Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
»Augenblick, da war doch was!«, stieß Torgon hervor.
Lexz ließ Ekarna los und wandte sich in die Richtung, in die der Dicke blickte. Er rechnete mit allem: das Mädchen wiederzusehen, das ihm schon zweimal wie eine Traumerscheinung erschienen war, oder von Männern mit Dämonenfratzen oder wild wuchernden Bärten angegriffen zu werden, oder auch sehen zu müssen, wie sich die Erde vor ihnen auftat, um sie alle miteinander zu verschlingen.
»Ja, ich seh es auch!« Ekarna hangelte nach Lexz’ Hand und zog ihn ein Stück mit sich nach vorn. »Was passiert denn da bloß?«
Diese Frage hätte Lexz nicht beantworten können. Aber er zwang sich dazu, genauer hinzusehen.
Vor seinen Füßen entstand eine durchgehend matschige Suppe, und darin ein Durcheinander und Wuseln, anders als vorhin und doch nicht weniger eklig, ein ständiges An- und Abschwellen von irgendetwas unter der Oberfläche, das nach oben drängte. Lexz hielt die Luft an. Aber er hatte jetzt nicht mehr das Bedürfnis zurückzuweichen. Im gleichen Maße, wie die trübe Brühe aufkochte, und in eben dem Maße, wie er festere Stücke inmitten des Brodelns entdeckte, wuchs auch seine Entschlossenheit herauszubekommen, was bei allen bösen Geistern dies hier sein mochte.
Ekarna wandte sich zu ihm, machte eine ungeduldige Handbewegung, die ihre Axt unangenehm nah an seinem Gesicht vorbeipfeifen ließ, und deutete dann wieder nach vorn. »Ich habe es doch gewusst«, flüsterte sie tonlos.
»Was ...«, Lexz machte leichtsinnigerweise noch einen Schritt nach vorn und spürte, wie die Rindsledersohle seines Schuhs im Matsch versank, und wie er dann weiter einzusinken drohte, falls er hier einfach stehen blieb, »was hast du gewusst ...?«
Er brach ab, als er es sah.
Es war die Spitze eines Speers. Nicht irgendeines Speers, wie ihm bewusst wurde, während gleichzeitig das Grauen seinen Rücken hinaufkroch. Es war ein Speer, an dessen Herstellung er selbst mitgeholfen hatte. Er trug keine Spitze aus Bronze und Kupfer, sondern war traditionell gefertigt, mit einer sorgfältig behauenen Feuersteinspitze, schärfer als manches Schwert und durchaus dazu geeignet, nicht nur einen Menschen aufzuhalten, sondern auch einen Bären zu durchbohren, wenn er geschickt eingesetzt wurde.
»Das ist Larkars Speer«, flüsterte Ekarna so leise, dass Lexz ihre Worte nicht verstanden hätte, hätte er ohnehin nicht gewusst, was sie hatte sagen wollen.
»Ja«, bestätigte Lexz. »Das könnte sein.«
»Aber das ist noch nicht alles.« Ekarnas Stimme klang plötzlich schrill. »Es ist nicht nur sein Speer.«
Lexz verstand zunächst nicht, was sie meinte. Die längst vergessen geglaubten Pusteln in seinem Gesicht juckten plötzlich so stark, dass er dem Impuls nicht wiederstehen konnte und sich mit der freien linken Hand ins Gesicht fuhr.
Er führte die Bewegung nicht zu Ende. Alles geschah so schnell, dass er zunächst gar nicht begriff, was eigentlich los war.
Larkar war seit Kindertagen ein vertrauter Gefährte gewesen und inzwischen zu einem ruhigen, verlässlichen Krieger gereift, dem Lexz mindestens einmal das Leben verdankte. Seinen Kampfnamen Speerträger verdankte er vor allem der Tatsache, dass er seinen Speer nur dann losließ, wenn es unbedingt sein musste.
Und Lexz hatte panische Angst davor, dass er das auch jetzt nicht getan hatte.
Gleich neben Larkars Speer erkannte Lexz sein Gesicht, das ein winziges Stück weit hochgedrückt wurde, gerade weit genug, um es von der grauenvollen Umgebung abzuheben. Ein schrecklich entstelltes Gesicht mit leeren Augenhöhlen.
Ekarna stöhnte auf und Torgon taumelte einen Schritt zurück. Nur Lexz blieb wie erstarrt stehen.
Es war Larkars Speer. Aber es war doch nicht sein Gesicht, wie er im ersten Schrecken geglaubt hatte. Dieser Mann hier hatte einen Bart getragen, und das letzte Mal, als Lexz ihn gesehen hatte, hatte er eine Keule geschwungen, die er auf Lexz’ Schädel hatte niedersausen lassen wollen.
