Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Vielleicht war es ja bloß ein Tier.
Aber er wusste, dass dies nicht zutraf.
Er zog sein Schwert und ging mit den selbstverständlichen Schritten los, die ihn auch fast wie von selbst bis hierhin getragen hatten. Torgon rief ihm irgendetwas hinterher, das er weder verstand noch verstehen wollte. Er war in heller Aufruhr. Die Müdigkeit war aber nicht wie weggeblasen, das konnte sie auch gar nicht sein, dazu war seine Erschöpfung viel zu groß, und seine Bewegungen waren sicherlich weit weniger elegant, als sie es sonst waren. Das machte alles keinen Unterschied.
Er hatte die Todessyre gesehen, kurz bevor sie den Sumpf verlassen hatte. Er hatte den Blick ihrer Augen nicht vergessen, einen Blick, der ihn ganz tief berührt hatte. Es hieß, wenn einen eine Todessyre berührte, war man auch des Todes. Vielleicht war mit dieser Berührung ja nichts anders als ihr Blick gemeint. Vielleicht hatte sie auch nichts weiter getan, als die anderen Männer anzublicken, die da tot im Sumpf gelegen hatten.
Mit jedem Schritt, den er sich von seinen Gefährten entfernte, kam er dem Geheimnis näher. Er packte sein Schwert fester. Wenn es der Tod war, der ihn erwartete, dann wollte er ihm wenigstens nicht kampflos entgegentreten.
Das Unwetter machte einen merkwürdigen Eindruck. Es zog auf, wie Unwetter nun einmal aufziehen: mit dichten Regenwolken, die von heftigen Windstößen vor sich hergetrieben wurden. Der Himmel wurde zunehmend schwärzer, wobei sich auch Grautöne heineinmischten, als sich Wolkenberge ineinanderschoben, und über allem thronte eine strahlende Sonne, die es durchaus schaffte, den einen oder anderen hellen Strahl durch die verwirbelte Wolkendecke zu senden.
Man hätte es auch als Kampf der Götter deuten können, als Aufbegehren der Herren von Sturm und Düsternis gegen die Übermacht der Sonne, die mit ihrer Kraft in letzter Zeit mehr Verheerungen angerichtet hatte, als Leben zu spenden. Man konnte es aber auch als das Werk von Dämonen betrachten, die in dieser Gegend hausten und nun alles daransetzten, um die Ankömmlinge davon abzuhalten, Urutark auf kürzestem Weg zu erreichen.
Zakaan hielt von all diesen Deutungen nichts. Hier waren andere Kräfte am Werke, das spürte er ganz deutlich. Aber um sie benennen zu können, hätte er das eine oder andere Ritual durchführen müssen.
Und das in Ruhe. Mit der geeigneten Unterstützung. Und nicht inmitten von Menschen, die sich schlimmer verhielten als brünstige Hirsche, die sich mit ihren Geweihen ineinander verhakt hatten.
»Isch kann nischt mehr«, schimpfte Granartara. »Wenn isch nischt gleisch ein Plätschen kriege ...«
»Du bekommst gleich was aufs Näschen, du altes Mammut«, unterbrach sie Byrta, und Partuk sagte unter heftigem Augenflackern: »Still jetzt, du Schnorchel. Siehst du denn nicht, dass der Schamane denkt!«
Zakaan sog tief die Luft ein und behielt sie so lange wie möglich in sich, bevor er sie wieder ausblies. Aha. Der Schamane dachte. Man sah es ihm auch an. Und was dachte der Schamane?
Dass irgendetwas mit diesem Unwetter nicht stimmte. Es ballte sich über ihren Köpfen zusammen - und dann zog es sich wieder ein Stück zurück, von Winden weggedrängt, die es hier nicht zu dulden schienen.
»Sehr, sehr merkwürdig«, sagte er.
»Was?«, fragte Partuk, »was ist merkwürdig?«
Wenn der Kerl nicht dieses lästige Augenzucken hätte, wäre er eigentlich gar nicht so übel, dachte Zakaan. »Ich finde das Wetter merkwürdig«, sagte er so würdevoll, wie das all die verschiedenen Wehwehchen zuließen, die sich ohne Plätschen kaum in den Griff bekommen ließen und ihn mit ihren Schmerzen gewiss in den Wahnsinn getrieben hätten, wenn er nicht fertiggebracht hätte, Geist und Körper weitgehend zu entkoppeln.
»Seht ihr die Wolken.« Er wollte nach oben deuten, aber ein scharfer Schulterschmerz hinderte ihn daran, die Bewegung zu vollenden. Es wurde Zeit, dass all dies endete. Und wenn es auch bedeutete, dass er loslassen musste von diesem Leben, um den Übertritt in das zu wagen, was einen nach dem Tod erwartete.
