Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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Wieder schwieg er kurz. Er starrte auf das schlafende Kind, ohne es richtig zu sehen. Niemand sprach. Dann beendete Gowin seinen Bericht: »Bis dahin hatten wir uns kaum gewehrt, aber jetzt … Gewiß, wir besaßen keine Waffen, doch wir hatten die Flammenwerfer. An einigen Stellen hatten wir sie verwendet – um den Weg zu ebnen. Nun setzten wir sie wieder ein. Wir stießen die Flammen vor uns her und durchbrachen, von ihnen gedeckt, die Barrikaden. Vier Stunden später hat uns die Fähre aufgenommen. Das war alles.«
Vertain riß die Rolle mit der Mitschrift aus dem Ausgabeschlitz – glättete das Papier, faltete es zusammen. Der offizielle Teil war beendet, aber alle blieben sitzen.
»Und was unternehmen wir?« fragte Petrowski. »Draußen sind Menschen – wir wußten nichts davon. Ihre Vorfahren gehören wohl zu jenen, die die Flucht unter Wasser nicht mitmachten. Sie zogen das Leben im Smog, im Unrat, in der verseuchten Luft einer sauberen Existenz unter Wasser vor. Sie lebten weiterhin in den Städten und waren nicht imstande, den Verfall ihrer Welt aufzuhalten. Niemand konnte ahnen, daß einige von ihnen am Leben blieben.«
Vertain sprach aus, was alle dachten: »Müssen wir ihnen helfen? Es dürften nicht viele sein. Sollen wir sie in unsere sichere und hygienische Welt holen – wie das Mädchen, das dort schläft?« Mit dem Kinn deutete er auf den Bildschirm. Das Kind legte die Hand vor die Augen, als wolle es sich verbergen.
Gowin war ratlos wie die andern. Dieses Kind – würde es hier unten glücklicher sein? Wieder blickte er durchs Fenster ins Wasser hinaus. Es war trüb, aufgeschlämmte Teilchen trieben vorbei – Plankton, Bakterienklumpen. Material aus den Kläranlagen. Wo lag ihre Aufgabe? Draußen? Drinnen? Dunkel erinnerte sich Gowin an einen alten Bericht über das Meer – über azurblaues Wasser, klar wie Kristall.
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Geweckte Vergangenheit
Das Relief aus grauem Sand, das die Stereoschirme in verstärkter Räumlichkeit wiedergaben, war von beklemmender Leblosigkeit – ein Bild, das nur der Wissenschaft zugänglich war. Ein paar grüne Büschel Unkraut – mit zerfiederten Blättern und verkrüppelten Blüten – bildeten den einzigen Kontrast. Nur über die Teleobjektive der Satelliten konnte man gelegentlich ein dahinstelzendes Insekt beobachten - eine flügellose Libelle oder einen gelbweißen Käfer, Geschöpfe der Radioaktivität, die noch immer nicht völlig erloschen war.
Über die rieselnden Massen bewegten sich die automatischen Raupenschlepper, von den Bildschirmen aus ferngesteuert. Geosonare schickten ihre Impulse in die Tiefe und registrierten die Echos der Schichtgrenzen, Exkavatoren tauchten in den Boden und hinterließen Maulwurfshügel. In der Mitte stand die zentrale Kamera mit dem Fischauge, deren Kugelbild die Entzerrer die Ausschnitte für die Bildwände entnahmen.
Die Archäologen des Instituts für Vorgeschichte waren im Delta-K-Distrikt angelangt. Mit ihren Stichproben hatten sie ein Zufallsmuster von Flecken aufgewühlter Erde über den Alten Kontinent gelegt. Manche dieser Areale erinnerten an die Phantasien von Traumspielen. In der leeren Landschaft lagen seltsame Metallgebilde, manche oxidiert und korrodiert, andere blank, aber verborgen und zerbrochen, da und dort hatte man versucht, Teile einer Ruine wieder aufzubauen, und nun standen Fragmente von Mauern mit leeren Fenstern unvermittelt in der Gegend, hier ein Brückenbogen, dort ein Gerüst, erneut dem Verfall preisgegeben. Niemand hatte es als nötig erachtet, den Boden zu glätten. Kein Mensch würde ja diese Gegend betreten.
Plötzlich ertönte das Alarmsignal.
K.B.S. Por, der diensttuende Archäologe, hatte gerade Zeit, sich zu informieren, als J.L.G. Mat, Leiter der Ausgrabungen, in der Steuerzentrale ankam.
