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Die Kriegerin der Himmelsscheibe

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe
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Er holte aus - soweit er konnte - und blieb dann in verrenkter Haltung stehen, bis er Granartara um die Ecke biegen und auf ihn zuschnaufen sah. Dicht hinter ihr war Byrta, und ihre Augen blitzen genauso unverschämt und gierig wie die der zwanzig Jahre älteren Frau. Nur Partuk tauchte nicht auf. Warum sollte er auch? Er war viel zu erfahren, um sich auf irgendwelche dummen Spielchen einzulassen.

»Für euch!« Zakaan visierte sein Ziel an, holte tief Luft - und ließ den Beutel dann fliegen.

Er hatte gut gezielt. Der Beutel flog weit über den Pfad hinweg, sauste durch die Zweige einer Tanne und über eine Buschgruppe hinweg - und platschte irgendwo weit dahinter ins Gestrüpp. Ob er da hängen blieb oder auf die Erde fiel, konnte der Schamane nicht erkennen. Aber darauf kam es auch nicht an.

»Danke, Vater«, sagte er.

Granartara und Byrta stürmten gleichzeitig los und liefen ineinander, verkeilten sich, keiften sich an. Zakaan jedoch hatte keine Augen dafür. Er griff in den Gürtel, dorthin, wo das letzte ganz besondere Plätschen in einer eigens dafür ins Leder geritzten Kerbe eingelassen war. Seine Finger waren fast zu steif, um es schnell hervorzuziehen, aber sein Wille ließ keine weitere Verzögerung zu.

Er riss es hervor, bohrte mit dem Finger ein Loch in das bereits muffige, dünn geschabte Eichhörnchenleder und legte den Kopf in den Nacken. Mit ungestümen Bewegungen schüttete er sich das Pulver in den Rachen, das er während der ganzen langen Wanderung genau für diesen einen Augenblick in dem Leder verborgen gehalten hatte.

Die Mischung war staubtrocken und schmeckte etwas ranzig, und er hatte alle Mühe, sie schnell herunterzuwürgen. Aber kaum spürte er, wie das Pulver in seinen Hals eher herunterrieselte als -glitt, da meinte er auch schon seine Wirkung zu spüren ...

Das Gewitter, das bislang nicht mehr als ein fernes Grummeln gewesen war, kam allmählich näher. Und ehe es sich Arri versah, riss ihr ein wirklich harter Donnerschlag die Worte aus dem Mund. Was auch immer an Gefühlen und Gedanken in ihr gewesen sein mochte, verdampfte nun mit der Energie, die der Blitz irgendwo in der Nähe an einem Baum ausließ. Isana zuckte bei dem Einschlag so heftig, als wäre sie geschlagen worden, aber Arri sackte nur noch ein Stück weiter in sich zusammen.

Das Erschrecken war nur in ihr. Und es fand auf eine merkwürdige Art statt: Es kehrte ihre Gefühle scheinbar um und ließ, was sie eben noch gefangen gehalten hatte, fast lächerlich erscheinen.

Dragosz war tot, und er würde wieder mit Surkija zusammenkommen, irgendwo, aber das war so weit von ihr entfernt, dass es nichts mehr mit dem zu tun hatte, was sie jetzt tun musste. Ihre Bestimmung war eine ganze andere. Sie war Mutter - und musste ihr Kind beschützen. Kyrill würde heranwachsen, er würde ein Krieger werden, vielleicht sogar ein Herrscher. Was dann mit ihr geschah, war unwichtig. Der immerwährende Kreislauf des Lebens.

»Wenn ich hier rauskomme«, sagte Arri düster, »dann habe ich nur noch eine Aufgabe: Kyrill zu beschützen. Und gleichgültig, welcher Mann sich zwischen mich und meinen Sohn stellen wilclass="underline" Er wird sterben. Auf die eine oder andere Art!«

So war das also, wenn man jung war. Zakaans Füße flogen geradezu über den Waldboden, und jede Unebenheit, jede Wurzel war nur noch ein lästiges Hindernis, das er mühelos überspringen konnte. Auch sahen seine Augen besser, genauso wie seine Ohren besser hörten und sein Geruchssinn gesteigert schien.

Der Wind trug Brandgeruch an ihn heran. Das Gewitter war heftig, und bevor es weiterzog, hatte es sich über einem Teil des Waldes, der zuvor vom Regen satt getränkt worden war, schon kräftig ausgetobt. Trotzdem waren einige Bäume in Flammen aufgegangen, und wenn noch der richtige Wind dazukam, konnte es durchaus zu einer Feuersbrunst kommen, die auf den ganzen Wald übergriff.

Sämtliche Sinne Zakaans waren erweitert, auch diejenigen, über die gewöhnliche Menschen gar nicht oder nur sehr eingeschränkt verfügten. Früher mochten diese Sinne bei ihm besser entwickelt gewesen sein, aber damals hatte er kaum etwas mit dem anfangen können, was er über sie erfahren hatte.

