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Die Kriegerin der Himmelsscheibe

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe
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Oder auch scheintot.

Vielleicht, dachte sie, kann ich ja so tun, als wäre ich einem Spinnenbiss erlegen. Vielleicht komme ich hier auf diese Weise raus.

»Na, ich weiß nicht«, widersprach Isana.

»Aber ich.« Arri zögerte kurz, bevor sie weitersprach. Die Sache mit dem Spinnenbiss war eine Idee - aber vielleicht ging es auch anders. »Ich muss es irgendwie schaffen, dass mich der Ältestenrat in Kyrills Beisein anhört«, überlegte sie. »Und dann muss ich nur dafür sorgen, dass sie mir die Fesseln abnehmen. Aber da fällt mir schon etwas ein.«

»Und dann?«, fragte Isana verwirrt. »Was willst du dann tun? Abdurezak die Nase brechen und Kaarg ins Wasser stoßen?«

Arri nickte grimmig. »Oder mit Giftspinnen bewerfen!«

»Die du hier vorher fängst und unter deinem Gewand versteckst?« Isana sah Arri an, als zweifle sie an ihrem Verstand. »Ist das etwa dein Plan?«

Arri lauschte in sich hinein. Die Stelle am Fuß brannte so, wie eine offene Wunde brennen sollte, die seit Tagen unversorgt geblieben war. Aber war da nicht auch ein leichtes ... Kribbeln zu spüren, so ähnlich wie das, was entstand, wenn man mit dem nackten Fuß versehentlich in eine Ameisenstraße trat?

»Aber gleichgültig, ob du Abdurezak mit Spinnen bewirfst oder ihm die Nase blutig haust«, sagte Isana. »An den anderen kommst du niemals vorbei!«

»Das kommt darauf an«, widersprach Arri. »Es muss alles nur ganz schnell gehen.«

»Ja, aber dann auch so schnell, dass selbst Taru nicht mehr reagieren kann.« Isana schüttelte den Kopf. »Du vergisst, dass er Dragosz’ Sohn ist. Dragosz hat ihm alles beigebracht, was ein Krieger wissen muss, um im Kampf zu bestehen. Und Taru war ein gelehriger Schüler.«

»Allerdings mit zwei tauben Ohren«, murmelte Arri. »Denn von all dem anderen, was einen großen Krieger ausmacht - seiner Ehre und seinem Anstand - hat er nie etwas wissen wollen.«

»Umso schlimmer«, erklärte Isana. »Denn das macht ihn nur noch gefährlicher.« Entschieden schüttelte sie den Kopf. »Nein, Arri. Mach dir nichts vor. Taru wird dich nicht so einfach entkommen lassen.«

»Na und?« Arri schnaubte. »Du vergisst, dass ich ihm schon einmal entkommen bin.«

»Ja, mit mehr Glück als Verstand. Du solltest Taru wirklich nicht unterschätzen.«.

»Das werde ich nicht«, antwortete Arri. »Aber er wird mich unterschätzen. Und das ist mein Vorteil.« Sie zuckte mit den Schultern. »Dragosz hat mir den einen oder anderen Kniff beigebracht.«

»Den einen oder anderen Kniff?«, fragte Isana misstrauisch. »Was soll das heißen? Ein Krieger darf einer Frau doch gar nicht das Kämpfen beibringen!«

»Aber ein Mann seiner Frau ...«

»Immer der Nase nach«, hatte Partuk gesagt, und eigentlich war es genau das, was Zakaan auch getan hatte. Ragok mochte zwar viel schneller sein, aber darauf kam es nicht an. Wer im Kreis lief, konnte seine Schritte so sehr beschleunigen wie er wollte, und er würde doch nie zum Ziel kommen. Wer sich dagegen auf seinen Instinkt verließ und niemals wirklich vom Weg abwich, für den spielten Entfernungen letztlich nur eine zweitrangige Rolle.

Es wurde Zeit, dass sie ankamen. Zakaans Rücken brannte nicht nur, mittlerweile schien er geradezu in Flammen zu stehen. Das wäre fürchterlich gewesen, wenn die Schmerzen in seinen Beinen nicht noch viel schlimmer gewesen wären. Doch so glich sich das Ganze wieder aus - fand Zakaan.

Aber das musste er auch so finden, denn schließlich war er der Schamane. Ein Schamane, der sich nicht selbst helfen konnte, konnte von der Gemeinschaft schwerlich Respekt erwarten; im schlimmsten Fall wurde er mit Schimpf und Schande weggejagt.

Aber auch das wäre ihm jetzt herzlich gleichgültig gewesen. Abdurezak war ganz in der Nähe! Das wog alles auf.

