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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Und Bremer glaubte nicht, daß er sich schneller bewegte als er.

Bremer bewegte sich so schnell und selbstverständlich durch den Flur, als wäre seine linke Schulter nicht taub und als hinge der linke Arm nicht so starr und nutzlos wie ein Stück Holz an seiner Seite herab. Er spürte keinen Schmerz, keine Schwäche, ja, nicht einmal Zorn, sondern allenfalls eine kalte, durch nichts aufzuhaltende Entschlossenheit, den Mann zu töten, der ihm das einzige genommen hatte, was ihm jemals in seinem Leben wirklich etwas bedeutet hatte. Braun hatte Angela getötet, und dafür würde er Braun töten, so einfach war das. Er empfand und dachte eine Menge in diesem Augenblick, aber er fühlte - nichts. Nur Kälte.

Trotzdem wäre er vermutlich zutiefst erschrocken, hätte er sich in diesem Augenblick selbst sehen können.

Bremer bewegte sich tatsächlich wie ein Raubtier den Korridor entlang. Sein linker Arm hing steif und nutzlos an seinem Körper herab, aber die andere Hand war halb erhoben und wie zu einer Kralle verkrümmt. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, und seine Nasenflügel blähten sich im Rhythmus seiner schweren Atemzüge, als nähme er wirklich Witterung auf. Er zog eine dünner werdende Blutspur hinter sich her - dünner werdend nicht, weil die Schußwunde in seiner Schulter aufgehört hätte zu bluten, sondern weil seine Schritte mit jedem Meter, den er zurücklegte, ein wenig schneller wurden, bis er schließlich rannte.

Er sah Braun wieder, als dieser am Ende des schmalen Korridors in einen Aufzug trat und die Hand nach dem Tastenfeld ausstreckte.

Braun war nicht allein. Nicht weniger als fünf seiner Männer waren bei ihm. Einer davon war verletzt und trug einen Arm in einer Schlinge, sein Gesicht kam Bremer vage bekannt vor, aber er war nicht mehr in einem Zustand, in dem sein Gedächtnis noch allzu gut funktioniert hätte. Es spielte auch keine Rolle. Wenn sie ihm aus dem Weg gingen, gut. Wenn er diese fünf Männer mit bloßen Händen umbringen mußte, um an Braun heranzukommen, auch gut. Es war ihre Entscheidung. Bremer fühlte sich von der vielleicht stärksten aller Empfindungen besucht, die es gab: Rache. Man hatte ihm ein Leben genommen, und er wollte ein Leben dafür haben.

Braun entdeckte ihn fast im gleichen Moment wie Bremer umgekehrt ihn. Für eine Sekunde breitete sich ein Ausdruck maßloser Überraschung auf seinen Zügen aus, der aber fast sofort von Zorn und einer kalten Entschlossenheit verdrängt wurde. Er hob den Arm, und der Mann mit der Schlinge und ein zweiter Agent traten wieder aus dem Aufzug heraus und gingen Bremer entgegen. Fast im gleichen Moment begannen sich die Aufzugtüren zu schließen. Bremer stieß ein gequältes Heulen aus und versuchte schneller zu laufen, aber es ging nicht. Sein geschundener Körper war einfach nicht mehr in der Lage, weitere Kraftreserven zu mobilisieren.

Es hätte ihm auch nichts genutzt. Der Aufzug hatte sich bereits geschlossen, und die beiden Agenten traten ihm entgegen. Bremer attackierte den Mann mit dem verletzten Arm mit wütender Entschlossenheit und begriff spätestens in diesem Moment, daß Körper und Geist nicht immer dasselbe waren. Er war entschlossen, es mit der gesamten Welt aufzunehmen, wenn es sein mußte, um Braun zu bekommen, aber sein Faustschlag war so kraftlos wie der eines Kindes. Der Agent machte sich nicht einmal die Mühe, ihm auszuweichen, sondern schlug seine Hand fast beiläufig zur Seite und schickte Bremer mit einer Bewegung zu Boden, die mehr ein Schubsen als ein Hieb war. Sofort versuchte Bremer wieder auf die Füße zu kommen. Der Mann versetzte ihm mit der flachen Hand einen Stoß vor die Brust, der ihn erneut nach hinten schleuderte, und diesmal blieb Bremer liegen. Er wollte sich abermals hochstemmen, aber er konnte es nicht mehr.

Der Agent stand breitbeinig über ihm. Seine unverletzte Hand war abwehrbereit erhoben, nur für den Fall, daß Bremer noch irgend etwas Unerwartetes versuchen sollte, aber Bremer las in seinen Augen, daß er nicht ernsthaft damit rechnete. Der Mann hatte genug Erfahrung, um zu wissen, wann sein Gegner besiegt war.