Das war jetzt anders. Seine Schritte waren zwar nicht mehr ganz mit der Leichtigkeit gesegnet wie in seiner Jugend, aber seine Empfindungen waren viel schärfer.

Abdurezak. Er war hier. Ganz in der Nähe.

Lexz. Auch er war nicht weit von ihm entfernt.

Selbst Arianrhod vermeinte er zu erahnen, wenn auch nur ganz schwach. Richtig einordnen konnte er das nicht. Zweige brachen unter seinen Füßen, Blätter wirbelten auf, und er lief in die Richtung, in die es ihn zog.

Er kannte Arianrhod allein aus Dragosz’ Erzählungen, und das beunruhigte ihn. Irgendetwas stimmte da nicht. Wenn Dragosz in der Nähe war, dann sollte er ihn doch spüren. Wenn er stattdessen die Frau wahrnahm, die Dragosz nach Surkijas Tod zu seiner Gefährtin erwählt hatte - dann war da etwas ganz und gar nicht richtig.

Zurück zu Ragoks Lager. Etwas anderes konnte es jetzt nicht geben, das war ihnen allen klar.

Ekarna hatte recht gehabt. Sie mussten Ragok und all die anderen warnen - in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät war. Es war gar nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ein paar Frauen auf der Suche nach Beeren und Waldfrüchten plötzlich einer Horde keulenschwingender Barbaren gegenüberstand.

Daran dachte Lexz, während er weiterstolperte. Aber sein Gefühl sprach eine andere Sprache. Er dachte an Isana, daran, wie er sie geküsst, wie sie sich an ihn geschmiegt hatte, und wie sie sich auf eine Art und Weise ineinander verloren hatten, die er so noch nicht kennengelernt hatte. Er vermisste sie unendlich und hatte große Angst um sie. Er wagte sich gar nicht vorzustellen, was die Barbaren mit ihr vorhaben mochten.

Wenn er doch bloß seinem Herzen hätte folgen können, um weiter nach Isana zu suchen! Aber nach einem kurzen, heftigen Streit hatten ihm die beiden anderen klargemacht, dass sie ihm nicht noch einmal einen Alleingang verzeihen würden.

»Ich hoffe nur, dass wir uns nicht wieder verlaufen«, hatte Ekarna gesagt, bevor sie losgelaufen waren.

Ihre Sorge war berechtigt. Der Himmel über ihnen verdüsterte sich zusehends, und wenn sich Lexz nicht vollkommen täuschte, dann erwartete sie ein weiteres fürchterliches Unwetter. Vielleicht war das auch ganz gut, um die kleineren und größeren Brandherde endgültig zu ersticken, von denen jederzeit ein Flächenbrand auf den Wald übergreifen konnte.

Es nieselte, und gleichzeitig stieg ihm Brandgeruch in die Nase. Sie liefen in das Gebiet hinein, in dem das erste Unwetter gewütet hatte. Etwas von seiner alten Wut stieg wieder in Lexz hoch, aber diesmal war es anders. Dragosz spielte kaum noch eine Rolle für ihn. Er wollte einfach raus aus dem Wald und zurück zu seinem Vater, und er war sogar bereit, freiwillig alles über sich ergehen zu lassen, was der alten Geierkralle an Beschimpfungen einfallen mochte ...

Hauptsache, er gestattete ihm anschließend, die Suche nach Isana wieder aufzunehmen ...

Isana machte den Mund ein paarmal auf und zu. Es sah aus, als schnappe sie nach Luft. Erst als ihr Blick nach unten fiel, auf die Rinnsale, die beharrlich auf sie zugekrochen kamen und nun ihre Füße benetzten, presste sie die Lippen wieder aufeinander. Missmutig starrte sie auf den Erdboden und zog die Knie an den Körper. Das Prasseln des Regens hatte noch einmal zugenommen, der Boden der Hütte verwandelte sich langsam in etwas, das unangenehme Ähnlichkeit mit einem Schlammbad hatte. Unten an den Wänden begannen sich matschige Pfützen zu bilden, aus denen wie aus kleinen Bächen Wasser ins Innere nachströmte - als wäre das noch nötig gewesen, um die Hütte endgültig unbewohnbar zu machen.

Mit einem Ruck sah Isana wieder auf. »Ich ... ich habe dich noch nie so reden hören. Woher hast du das bloß alles?«

»Von Dragosz.« Arri schüttelte den Kopf, wie um ihre eigenen Worte Lügen zu strafen. »Nein, nicht nur von Dragosz. Auch Lea hat mir schon einiges beigebracht. Vor allem aber, dass es für eine Frau klug ist zu verbergen, wenn man etwas vom Kämpfen versteht. Das könnte jetzt mein Vorteil sein.«

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