»Haascht du noch ein Plätschen?«, fragte Granartara. Sie schwankte, als hätte sie in allerkürzster Zeit einen ganzen Sack vergorener Äpfel in sich hineingestopft, und jetzt reckte sie Zakaan den Zeigefinger entgegen. »Nur ein einziges Plätschen?«

»Nein«, antwortete Zakaan kurz angebunden. »Ich habe dir sogar mein letztes Kräuterblättchen gegeben. Jetzt ist keines mehr da.«

»Och«, machte Granartara. »Isch will doch nur einsch. Ein einziges Plätschen!«

»Oh, nein«, presste Byrta hervor. »Gleich such ich mir einen schönen Stein, und schlage diesem dummen Mammut den Schädel ein.«

»Na, hör mal.« Granartara wandte sich zu Byrta um, stolperte und fiel der Länge nach hin. Byrta blickte verächtlich auf sie herunter und stieg über sie hinweg, als wäre sie nicht eine Weggefährtin, sondern ein Unrathaufen.

Wobei, fand Zakaan, der Unterschied in diesem Fall gar nicht so groß war.

»Der Weg steigt an«, stellte Partuk fest. »Vor uns liegen die Berge. Ob das richtig ist?«

Der Schamane blieb stehen und sah erst nach vorn, dorthin, wo sich eine Hügelkette immer höher schwang, und dann wieder hinab, auf den matschigen Wildpfad, auf dem Granartara vor ihm im Dreck lag. Sie sah fürchterlich aus. Der Genuss der Kräuterplättchen hatte dazu geführt, dass sie sich überhaupt nicht mehr zurechtfinden konnte, und als sie jetzt zu ihm aufsah, hatte sie mit der Frau, die sie alle so sehr tyrannisiert hatte, nur noch wenig gemein. Eher sah sie wie ein kleines Kind aus, das noch nicht richtig laufen konnte. So hilflos wirkte sie, dass sie dem Schamanen fast leidtat, und das sollte schon etwas heißen.

»Steh auf«, sagte er sanft. »Wenn du hier liegen bleibst, wirst du dir den Tod holen.«

Granartara schüttelte jedoch störrisch den Kopf. »Wenn isch keine Plätschen mehr kriege, will isch lieber liegen bleiben.«

»Das ist keine gute Idee«, antwortete der Schamane. »Ein Unwetter zieht auf. Und nicht gerade eins von der harmlosen Sorte ...«

»Woher willscht du denn das wischen, hä?« Granartara stützte sich auf die Ellbogen auf und schielte zu ihm nach oben. »Ein bischen Regen ist doch erfrischend!«

»Ja, gute Idee«, meinte Byrta abfällig. »Ruh dich hier aus und lass dich vom Regen erfrischen, während wir Urubakatak suchen, Dragosz besiegen, uns die Himmelsscheibe holen und siegreich sind, und ...«

Sie hatte den Faden verloren. Das war auch ganz gut so, fand der Schamane. Er hätte gar nicht mehr sagen können, wer ihm mehr auf die Nerven ging: Byrta, die noch nicht mal Urutark aussprechen konnte, oder Granartara mit ihrem beständigen Kriege ich noch ein Plätschen.

»Ein Unwetter ist kein Regen«, Partuk trat an Granartara heran, beugte sich hinunter und versuchte die Widerstrebende hochzuziehen, soweit ihm das mit seinen morschen alten Kriegerknochen überhaupt möglich war. »Und jetzt komm!« Er zerrte an Granartaras Arm. »Wir bleiben zusammen. Nicht, dass du am Ende noch von einem wilden Tier gefressen wirst.«

Zakaan nickte Partuk dankbar zu - und Partuk bedankte sich seinerseits bei ihm, indem er ihn mit einem heftig flackernden Blick bedachte. Was für eine Truppe!

Der Schamane wandte sich ab und marschierte los, um sich um die anderen zu kümmern. Abdurezak, flüsterte er dabei in Gedanken, wo bist du nur?

Ein scharfer Windzug antwortete ihm, und als der Schamane nach oben blickte, sah er genau das, was er die ganze Zeit über schon befürchtet hatte: eine Ansammlung dicker, dräuender Wolken, die nicht nur in eine Richtung zogen, sondern vom zunehmenden Wind in verschiedene Himmelsgegenden abgedrängt wurden.

Das sah gar nicht gut aus.

Wenn er Abdurezak noch treffen wollte, bevor das Unwetter ihn und die anderen von diesem Pfad blies, dann musste er sich beeilen.

Lexz starrte ungläubig auf die stinkende, blubbernde Grube, die sich vor ihnen auftat. Er hätte gar nicht mehr sagen können, wie sie hier hingekommen waren. In letzter Zeit waren sie einem Pfad gefolgt, der von größeren Tieren in den Boden getrampelt worden war, aber zum Teil recht frischen Spuren zufolge auch von Menschen benutzt wurde. Und nun standen sie hier vollkommen erschöpft, hungrig und durstig - und starrten durch hohes Gras und Zweige auf eine stinkende Modergrube.

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