»Ja. Jajajaja. Isch sehe die Wolken«, Granartaras Stimme hatte ohne jeden Zweifel etwas Weinerliches, »aber ich sehe keine ...«
»Wehe, du sprichst das Wort aus«, drohte Byrta. »Dann stopfe ich dir nämlich ein Plätschen in dein Mündchen ...«
»Unwetter toben sich aus«, sagte Zakaan. »Oder sie ziehen vorbei. Aber sie verharren nicht über einem, als überlegten sie, ob sie nun mit ihrem Verheerungswerk loslegen sollen oder nicht.«
Partuk nickte. »Ich verstehe, was du meinst, Schamane. In meinem ganzen Leben habe ich so etwas noch nicht gesehen.«
»Ich auch nicht«, bemerkte Byrta.
Partuk und Zakaan wechselten einen schnellen Blick. Byrta hatte ja auch gerade erst angefangen zu leben. Was konnte sie da schon für Erfahrungen haben?
»Oder doch.« Byrta kratzte sich auf eine umständliche und nicht gerade schön anzusehende Art am Kopf, die sie sich nur von Granartara abgesehen haben konnte. »Damals. Vor langer, langer Zeit. Als wir noch in unserem Dorf wohnten. Alle zusammen. Und dann ... kurz bevor Dragosz aufbrach. Und Surkija ...«
»Ja.« Zakaan nickte. »Surkija. Aber davon sprechen wir jetzt nicht.«
»Weil wir nämlich nie von ihr sprechen«, ergänzte Partuk. »Weil die Umstände von Surkijas Tod ...«
»... nie mit etwas anderem zu tun haben«, beendete der Schamane das gemeinschaftliche Werk dieses Satzes, der fast aus dem Ruder gelaufen wäre.
»Was?« Byrtas Hand fror auf ihrem Kopf ein, was sie nun endgültig wie eine Nachahmung von Granartara aussehen ließ. Wenn sie erstmal ihre Zähne bis auf drei grauschwarze Stummel verloren hatte, dachte der Schamane, und dafür die Bissigkeit ihrer Bemerkungen vervollkommnete, dann würde sie in nicht allzu ferner Zukunft ein Ebenbild der Frau sein, die sie jetzt zu recht so sehr verabscheute. Merkwürdig. Warum sah sie das nicht selbst?
»Was?«, wiederhole Byrta, »was ist mit Surkijas Tod?«
»Nichts«, antworteten Partuk und Zakaan wie aus einem Mund.
Byrta schüttelte den Kopf, nahm aber wenigstens die Hand herunter. »Ich verschweigt mir doch nichts?«
»Niemals«, antwortete Partuk. Und Zakaan ergänzte: »Es geht gar nicht um Frauen. Es geht ums Wetter. Und das verhält sich so merkwürdig, dass wir uns schnellstens irgendwo einen Unterschlupf suchen sollten.«
»Am besten eine Höhle«, ergänzte Partuk. »Vorausgesetzt, es lebt kein Bär darin.«
Ein fernes Donnergrollen antwortete ihm darauf, und in der Ferne zerriss ein Blitz den Himmel. Das war doch die verkehrte Reihenfolge! Aber bevor Zakaan den Gedanken weiterverfolgen konnte, folgte Donnerschlag auf Donnerschlag, und die Blitze zuckten und schossen gezackt und in wirren Bahnen vom Himmel.
Zakaan lief los. Besser gesagt: Er versuchte, schnellstmöglichst einen Fuß vor den anderen zu setzten. Aber obwohl sein Gebiss noch vollständig und er ja auch in der Lage gewesen war, bei der großen Wanderung mit den anderen mitzuhalten, geriet sein vor Alter gebeugter Körper jetzt sehr schnell an seine Grenzen.
Er strauchelte, bekam einen Ast zu fassen und hielt sich daran fest. »Lauft!«, rief er. »Das Gewitter wird gleich hier sein.«
Wieder folgte ein Donnerschlag, und zwar so nah, dass Vögel aufstoben und es ganz in der Nähe zischte, als wäre ein Feuer entzündet worden. Der Schamane klammerte sich noch fester an den Ast, den er zu fassen bekommen hatte, und stemmte die Füße so gut es ging in den Waldboden. Es war so feucht hier, dass er nicht befürchten musste, ein Feuer könne um sich greifen und sie gefährden. Aber nicht das war es, was ihm Angst machte. Sondern dass ihn so unerwartet ein Gefühl von Angst, ja fast von Panik erfasste, dass er fast in sich zusammengesackt wäre.
Plötzlich hatte er wieder das Bild von Sedak vor Augen, dieses armen Kerls, der mit einem Pfeilschuss in den Rücken niedergestreckt worden war. Es waren nicht nur Naturgewalten oder wilde Tiere, die ihnen hier gefährlich werden konnte: Irgendjemand schlich hier auch herum und machte Jagd auf sie.