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Die Kriegerin der Himmelsscheibe

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe
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In diesem Augenblick spürte er eine Bewegung am Arm. Er machte einen regelrechten Hüpfer, strauchelte, kam wieder hoch und tastete nach dem Feuersteinkeil, der in seinem Gürtel stak. Alles ging so schnell, wie es in seinem Alter nur gehen konnte, und noch bevor er das Messer gezogen hatte, das ihm Ragok mit auf den Weg gegeben hatte, hätte man ihn schon dreimal erschlagen können.

Aber er hatte Glück. Es war kein Angreifer, jedenfalls nicht einer von einer feindlichen Sippe, sondern eine Verbündete.

Granartara.

»Wir brauchen einen Unterschlupfsch«, nuschelte sie.

Der Schamane starrte sie nur an. So viel von seiner Verwirrung und Abneigung musste in seinem Blick erkennbar gewesen sein, dass Granartara zurücktaumelte und wild mit den Armen um sich schlug. »Was ist denn mit dir losch? Bischt du irre geworden?«

Ja, in gewisser Weise traf das zu. Zakaan bekam endlich das Messer aus seinem Gürtel frei, starrte die kostbare Waffe an, als wäre sie etwas Widerliches, und steckte sie dann wieder weg. Mit derselben Bewegung wandte er sich von Granartara ab und blickte in die Richtung, aus der er die Gefahr kommen spürte.

Es hatte aber nichts mit ihm zu tun, sondern mit jemandem, der ihm nahestand. Abdurezak? War er etwa in Gefahr? Tobte vielleicht das Unwetter unmittelbar über seinem Kopf?

Möglich. Aber das war es nicht, was ihn so aufschreckte. Die Angst bezog sich auf jemand anderen. Und dann wusste er auch, um wen es ging: es war Lexz.

Der Junge war in Gefahr. Er und seine Gefährten mussten irgendetwas getan haben, was sie nicht hätten tun dürfen. Und ...

Kapitel 18

Am Ende war es nicht Lexz allein, der mit gezogener Waffe an der Grube stand. Seine Gefährten waren ihm wie selbstverständlich gefolgt. Ekarna hielt ihre Steinaxt zwar in der Hand, aber nicht schlagbereit. Vielmehr deutete sie damit in das Blubbern, das stärker geworden war. Es schien, als spüre dort unten irgendetwas die Unruhe.

Der Anblick der Grube verschlug Lexz den Atem, und der bestialische Gestank trug das Seinige dazu bei, um seine Sinne zu verwirren. Da musste sich irgendetwas befinden, das sich nicht in Worte fassen ließ. Es war abstoßend, ja sogar ekelhaft, ganz gewiss, eine nach Fäulnis und Verwesung stinkende Ausdünstung, die kaum erträglich war und für sich genommen schon ausgereicht hätte, um ihn auf der Stelle herumfahren und weglaufen zu lassen. Aber da war auch noch etwas anderes, etwas, das seine Seele berührte, so als strichen gierige Finger über sein Innerstes und suchten eine Schwachstelle, um in ihn einzudringen und ihn wie ein gieriger Blutegel auszusaugen.

Eine ganze Weile standen er und seine Gefährten einfach nur da, jeder in sich versunken und unfähig, ein vernünftiges Wort hervorzubringen. Wie zu erwarten, war es dann Torgon, der das Schweigen brach.

»Das, was wir hier vor uns sehen, ist nicht das, wonach es aussieht«, begann er. »Es muss noch irgendetwas ganz anderes sein. Etwas, das vielleicht schon seit einer Ewigkeit existiert, vielleicht aber auch nicht. Und die Männer, die uns überfallen haben - diese entstellten Kerle in den Umhängen, und später die Barbaren mit ihren Keulen - nun, die müssten eigentlich wissen, was das hier sein könnte. Vielleicht sollen sie auf diese Grube aufpassen. Oder sie mit Toten füttern. Mit denjenigen, die so leichtsinnig sind, in die Nähe zu kommen, und die sie zuvor überfallen haben. Vielleicht ...«

Ekarna hob die Hand, bevor er weitersprechen konnte. »Hör auf mit dem Geschwafel«, flüsterte das schlanke, großgewachsene Mädchen. »Seht ihr es denn nicht?«

»Doch«, antwortete Torgon angewidert. »Ich sehe es. Ich rieche es auch ...« Er legte die Hand auf den Mund und ließ sie dann wieder sinken. »Eine Leichengrube. Aber was für eine. So etwas dürfte es eigentlich gar nicht geben. Es ist fürchterlich. Und nicht nur das. Es ist ... einfach nur widerlich und abstoßend.«

Das war eine durchaus ungewöhnliche Bemerkung für Torgon, und noch ungewöhnlicher wirkte der Tonfall, in dem er sie machte. Er klang düster, fast unheilvoll, so wie Zakaan vielleicht sprechen würde, wenn er die Toten angerufen hatte, um ihren Beistand zu erflehen ... und von ihnen abgewiesen worden war.

