Luftvorhang der Terrasse hindurch jeden seiner Handgriffe mit dem Feldstecher beobachtet hatte. Sollte auch hier jemand … ja, sollten die Wissenschaftler, wenn es welche gab, ähnliche Mittel anwenden wie die jugendlichen Banden, um Anhänger ausfindig zu machen? Aber wie sollte er sich zu erkennen geben? War die alte Methode auch hier wirksam?
Er blickte umher, suchend … dort stand eine eisenbeschlagene Truhe, dort ein mit erstarrten Wachskrusten überdeckter Tisch, darauf eine Schachtel aus gelbrotem Papier … Dieses Papier kannte er. Er nahm die Schachtel, öffnete sie. Darin lag ein Photoapparat. Er holte ihn heraus – es war ein einfaches Modell. Er zog auf, drückte den Auslöser. Nichts geschah. Der Verschluß klemmte.
James spähte unauffällig umher … niemand zu sehen, der ihm Beachtung schenkte. Die Gläubigen vorn murmelten ihre Gebete. Die Kerzenflammen flackerten.
Rasch entschlossen riß er das Siegel ab, klappte den Deckel hoch. Eine Flügelschraube ließ sich lösen. Er tat es, und die Rädchen des Befördermechanismus lagen offen vor ihm … da war auch die Stahlfeder, die die Fächerblende öffnen sollte. Er entdeckte auch sogleich die Ursache für den Fehler – im Verbindungshebel zwischen Auslöser und Feder steckte eine Büroklammer. Mit ein paar Handgriffen setzte er die Kamera wieder zusammen. Er drückte den Auslöser … es schnappte kurz, und dann noch einmal. Es stimmte – er überzeugte sich: eine halbe Sekunde Belichtungszeit.
Er setzte den Apparat wieder hin. Ging da irgendwo eine Tür? Plötzlich dröhnte eine Orgel auf, schwelgte in Akkorden, jubelte. Dann war es still. James sah sich um – da stand eine Falltür offen, von der vorhin nichts zu sehen gewesen war. Eine Treppe führte abwärts.
Die ersten Schritte machte er noch im versiegenden Licht der Kerzen. Weiter unten glomm eine matte Lampe, und er tastete sich weiter. Von fern hörte er dumpfe Stimmen. Er ging dem Geräusch nach, erreichte einen schmalen Gang und konnte nun auch die ersten Worte verstehen:
… Divergenz de ist gleich vier pi ro
Divergenz be ist gleich Null …
Nach einigen weiteren Schritten stand er vor einer verhangenen Tür. Er schob den schweren Stoff beiseite. Ein grauhaariger Mann in langem weißen Mantel erhob sich von einem samtbezogenen Sessel. Er machte eine Handbewegung, die James Schweigen gebieten sollte, und lauschte. Der Chor war hier laut und deutlich zu hören:
… Rotation a ist gleich eins durch ce Klammer auf de Punkt plus vier pi Klammer geschlossen …