Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Es tat ihm leid, daß Angela tot war. Es tat ihm leid, daß Braun am Ende doch davonkommen sollte, und es tat ihm vor allem leid, daß es so endete. Bremer hatte Geschichten ohne Happy-End immer gemocht, aber nun, als er selbst die Hauptperson einer solchen Geschichte sein sollte, fand er sie nicht mehr so gut.
Sein Blick begann sich zu verschleiern. Der Korridor vor seinen Augen verzerrte sich, schien jetzt länger und schmaler zu werden und wurde zu einem wabernden Tunnel, an dessen Ende ein strahlendes Licht lockte, unendlich weit entfernt, aber gleißend hell. Nun hatte er das Tunnelerlebnis, von dem alle gesprochen hatten. Er bedauerte es, daß er Angela nicht mehr davon erzählen konnte, empfand aber gleichzeitig eine sachte Neugier, was ihn wohl in dem Licht dort hinten erwarten mochte. Er starb, aber der Tod war angenehm, süß, ohne Schmerzen und nicht mit der mindesten Spur von Angst.
Das Licht am Ende des Tunnels wurde heller und kam gleichzeitig näher. Im ersten Moment dachte Bremer, daß sich etwas darin bewegte, dann erkannte er, daß es das Licht selbst war. Es wogte, ballte sich zusammen und nahm Form an, und dann sah Bremer, wie eine riesige, strahlende Lichtgestalt auf ihn zutrat. Er halluzinierte, aber es war eine wunderbare Halluzination. Wenn die Agnostiker recht hatten, die behaupteten, daß nach dem Sterben nichts mehr kam, so hatte die Natur zumindest dafür gesorgt, daß der Weg hinüber in dieses Nichts unbeschreiblich schön war...
Die Lichtgestalt kam näher, streckte einen Arm aus, der aus nichts anderem als milder, weißer Helligkeit bestand, und berührte seine Schulter. Der Blutstrom versiegte, und eine neue Form von milder Schwere und Taubheit breitete sich in seinem Körper aus.
Dann hörte die Gestalt auf zu leuchten, nahm wieder ein menschliches Aussehen und Angelas Gesicht an und sagte: »Laß dir bloß nicht einfallen, jetzt zu sterben, alter Mann. Die Show ist noch nicht vorbei.«
Bremer starrte sie an. Seine Umgebung schnappte mit einem furchtbaren Ruck wieder in die normalen Formen der Wirklichkeit zurück. Aus dem Tunnel wurde wieder der kaum beleuchtete Krankenhausflur, und er selbst war kein spirituelles Wesen auf dem Weg zu Wolke sieben, sondern saß ganz körperlich auf dem Boden, beide Beine in stumpfem Winkel von sich gestreckt und mit dem Rücken gegen eine Wand gelehnt, die naß und klebrig von seinem eigenen Blut war.
»Du bist tot«, murmelte er.
Angela schüttelte heftig den Kopf und verzog gleich darauf das Gesicht. »Bin ich nicht«, antwortete sie. »Aber ich wünschte mir fast, ich wäre es, so wie mein Schädel dröhnt. Falls wir Braun zu fassen kriegen, dann untersteh dich, ihn anzurühren. Ich will den Kerl selbst umbringen.«
»Aber ... aber du ... du mußt tot sein«, beharrte Bremer stur. »Braun hat dir in den Kopf geschossen.«
»Entschuldige bitte, daß ich noch lebe«, sagte Angela spitz. »Es tut mir ja leid, dich enttäuschen zu müssen, aber Braun ist ein noch miserablerer Schütze als Nördlinger.« Sie hob die Hand und deutete auf eine fingerbreite, gut zehn Zentimeter lange Wunde über ihrer linken Augenbraue. »Kannst du aufstehen?« fragte sie.
Bremer versuchte es, und fast zu seiner eigenen Überraschung kam er sogar auf die Füße, wenn auch mit Angelas Hilfe. Er fühlte sich sehr matt, aber er war eindeutig nicht tot. Und seine Schulter blutete nicht mehr. »Wie hast du das gemacht?« fragte er.
Angela grinste. »Du weißt doch, ich habe...«
»...heilende Hände, ja ich weiß«, unterbrach sie Bremer. »Ich meine es ernst, verdammt noch mal!« Was sie getan hatte, war unmöglich. Er war im Begriff gewesen zu sterben, und jetzt fühlte er sich, als brauchte er nicht mehr als zwölf Stunden Schlaf, um wieder völlig der Alte zu sein. Und er hatte gesehen, wie Braun ihr in den Kopf geschossen hatte! Bremer wußte zwar, wie heftig selbst relativ harmlose Wunden im Kopfbereich bluteten aber aus einem Meter Entfernung hätte nicht einmal ein Blinder danebengeschossen! Was ging hier vor?