»Wir haben etwas gefunden. Etwas Ungewöhnliches. Das Geosonar zeigt starke Echos an kubisch gewölbten Flächen, die Exkavatoren stoßen auf Widerstand. Wir werden sprengen müssen.«
J.L.G. Mat ließ die Daten der Bodenanalysen einspielen und stimmte zu. Sie warteten, bis die Schichtenprofile der vorübergehend stillgelegten Geosonare wieder auf dem Leuchtschirm erschienen, und konnten den vorsichtig eindringenden Exkavator als verschwommenen Schatten erkennen. Inzwischen differenzierte sich das Bild der schallspiegelnden Flächen: Mehrere Metallkuppeln, hintereinander aufgereiht, in Sockeln von Zement verankert, standen im Sand vergraben, vom Sand bedeckt.
Der Analyseautomat gab das erste Ergebnis aus dem Innern der metallenen Objekte bekannt: Polymerisate von Kohlenwasserstoffen. K.B.S. Por ließ ein Geosonar auf dem vom Exkavator gelockerten Weg ins Innere der Kuppel einfahren. Zuerst zeigte sich keine reflektierende Fläche außer jener des geschlossenen Metallbehälters. Erst die Auswertung der Feinstruktur ergab einen Flecken, der sich über den Boden erhob.
Der Exkavator bahnte sich seinen Weg, wobei er in den weichen Massen ins Torkeln geriet. Mit der langsamsten Geschwindigkeitsstufe näherte er sich dem Gegenstand und blieb knapp davor stehen. Die Materialanalysatoren fixierten einen Punkt der Oberfläche und sandten ihre Strahlung aus. Dann meldeten sie das Ergebnis:
52% Kohlenstoff
6,8% Wasserstoff
22% Sauerstoff
17,4% Stickstoff
1,9% Schwefel
»Organisches Material«, flüsterte K.B.S. Por. »Sollten wir diesmal Glück haben?«
»Wir werden sehen«, meinte J.L.G. Mat. »Vorsichtig bergen!«
Die blanken Schädel der Versammelten erinnerten an weißgestrichene Bojen, die im Wasser auf- und niedertauchen. Die Augen unter den Haftgläsern blickten dunkel und riesengroß. Noch immer rollten Stühle herbei.
J.L.G. Mat hielt sein Referat: »Die Kulturschicht liegt in 65 m Tiefe, unterhalb der radioaktiven Lagen – sie gehört also zweifellos dem archaischen Zeitalter an. Unsere sagenhaften Vorfahren hatten aus unerklärlichen Gründen einen Kessel mit hochgliedrigen Kohlenwasserstoffen gefüllt. Wie der Mensch in diese wachsartigen Substanzen geraten ist, weiß ich nicht. Für uns ist nur wichtig, daß es geschehen ist – denn diese Stoffe haben den Organismus tadellos konserviert.«
»Und das Gehirn?«
Die Frage kam von irgendwo aus dem Hintergrund, aber jeder hätte sie stellen können.
J.L.G. Mat ließ sich nicht stören.
»Der Behälter war vom Gewicht der darauflastenden Ablagerungen plattgedrückt, doch das Metall blieb unbeschädigt erhalten. Es hat die radioaktive Strahlung abgeschirmt. Alle Zellen sind intakt – auch die des Gehirns.«
Das war es also. Das war die große Chance für das Institut. Jahrelang hatten sie gesucht – und jetzt hatten sie Erfolg gehabt.
»Ja«, fuhr J.L.G. Mat fort, »jetzt könnte der Zeitpunkt gekommen sein, den wir so lange erwartet haben. Vielleicht erhalten wir Auskunft über die vielen Fragen zu dieser Zeit – über das unverständliche Verhalten dieser frühen Menschen. Was mögen sie gedacht, wie gefühlt haben? Was waren die Ursachen für die Katastrophe, die die steinernen Siedlungen dieser Zeit so umfassend zerstört hat? Wie konnte es zu Neutronenschauern einer Dichte kommen, die die Materie aus den Atomkernen heraus aushöhlte wie einen Schwamm? Vielleicht sind wir jetzt der Antwort näher als je zuvor!«
C.C.G. Ceb, engster Mitarbeiter von J.L.G. Mat, schob den Stuhl ein wenig näher.
»Werden wir es versuchen?«
»Ja«, antwortete J.L.G. Mat.
Den Neurologen überschlich ein Gefühl des Mißbehagens, sooft er diesen ungeschlachten Organismus anblickte. Ekelerregend – dieses fliehende Kinn, diese niedrige Stirn, dieses Fell auf dem Schädeldach – sogar das Gesicht war mit kurzen Stoppeln überzogen. Der Mund stand offen, zwischen den bleichen Lippen konnte man grauweiße Zähne sehen. Der Rumpf dick und breit, die Knochen schwer, Muskelpakete standen von Armen und Beinen ab; damit hatten sich diese Wesen stundenlang ohne Rollstuhl bewegt!