Es war der Kerl, den Lexz auf bestialische Art abgeschlachtet hatte, um sich und Isana zu retten.
»Alles kommt nur auf den richtigen Zeitpunkt an, Isana«, sagte Arri eindringlich. »Das ist das, was mir Dragosz als erste Regel für jede Art von Auseinandersetzung eingebläut hat. Wenn du es schaffst, andere zu überrumpeln, wenn du deine Kraft zur Explosion bringen kannst, bevor der Gegner damit rechnet - dann ist Wurgar, der Kriegsgott, mit dir!«
»Das mag ja sein«, sagte Isana. »Aber dazu musst du hier erst mal rauskommen!«
»Das ist wahr. Allerdings ...« Arri richtete sich mit einem Ruck so weit auf, wie ihr das in ihren Fesseln möglich war. »Was war das?«
Verwirrt schüttelte Isana den Kopf. »Was meinst du?«
»Da war doch etwas«, beharrte Arri. »Der Donnerschlag von dem Gewitter, das gerade über uns aufzieht. Und danach hat jemand meinen Namen gerufen!«
Isana schüttelte noch einmal, jetzt aber viel entschiedener, den Kopf. »Nein. Ganz sicher nicht. Den fernen Donnerschlag habe ich auch gehört. Aber danach kam nichts mehr.«
Arri blinzelte verständnislos. Isana mochte recht haben, aber trotzdem ...
Lexz war in Gefahr. Und er war ganz in der Nähe. Der Schamane schien sich da ganz sicher zu sein.
Zakaan stolperte los. Seine Bewegungen waren nach wie vor viel zu schwerfällig, seine Knochen begehrten gegen die zusätzliche Belastung auf. Seine Füße traten viel zu ungeschickt, um den schnelleren Trab mitzumachen, in den er sich fallen lassen wollte. Er machte einen großen Schritt über eine ausladende Wurzel hinweg, duckte sich unter einem Ast hinweg und wackelte so unsicher in einen Strauch, dass er hängenblieb. Mit dem nächsten, zwar unsicheren, aber viel zu heftigen Schritt walzte er eine Farngruppe platt.
Verdammt! Er bewegte sich ja wie ein alter Greis, der versuchte, mit einem jungen Krieger mitzuhalten.
Aber was hatte er auch erwartet? Schließlich war er ja nichts anderes als ein klappriger Greis, der sich einfach nicht eingestehen wollte, dass seine Zeit längst abgelaufen war.
Keuchend blieb er stehen, seine Hand fuhr wie von selbst zu seinem Lederbeutel. Eine Zornesfalte trat auf seiner Stirn hervor, als er begriff, dass das doch umsonst war. Der Beutel war längst leer, weil diese stinkende Ausgeburt von einer Frau nach immer mehr Kräuterplätschen verlangt hatte. Es war nicht zum Aushalten!
»Zakaan!«, hörte er einen Ruf hinter sich - und er war viel zu nah. Was hatte er erwartet? Mit seinem Herumgestolpere Granartara und die anderen abhängen zu können?
»Zakaan!«, kreischte Granartara. »Wo willscht du hin! Lass misch nischt alleine!«
Zakaans Brust entrang sich ein tiefes Grollen. Es klang vielleicht nicht gerade nach einem Berglöwen, allerdings auch nicht nach einem Miezekätzchen.
»Also gut«, murmelte er. »Ihr habt es nicht anders gewollt.«
Er betrachtete den Lederbeutel. Wann hatte er ihn bekommen? Als ihm sein Vater die Hand auf die Schulter gelegt und stolz gesagt hatte: »Jetzt bist du ein Mann, mein Sohn. Nimm dein Schicksal von nun an selbst in die Hand. Zum Nutzen der Gemeinschaft.«
»Zum Nutzen der Gemeinschaft«, hatte er stolz wiederholt, und so dumm und naiv, wie er damals gewesen war, hatte er geglaubt, alles andere würde sich schon von selbst weisen.
»Nichts«, murmelte er. »Nichts passiert von selbst. Bis auf den Untergang. Aber den werde ich aufhalten - solange ich lebe!«
Nun ja - es mochte sein, dass sein Leben nur Tage oder vielleicht auch nur noch Stunden währte. Aber darauf kam es jetzt nicht an. Sondern allein darauf, dass er in der ihm noch verbleibenden Zeit das Richtige tat.
Schwerfällig drehte er sich um. »Ich habe hier einen Lederbeutel für dich, Granartara!«, rief er. »Ich werfe ihn in deine Richtung! Nimm ihn dir und werde mit ihm glücklich! Ich habe anderes zu tun.«