Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Dem König selber war die Ankunft der Gesandten keineswegs willkommen. Er war ungeduldig und gereizt. Er wollte Toledo, wollte den Frieden hinter sich haben. Wollte auch die Galiana hinter sich haben. Wollte endlich, endlich! seinen Krieg beginnen. Und da kamen nun diese Beschnittenen, um von neuem zu schwatzen und zu verhandeln. Aber er hatte in Burgos Konzessionen genug gemacht, er war nicht gewillt, nun auch noch diesem Jakúb Almansúr demütigende Versicherungen abzugeben. Er dachte daran, die Gesandten grob abzufertigen oder sie gar nicht erst zu empfangen.
Der Erzbischof und Bertran bestärkten ihn in seinem Trotz. Don Manrique indes hatte mit dem Domherrn alle die hellen Aussichten erwogen, welche das Eintreffen der Gesandtschaft öffnete, und er stellte dem König in dringlichen Worten vor, das Wohl des Reiches und der ganzen Christenheit verlange, daß er auf das Spiel des Kalifen eingehe und dessen Warnung mit ernsten Beteuerungen erwidere. Wenn er sich weigere, wenn er Jakúb Almansúr herausfordere und kränke, statt ihn zu sänftigen, dann ziehe er die Heere des ganzen westlichen Islams ins Andalús, dann werfe er den Kriegsplan von vornherein über den Haufen und breche den Vertrag, den er in Burgos feierlich beschworen habe. Alfonso erwiderte störrisch, er widerstrebte lange und setzte erst auf unablässiges Zureden Don Manriques mürrisch eine Stunde fest, die Gesandtschaft zu empfangen.
Die moslemischen Herren wurden geführt von dem Prinzen Abul-Asbag, einem Verwandten des Kalifen, sie traten glänzend auf. Alfonso empfing sie, umgeben von seinen Räten und Granden, in dem mit Wandteppichen und Standarten geschmückten Großen Audienzsaal.
Es wurden unter mancherlei Zeremoniell die üblichen, umständlichen Einführungsreden ausgetauscht. Alfonso, fürstlich lässig auf seinem erhöhten Sitz, hörte das feierlich förmliche Geschwatze. Er sah das finstere Gesicht des Erzbischofs, das spöttische Bertrans, das sorgenvolle Don Rodrigues. Und immer wieder suchte sein Aug den Juden, der sich bescheiden in einer hinteren Reihe hielt. Dieser Jehuda war schuld daran, wenn er, Alfonso, früher der Erste Ritter der Christenheit, heute kläglich zurückstand hinter Richard von Engelland. Mit diesem, dem Melek Rik, drohten die moslemischen Weiber ihren Kindern; ihm, Alfonso, vermutlich infolge gewisser Ränke des Jehuda, schickten die Moslems einen Gesandten, um ihn zu verwarnen. Seine Räte, mit ihrer kläglichen Vernünftelei, hatten ihn beschwatzt, daß er das Gerede dieses Beschnittenen über sich ergehen ließ. Aber sie sollten seiner nicht zu sicher sein, der Jude nicht, und seine alten vorsichtigen Herren nicht. Sie werden seine innere Stimme nicht zum Schweigen bringen. Nur ihr wird er folgen.
Prinz Abul-Asbag, der Führer der Gesandtschaft, trat vor, verneigte sich tief, begann seine Botschaft. Der Prinz war ein gepflegter älterer Herr, der blaue Mantel des Gesandten stand ihm gut, die arabischen Worte kamen ruhig und tönend aus seinem Munde.
