Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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Die Stimmen verstummten, und der Mann wandte sich an James. »Hörst du die Worte, mein Sohn? Ja, du hörst sie, aber du verstehst sie nicht. Niemand versteht sie – und doch liegen in ihnen alle Geheimnisse dieser Welt!« In seinen Worten lag Verzückung, er hatte die Augen nach oben gerichtet, so daß man nur das Weiße sah. Nach einer Weile sagte er: »Sei willkommen, mein Sohn. Ich bin Rutherford.« Er winkte ab, als James etwas sagen wollte. »Sei still! Dein profaner Name interessiert uns nicht. Du hast zu uns gefunden, und nun gehörst du zu uns. Du bekommst einen wirklichen, einen sinnvollen Namen.« Er holte ein altes, zerschlissenes Buch von einem Pult und schlug es auf. James hatte einen kurzen Blick auf die Titelseite werfen können; dort stand »Who is Who in Science«. »Der nächste freie Name ist Dirac. Also heißt du Dirac. Halte den Namen in Ehren. Und nun komm mit mir.« Ohne sich nach James umzusehen, ging er voran zur nächsten Tür.
Das Herz von James schlug. Vielleicht war es die Erwartung, nun endlich am Ziel zu sein, vielleicht aber auch das seltsame Geschehen, das ihn in den Bann zog. Er folgte dem Mann, der sich Rutherford nannte, und betrat hinter ihm einen Hörsaal. Die letzten Bankreihen waren frei, sie nahmen Platz. Vorn, neben dem Pult, stand ein Mann mit Brille und langem Haar, wie man es längst nicht mehr trug. Er sprach mit getragener, feierlicher Stimme.
»… so müssen wir uns einzufühlen versuchen in die Formeln und Zeichen, die uns überliefert sind. Ich schreibe nun die Symbole an, die einem der großen Wunder unserer Welt gewidmet sind: dem Licht.« Er trat an die Tafel und schrieb:
= A sin 2 (x t),
Gz = A sin 2 (x t).
»Ich bitte um eine Minute Stille, in der Sie versuchen sollen, sich in diese Formel zu vertiefen.« Alle senkten die Köpfe, und außer leisen Atemzügen war nichts zu hören.
Dann richtete sich der Dozent wieder auf. »Ich bin glücklich, heute einen jener Apparate vorweisen zu können, mit denen unsere unsterblichen Vorbilder die Kräfte der Natur beschworen haben. Nun dürfen wir selbst das Wunder schauen. Wir werden dem Wesen der Dinge so nahe sein wie nie zuvor, und es ist sicher, daß wir dadurch einen wesentlichen Schritt zum unmittelbaren Begreifen tun.«
Auf dem Tisch stand eine Apparatur von der Größe einer Fernsehbox, von einem grauen Gehäuse umschlossen, über einen dicken Kabelstrang mit einem Schaltkästchen verbunden. Zwei zylindrische Auswüchse ragten heraus, an Geschützrohre erinnernd. Sie lagen beide in einer horizontalen Ebene, doch wiesen sie in verschiedene Richtungen. Einer zielte auf eine weißgeperlte Projektionsfläche an der frontalen Wand. Der Raum an jener Stelle, wo sie sich kreuzen mochten, war ausgespart, dort saß ein Glasgefäß mit planparallelen Seiten, dahinter ein Spiegel.
Der Dozent veränderte eine Einstellung an der Schaltplatte. Es wurde finster im Raum. Ein leises Surren klang auf. Noch ein Handgriff. Der Mann prüfte die Winkeleinteilung und warf einen Blick ins Fadenkreuz der Zielvorrichtung. Dann klappte er den Deckel von der Mündung des Teleskops – ein gleißender Lichtstrahl warf einen blendend weißen Fleck auf die Projektionswand. Je länger man ihn ansah, um so stärker wurde der Eindruck, daß die übrige Umgebung zurücksank: Eine weißglühende Wolke schien frei im Raum zu schweben. Nur noch diese Wolke existierte. Plötzlich ein Geräusch, ein Klicken. Um die Lichterscheinung herum schob sich ein Rahmen, sie zog sich in die Länge und verwandelte sich zugleich: Jetzt glühten farbige Streifen an der Wand, oder besser über der Wand, von der samtenen Halo des einfallenden Lichts überhaucht. Die Erscheinung war von unbeschreiblicher Pracht – zeitlos, raumlos, sie existierte nicht materiell – vielleicht nur im Gehirn der Schauenden, vielleicht irgendwo draußen im Weltall.