»Worauf wartest du?« fragte sein Kollege. »Bring es zu Ende.«

»Das arme Schwein ist doch schon so gut wie tot«, sagte der Mann mit dem verbundenen Arm. »Sieh ihn dir doch an!«

»Braun hat gesagt, daß wir ihn erledigen sollen«, sagte der andere. »Willst du ihm vielleicht erklären, warum...« Er brach mitten im Satz ab. Seine Hand glitt unter die Jacke, vermutlich um die Waffe hervorzuziehen, die er in seinem Schulterhalfter darunter trug, und sein Blick bohrte sich in das Halbdunkel des Korridors hinter Bremer. Er schien jedoch nichts zu entdecken, worauf zu schießen sich gelohnt hätte, denn nach zwei oder drei Sekunden zog er die Hand wieder heraus, ohne daß sie eine Waffe hielt.

»Was hast du?« fragte sein Kollege.

»Nichts«, antwortete der Agent. »Ich dachte, ich hätte etwas...«

Er kam nicht mehr dazu, das ›gehört‹ auszusprechen. Ein dumpfer, sonderbar weicher Laut erklang. Die Augen des Agenten wurden groß, und er gab einen erstickten Seufzer von sich. Aus seiner Brust ragten plötzlich drei fingerlange, gebogene Klauen.

Der zweite Mann prallte entsetzt zurück. Seine unversehrte Hand glitt unter die Jacke und zerrte die Waffe hervor, aber er kam nicht einmal mehr dazu, sie zu ziehen. Der Dämon trat mit einem ungelenk wirkenden Schritt vollends aus dem düsteren Schattenreich hervor, das seine Heimat war, packte ihn mit beiden Händen und warf ihn mit unvorstellbarer Gewalt gegen die Aufzugtüren. Noch bevor der Mann vollends zu Boden sacken konnte, war das Ungeheuer über ihm. Seine schwarzen Schwingen schlossen sich über seinem Opfer wie die Hälften eines unheimlichen, flatternden Mantels, und Bremer hörte eine Reihe gräßlicher, reißender Laute.

Stöhnend wälzte er sich herum, kroch auf Händen und Knien ein Stück weit von der Kreatur davon und richtete sich auf. Er sah nicht zurück, aber das Reißen und Fressen hinter ihm hielt an. Solange der Dämon mit seinem letzten Opfer beschäftigt war, hatte er vielleicht noch einmal eine Chance zu entkommen. Plötzlich erschien ihm das wieder sehr wichtig. Noch vor wenigen Minuten war er bereit gewesen, einfach aufzugeben, aber mit einemmal gab es nichts Wichtigeres, als am Leben zu bleiben. Er mußte es schaffen, weil er Braun sonst nicht erwischen würde. Bremer taumelte bis zur nächsten Abzweigung, ließ sich blindlings nach rechts und gegen die Wand sinken und schloß für einen Moment die Augen. Alles drehte sich um ihn. Sein Körper begann mittlerweile massiv gegen ihn zu arbeiten. Die Wunde in seiner Schulter blutete noch immer, und auch wenn er immer noch kaum Schmerzen verspürte, so konnte er doch fühlen, wie das Leben mit jedem Herzschlag ein kleines bißchen mehr aus ihm herausströmte. Er wußte, daß er es nicht schaffen würde.

Braun hatte letzten Endes doch gewonnen. Die Kugel, die er ihm verpaßt hatte, hatte ihn umgebracht. Nicht so schnell und dramatisch wie Angela, aber am Ende doch. Er würde verbluten, innerhalb der nächsten Minuten.

Bremer hob mühsam die Hand und preßte sie gegen das daumennagelgroße Einschußloch in seiner Schulter. Es gelang ihm tatsächlich, den Blutstrom ein wenig zu stoppen, aber die ungleich größere Austrittswunde über seinem linken Schulterblatt blutete weiter. Wie viele Liter Blut hatte ein Mensch? Fünf? Acht? Er wußte es nicht, aber er mußte die Hälfte davon bereits verloren haben. Es kam ihm selbst fast wie ein Wunder vor, daß er noch bei Bewußtsein war, aber dieser Zustand würde nicht mehr allzu lange anhalten. Seine Gedanken begannen sich mehr und mehr zu verwirren.

Bitterkeit überkam ihn. Es war ... nicht fair! Er hatte den größten Kampf seines Lebens gekämpft, war vielleicht der furchtbarsten Kreatur entronnen, mit der es jemals ein Mensch zu tun gehabt hatte, und nun sollte er ganz banal verbluten, an einer lächerlichen Schußwunde! Und als wäre dies noch nicht ironisch genug, starb er inmitten eines Krankenhauses, umgeben von der modernsten und aufwendigsten Technik, die Menschen jemals geschaffen hatten, um Leben zu retten.

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Главный герой
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