Angela verdrehte die Augen. »Und du glaubst, jetzt wäre der richtige Moment, um darüber zu diskutieren, ja?« fragte sie. »Wenn wir das hier überleben sollten, dann gebe ich dir vielleicht einen Crash-Kurs in fernöstlicher Heilkunst, aber im Moment haben wir Wichtigeres zu tun. Soll ich Braun ganz allein erledigen, oder möchtest du mir vielleicht dabei helfen? Natürlich nur, wenn es dir nicht allzu viel ausmacht.«
»Ich weiß nicht, wo er ist«, gestand Bremer. »Er ist im Aufzug verschwunden. Ich konnte ihn nicht aufhalten.«
»In welchem Aufzug?«
»Das hat doch gar keinen Sinn«, sagte Bremer niedergeschlagen. »Ich weiß nicht einmal, in welche Etage er gefahren ist.«
»Zeig ihn mir«, beharrte Angela.
Bremer schüttelte noch einmal den Kopf, drehte sich dann aber gehorsam um und schlurfte voraus. Es war nicht besonders schwer, den Aufzug wiederzufinden, aber nicht einfach, ihn zu erreichen. Was von den beiden Agenten übrig war, war über die Hälfte des Korridors verteilt. Das Ungeheuer hatte sich nicht damit zufriedengegeben, die beiden Männer einfach zu töten.
Angela verzog entsetzt das Gesicht, während Bremer sich rasch und eindeutig erschrocken umsah.
»Keine Angst«, sagte Angela. »Unser Freund ist im Moment anderweitig beschäftigt. Als ich ihn das letztemal gesehen habe, war er gerade dabei, Hasch-mich mit Brauns Prügelknaben zu spielen.«
Bremer gefiel ihre Wortwahl nicht, aber er nahm an, daß sie diesen flapsigen Ton ganz bewußt anschlug, um mit dem Grauen fertig zu werden, mit dem sie der Anblick erfüllen mußte. Tod war nicht gleich Tod.
Bremer drückte den Knopf neben dem Aufzug, und Angela und er traten in die Kabine, nachdem die Türen aufgeglitten waren. Angela bedeutete ihm mit Gesten, wieder einen halben Schritt zurückzutreten, um die Lichtschranke zu unterbrechen und begann sich sehr aufmerksam in der kleinen Kabine umzusehen. Sie untersuchte sehr aufmerksam das Tastenfeld neben der Tür und runzelte schließlich fragend die Stirn.
»Seltsam«, sagte sie. »Kein Schloß.«
»Was für ein Schloß?«
»Brauns kleine Frankenstein-Kammer ist bestimmt nicht so einfach mit dem Aufzug zu erreichen«, antwortete Angela. »Oder glaubst du, er wäre scharf darauf, daß Albert plötzlich vor ihm steht? Ich hätte damit gerechnet, daß er einen Schlüssel hat oder...« Sie sprach nicht weiter, sondern drehte sich ein zweites Mal im Kreis und unterzog die Kabine dabei einer neuerlichen, noch aufmerksameren Musterung. Schließlich blieb ihr Blick auf einem kleinen Spiegel an der Rückwand haften. Wortlos zog sie die Pistole unter dem Gürtel hervor, drehte sich herum und schmetterte den Kolben wuchtig gegen das Glas.
Der Spiegel zerbrach, aber dahinter kam nicht die Kabinenwand zum Vorschein, sondern ein kleiner Hohlraum, aus dem sie die Linse einer winzigen Kamera anstarrte.
»Das habe ich mir gedacht«, sagte Angela stirnrunzelnd.
»Was? Eine Videoüberwachung?«
Angela schüttelte hastig den Kopf. »So leicht ist es nicht. Das da dürfte ein Retina-Scanner sein.«
»Aha«, sagte Bremer. »Und was bedeutet das?«
»Das kleine Miststück da läßt niemanden passieren, der nicht über Brauns Netzhautabdrücke verfügt«, antwortete Angela. »Falls du also nicht zufällig eines seiner Augen in der Tasche hast, haben wir ein Problem.«
»Kannst du das Ding überlisten?«
»Nicht von hier aus«, sagte Angela. Sie drehte sich herum, sah ihn eine Sekunde lang nachdenklich an und trat dann mit einem plötzlich sehr schnellen Schritt an ihm vorbei. »Komm mit.«
Bremer wäre ihr sowieso gefolgt. Er hätte den Teufel getan, allein mit den beiden Toten hier zurückzubleiben, oder gar im Lift. Angela eilte mit schnellen Schritten den Flur hinab, öffnete jede einzelne Tür, an der sie vorbeikamen und schaltete die Beleuchtung in dem dahinter liegenden Raum ein. Sie machte sich nicht die Mühe, Bremer zu erklären, was sie suchte, und Bremer machte sich nicht die Mühe, sie danach zu fragen.