Da erlosch der Zauber. Die Raumbeleuchtung flammte auf. Der Dozent stand neben seinem Pult, die Hände erhoben. Auch seine Zuhörer hoben die Hände, drehten die Handflächen nach oben. Sie stimmten einen leisen, getragenen Gesang an: »O du erkennender Geist, Einheit in der Vielfalt, in der du dich äußertest, wir grüßen jede deiner Inkarnationen. Gegrüßt seist du, großer Newton!«
Die anderen sprachen ihm nach. »Gegrüßt seist du, großer Newton!«
»Gegrüßt seist du, großer Leibniz!«
»Gegrüßt seist du, großer Boltzmann!«
»Gegrüßt seist du, großer Heisenberg!«
Die Litanei schien Hunderte von Namen zu umfassen. Endlich kam der Schluß.
»Gegrüßt seist du, großer Rußmoller. Deine Flamme leuchte ewig.«
»Deine Flamme leuchte ewig!« wiederholte der Chor. Der Dozent trat vom Podium herab, doch die Versammelten blieben auf ihren Plätzen. Gemurmel klang auf, wurde lauter, fordernder. Jetzt konnte James einige Worte verstehen: »Wir wollen Rußmoller sehen!« Einige stellten sich in eine Stahltür in der rechten Ecke des Saals und machten Anstalten, sie zu öffnen.
Der Dozent hob beschwichtigend die Hände. »Heute nicht – er meditiert. Die Automatik hat jede Störung untersagt. Vielleicht ist er nächste Woche zu einer Visite bereit. Darauf wollen wir uns freuen! Und jetzt geht nach Hause! Trachtet das Wunder, das ihr heute schauen durftet, noch einmal zu durchleben, und ihr werdet sehen, wie die Erkenntnis über euch kommt gleich einer Gnade!«
Das schien die Versammelten zu beruhigen. Leise flüsternd verließen sie den Raum.
»Was wollten diese Menschen?« fragte James, als er und Rutherford aus der Bankreihe traten.
»Sie wollten Rußmoller sehen, unseren Propheten.«
James blickte ihn zweifelnd an:
»Ist hier sein Grab?«
In Rutherfords Augen drang ein Leuchten. »Sein Grab!« Er lachte leise. »Rußmoller lebt. Ja, er weilt hier bei uns. Es ist ein Wunder.«
»Aber er muß doch weit über hundert Jahre alt sein.«
»Genau einhundertsechsundfünfzig Jahre. Das stimmt. Er ist älter, als je ein Mensch vor ihm war.«
»Aber, wieso …«
»Rußmoller ist ein Erleuchteter. Er kennt nicht nur die Formeln der Physik und Chemie, sondern auch jene der Biologie und Kybernetik. Sie hat er beschworen, und bis heute sind sie in ihm wirksam geblieben. Es klingt wunderbar, aber es fügt sich in den weiten Rahmen des Logischen: In ihm leben die Geheimnisse der Naturwissenschaft fort. Sie erhalten sich über die Periode der Finsternis hinweg, bis das Licht der Erkenntnis wieder leuchtet. Wir sind seine Jünger, und alle unsere Bemühungen haben das Ziel, ihm geistig nahe zu kommen, um das Wissen neu erstehen zu lassen.«
James fühlte, daß sein Herz schneller schlug.
»Darf ich Rußmoller sehen?«
»Gedulde dich bis nächste Woche. Wir dürfen ihn nicht stören!«
»Aber es ist wichtig!«
»Nächste Woche!« sagte Rutherford entschieden. »Du hast noch viel Zeit – eine schöne Zeit; du wirst von der Quelle der Erkenntnis trinken. Und nun komm, ich stelle dich Maxwell vor.«
Maxwell, der Dozent, drückte ihm die Hand. Sie verließen den Saal und traten ins Vorzimmer. Von den anderen war nichts mehr zu sehen. Maxwell setzte die Brille ab und wischte sich die Augen. Dann entnahm er einem Etui ein Paar Haftschalen und setzte sie auf die Pupillen. Dann löste er mit einem Ruck die Perücke mit dem weichen, wirren Haar: Sein Schädel war kahl bis auf ein paar Locken hinter dem Stirnbein. Er seufzte.
»Es strengt an«, sagte er. »Die Konzentration. Das Eindringen in unsagbare Geheimnisse. Aber das gewonnene Verständnis wiegt alles auf. Unsere Welt ist Schein, mein Sohn, ein Flechtwerk aus Zeichen und Zahlen. Ich wünsche dir, daß du tief genug eindringen magst, um die tiefere Wirklichkeit zu erfassen.«
Die düstere Umgebung, das seltsame Gehabe der Leute, ihre Gebete und Beschwörungen verwirrten James, er vermochte keine Beziehungen dahinter zu entdecken, sich nicht zu erklären, wie sie wirksam werden konnten. Und doch zeitigten sie Wirkungen: Er hatte den regenbogenschimmernden Lichtbalken gesehen – einen Eingriff in ungreifbare und unbeschreibliche Dinge. Was waren dagegen seine Drähte und Schrauben?