Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Sie sehen die Geschichte als stochastischen Ablauf, die Planetenbewegung als Formel, die Sonne als Brutreaktor, die Natur als Kreislauf, die Kunst als Lernprozeß. In der Liebe sehen sie das Zusammenwirken von Hormonen, im Lachen die Aggression, in der Erkenntnis die Aha-Reaktion. Im Molekül sehen sie Wahrscheinlichkeitsfelder, im Atom ein Schema der Geometrie. Alles Stoffliche lösen sie in Quanten auf, alles Geistige in Information. Ihr Raum ist eine gekrümmte Leere, ihre Welt ein entropischer Prozeß. Am Ende steht der Wärmetod.
Die Naturwissenschaft nimmt keine Rücksicht auf Wertvorstellungen und Ideale. Sie fällt ihre Urteile, ohne die gesellschaftlichen Forderungen zu beachten. Sie gibt Theorien als absolute Wahrheit aus, auch wenn sie repressive Tendenzen haben. Sie ist unfähig, sich geschichtlichen Notwendigkeiten anzupassen. Sie verschließt sich der unmittelbaren Erkenntnis und beruft sich auf banale Beobachtungen, Experimente, Statistiken. Sie ist blind, beschränkt und steril.
Die Beschäftigung mit den Pseudoproblemen der Naturwissenschaft führt zu einer Verarmung der Psyche, die Nutzung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in der Technik zu einer Bedrohung des Menschen und der Gesellschaft. Die Aneignung, Förderung und Verbreitung von naturwissenschaftlichem und technischem Gedankengut ist verboten und wird bestraft.
James Forsythe hatte seine Aufgabe nicht erfüllt – und damit hatte er seine Persönlichkeit verspielt. In dem Zustand, in den er hineingeraten war, kam ihm das aber nicht mehr gar so schlimm vor, ja, manchmal erschien es ihm geradezu als Ausweg; denn jetzt quälte ihn das Problem selbst und nicht mehr die Folge des Versagens. Was geschah in den automatischen Fabriken, in den kybernetischen Gärten, in den elektronischen Anlagen, die die Daten von außen und innen sammelten, verglichen und wieder in Steuerimpulse umsetzten? Wo waren die Menschen, die sich dieser Mittel noch bedienen konnten? Oder hatte der Professor recht, und es gab keine solchen Menschen mehr?
Bis jetzt war alles, was James unternommen hatte, ungewöhnlich gewesen, vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grad gefährlich, aber letztlich arbeitete er doch im Auftrag der Polizei, die ihn schützte und deckte, wenn irgend etwas schiefging. Er besaß sogar ein Privileg wie noch niemand vor ihm in diesem Staat der Permanenz: Er durfte Siegel erbrechen und Maschinen öffnen, ohne dafür bestraft zu werden. Aber nun mußte er etwas tun, wofür er keine Gnade erwarten durfte – das Ungeheuerliche selbst. Aber es gab keinen Ausweg, wenn er das Rätsel lösen wollte. Was nachher geschah, war gleichgültig.
Es gab nur wenige Kontaktstellen zwischen den unterirdischen Ebenen der Maschinen und den oberen, die den Menschen vorbehalten waren. Zwar fanden sich in jedem Magazin die Ausgabegatter, aus denen der Nachschub kam, so wie man es an den Rufskalen einstellte – prompt, fehlerlos, ohne Gegenleistung. Seit dieses System bestand, gab es keinen Mangel mehr, und es gab keine Notwendigkeit, etwas daran zu ändern. Jede Änderung hätte zu Störungen, zu Stauungen, Fehlern führen können, zu Unzufriedenheit, Unruhen, Revolten. Es mußte eingefroren bleiben, und jeder vernünftige Mensch mußte das einsehen. Da die Maschinerie selbstreparabel war, brauchte niemand mehr daran zu rühren. Die Gullys, wie man die Zugänge nannte, hatten ihre Existenzberechtigung verloren. Sie waren vermauert worden, bald wußte niemand mehr, wo sie unter den Hochhäusern, Spielplätzen, Straßen oder Parks lagen – mit dicken Schichten Zement bedeckt.