»Widerlich.« Ekarna nickte. »Abstoßend. Ja. Stimmt. Aber was ist das alles ... wozu ... Wer tut so etwas?«

»Dämonen«, sagte Torgon, während sein Gesicht dabei so schnell die restliche Farbe verlor, dass es schon fast komisch aussah. »Das ist doch nicht von Menschenhand geschaffen. Das müssen Dämonen gewesen sein!«

»Dämonen?« Ekarna klang zweifelnd. »Hier, in der Nähe von Urutark? Wie passt das zusammen? Das Land unserer Ahnen und diese ... diese Kreaturen?«

»Vielleicht passt das alles viel besser zusammen, als wir glauben«, stieß Lexz hervor.

Ekarna warf ihm einen schrägen Blick zu, machte aber nicht einmal den Ansatz, darauf zu antworten. Sie standen nur wieder eine ganze Weile stumm nebeneinander da und starrten in die Leichengrube. Der Anblick war unbeschreiblich, und je mehr Lexz sich zusammenzureißen und sich auf den Anblick vor sich zu konzentrieren versuchte, umso weniger wollte ihm das gelingen. Es war so ... so, als entzöge sich das, was dort in der Grube vor sich ging, seinem Blick, obwohl er es doch unmittelbar vor Augen hatte.

»Dieses ... grünlich-gelbliche-graue Zeug ...«, Torgon musste schlucken, bevor er fortfahren konnte. »Bist du sicher, dass hier alles tot ist? Es bewegt sich doch ...«, er deutete mit dem Zeigefinger auf eine Blase, die sich erst bildete, dann überdehnte und schließlich mit einem hässlichen Geräusch platzte. Lexz war sich nicht sicher: Aber er glaubte es wimmeln und wuseln zu sehen, glaubte, etwas Schwarzes über den blubbernden See huschen zu sehen, winzig klein und doch von einer Boshaftigkeit getrieben, die er fast körperlich zu spüren glaubte.

»Da ... da ...« Torgons Zeigefinger fuhr von links nach rechts, »überall Bewegung. Nichts ist hier in Ruhe!«

Das letzte Wort hatte er so leise hervorgestoßen, dass es kaum verständlich war. Und trotzdem kam es Lexz wie ein Schrei vor.

Vielleicht, weil etwas in ihm darauf antwortete. Er hatte Ähnliches schon einmal gesehen, da war er sich ganz sicher. Aber er wusste nicht mehr, wann und wo.

»Ich glaube, das reicht mir«, bekannte Ekarna. »Lasst uns lieber gehen.«

Lexz hätte nichts lieber getan, als ihrem Vorschlag zu folgen. Doch stattdessen ergriff er den Arm des Mädchens. »Wir werden nirgendwo hingehen«, sagte er so düster, dass er über den Klang seiner eigenen Stimme erschrak, »solange wir nicht wissen, um was es sich hier handelt.« Als sie nicht gleich antwortete, fuhr er fort: »Es kann doch kein Zufall sein, dass wir im Kreis gegangen sind, durch diesen Schlingpflanzenwald und über den Sumpf mit den Toten, die wie lebend aussahen. Irgendetwas hat uns wieder hierher zurückgeführt!«

Bei jeder anderen Gelegenheit hätte Ekarna seine Hand abgeschüttelt oder ihn mit einer ärgerlichen Bemerkung bedacht. Aber nicht jetzt.

Langsam nickte sie. »Leider klingt das wirklich nicht nach einem Zufall«, gestand sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Aber wir dürfen uns jetzt nicht verrückt machen. Zakaan sagt, dass die wahre Kraft aus der Mitte kommt. Dort, wo der Atem einfließt, den uns die Götter schicken.«

Torgon wollte eine ungeduldige Bemerkung machen, aber Lexz bedachte ihn mit einem so finsteren Blick, dass der Dicke die fleischigen Lippen so fest aufeinanderpresste, bis sie blutleer und bleich waren.

»Ich weiß, was Zakaan sagt«, antwortete Lexz, und fast hätte er noch hinzugefügt: »Ich weiß es deshalb, weil Zakaan in meinem Kopf ist - und mich andauernd maßregelt.«

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