Es war ein reiner Zufall gewesen, daß James einen Gully entdeckt hatte. Er lag im Zoo, am Grunde des riesigen, geheizten Aquariums, eigentlich eher eines künstlich erzeugten Teils der Südsee mit ihren farbenprächtigen unmenschlichen Existenzen. Die Besucher konnten diese Welt in kleinen fahrbaren Behältern, die wie gläserne Taucherglocken aussahen, von innen her kennenlernen. Man saß in einer Sesselschale, das grüne, warme Wasser plätscherte unter den Füßen, und schwebte, von kleinen Düsen getrieben, lautlos durch die submarine Pracht. Die durchsichtige Bodenplatte gab den Blick auf die phantastische Landschaft des künstlichen Meeresgrunds frei, durch die Wandfenster erblickte man Schwärme bunter Fische. Bei einer solchen Fahrt hatte James einen großen dicken Fisch beobachtet, der sich, flach an der Seite liegend, in den Sand des seichten Grundes gewühlt hatte. Als sich die aufgewühlten Massen gesetzt hatten, zeichnete sich plötzlich ein metallener Ring ab, von ihm eingeschlossen ein Deckel, und darauf war noch der eingravierte Schriftzug erkennbar: Zutritt verboten!. In dieser Mündung sah James die letzte Möglichkeit zur Lösung des Rätsels, und nach einem unruhigen, von Träumen geplagten Erschöpfungsschlaf in seinem Appartement suchte er den Zoo auf, ging zum Aquarium und setzte sich in eine Schwebeglocke. Er mußte längere Zeit suchen, ehe er die bewußte Stelle wiederfand – immer wieder ließ er sich zum Grund sinken und schaltete dann die Auftriebsdüsen ein, die das Wasser bewegten und den Sand aufwirbelten. Als er den Gully entdeckt hatte, setzte er die Glocke genau darauf. Dann nahm er den batteriebetriebenen Föhn aus der Innentasche seiner weiten Jacke und richtete ihn auf die Bodenplatte aus Kunstglas. Seine Abschätzung stimmte: Die Hitze genügte, um das Material zu schmelzen. Er zog einen Kreis, der etwas größer war als der Außenring des Gullydeckels. Als die eingebrannte Kerbe die Platte bis auf wenige Millimeter durchsetzt hatte, hob er das Boot ein wenig vom Boden ab und ließ es dann rasch absacken. Dabei richtete er es so ein, daß der aufgewölbte Rand des Gullys einen Stoß auf die Scheibe ausübte, so daß der umkerbte Kreis absprang. Ein wenig Wasser drang ins Innere, aber es stieg nicht hoch. Mehr störte der plötzlich einsetzende schmerzhafte Druck in den Ohren.
James hoffte nur, daß ihn jetzt niemand beobachtete. In der Ferne sah er eine Glocke vorübertreiben, aber sie verschwand gleich wieder hinter den eingemauerten Bruchstücken von Korallenriffen. Er war allein mit einigen bunt gefiederten Ungeheuern, die ihn aus runden Glotzaugen anstarrten. Rasch wischte er den Sand vom Hebel des Schlosses und hob ihn dann kräftig an. Der Deckel klappte auf, ein Wasserschwall strömte hinein – der Abschluß durch den Kunststoffrand war doch nicht so dicht, wie James gehofft hatte. Aber das störte ihn wenig. Er ließ sich durch die Öffnung gleiten und ertastete mit den Füßen eine Treppe. Er rutschte tiefer, holte seine Taschenlampe heraus, doch er benötigte sie nicht: Die Wände des Raumes, den er betrat, waren mit Fluoreszenzstreifen bemalt. Er klappte den Deckel zu, um das Eindringen weiteren Wassers zu verhindern. Dann sah er sich um in dieser Welt, die ihm fremder war als der fernste Winkel der Erde.
Was er bisher in seiner Umgebung kennengelernt hatte, waren Geräte des täglichen Gebrauchs, handlich und gefällig gebaut, mit einem Panzer aus Duroplast umgeben. Nur wenige von ihnen hatte er geöffnet – und was er an Mechanismen, Schaltungen und Konstruktionen kannte, war harmlos und ohne Belang. Die Perspektiven dagegen, die sich ihm jetzt auftaten, wirkten geradezu überwältigend. Hier brauchte keine schreckhafte Psyche vor dem Innenleben der Maschinen abgeschirmt werden. Durch gläserne Wände hindurch blickte man tief in Räume hinein, in denen sich Myriaden von Schaltelementen zu Aggregaten höherer Ordnung vereinten und dabei eine Art abstrakter Schönheit schufen. Die Muster waren dreidimensional – neben dem schmalen Weg, einem Anachronismus aus der Zeit des agierenden Menschen, verliefen sie ins Ungewisse hinein. Die Räume, die sich hinter ihm auftaten, waren nicht dunkel, aber trotzdem schwer überschaubar: Das, was da blinkte und glühte, diente nicht der Erhellung, war nicht leistungsschwachen menschlichen Sinnesorganen angepaßt, sondern schien für sich selbst da zu sein: als Zeichen nicht beschreibbarer Vorgänge.
Und dieser Organismus war in Aktion. Man sah kaum Bewegungen – nur selten drehte sich ein Potentiometer, schlug ein Relais um, wanderte ein Rahmen über einen Raster, und wenn das geschah, geschah es nie einzeln, sondern an hundert, an tausend Elementen zugleich, oder auch rhythmisch wechselnd, wie bei graphischen Spielen, und trotzdem war der Eindruck intensivsten Geschehens wie eine immaterielle Spannung zu fühlen. Irgendwo summte es leise, irgendwo pfiff oder sang es, mitunter strich ein warmer Luftzug über den Weg, ein Geruch nach Ozon, Graphit, Schweröl.