Der Beherrscher der westlichen Gläubigen, führte er aus, habe mit Besorgnis gehört von umfänglichen Rüstungen des Herrn Königs von Kastilien. Der Kalif nehme an, diese Rüstungen richteten sich nicht gegen den Emir von Sevilla, seinen Vasallen, der ja durch den Waffenstillstand geschützt sei. Leider aber habe sich in letzter Zeit in den Ländern der Christen die verbrecherische, aberwitzige Lehre verbreitet, es sei ein Vertrag, wenn er gegen die Interessen der christlichen Priester verstoße, für Christen nicht bindend. Christliche Fürsten des Morgenlandes hätten frech nach diesen Lehren gehandelt, Sultan Saladin sei dadurch genötigt gewesen, den Heiligen Krieg auszurufen, Allah habe den Herrscher der östlichen Gläubigen glorreich bestätigt und ihm die Stadt Jerusalem wieder in die Hand gegeben, die christlichen Fürsten aber hätten den Eidbruch mit Verlust ihrer Länder und ihres Lebens büßen müssen.
Don Alfonso, in lockerer Haltung und doch sehr königlich, hörte der ernsten, strengen Rede zu. Sein mageres, wie aus Holz geschnittenes Gesicht blieb so ruhig, daß man zweifeln mochte, ob er die arabischen Worte verstehe. Ein wenig vielleicht, inmitten des rotblonden, kurzen Vollbarts, zuckte der ausrasierte, lange, schmale Mund, und die tiefen Furchen der Stirn furchten sich tiefer. Die hellen Augen aber schauten von dem sprechenden Gesandten auf die Versammlung, und immer wieder suchten sie Don Rodrigue, und immer wieder Don Jehuda.
Rede du nur zu, Beschnittener, dachte er, und schwatze dich aus. Belle, Hund, belle zu, ich weiß, ihr beißt nicht, du und dein Herr, ihr bleibt in euerm sichern Afrika, jenseits des Meeres. Ich habe Geduld, ich hab mir’s versprochen, ich laß mich nicht reizen, ich setze nicht auf dein Geprotze die Ohrfeige, die es verdient. Aber dann, wenn du erst zurück bist, dann fall ich her über Córdova und Sevilla, und dann werdet ihr gebellt haben, und ich habe den Knochen.
Der Gesandte sprach weiter. Der Beherrscher der westlichen Gläubigen, erklärte er, brauche den Herrn König von Kastilien, der ja als besonnener Mann bekannt sei, wohl nur darauf hinzuweisen, daß er, der Kalif, vieles vergeben könne, aber unter keinen Umständen einen Vertragsbruch. Der Herr König von Kastilien habe keine guten Erfahrungen gemacht, als er’s nur mit dem Heere von Sevilla zu tun hatte; es werde ihm, falls er ein zweites Mal über Sevilla herfalle, die gesamte Macht des Kalifen gegenüberstehen. Kastilien werde, wenn es das Feuer anfache, viele Tränen weinen müssen, die Flammen zu löschen.
Don Alfonso, während er nach wie vor sehr genau zuhörte, nahm deutlich alles wahr, was im Saale vorging, er sah sehr gut, wie jene beiden, Rodrigue sowohl wie Jehuda, mit immer größerer Sorge auf ihn schauten, fast beschwörend. Ja, sogar das Amtszeichen des Jehuda nahm er wahr, die Brustplatte mit den drei Türmen, und während er sich wunderte, daß er jedes einzelne Wort des gewählten Arabisch dieses Beschnittenen verstand, dachte er an die Goldmünzen, die der Jude hatte schlagen lassen, ihm, Alfonso, zur Freude, und die sein Antlitz tief hinein in das Reich des Kalifen getragen hatten. Von ihrer ersten Begegnung an war er mit dem Juden verknüpft gewesen, manchmal zur Freude, manchmal zum Schmerz. Aber jetzt hatte er die Bindung satt, sie scheuerte ihn, sie sollte ein Ende haben. Er sah Jehudas Augen, diese dringlichen, mahnenden Augen, sie erinnerten an Raquels Augen. Aber: Das hilft dir nichts, dachte er, du sollst mich nicht länger an der Leine halten. Ich lasse mich nicht von deinem Prinzen Abul-Asbag am Barte zupfen. Ich zerreiße die Leine.
Tiefes Schweigen war, als der Prinz geendet hatte. In das Schweigen hinein klang die helle Stimme Bertran de Borns. »Hat er frech dahergeredet, dieser da?« fragte er lateinisch.
Der kastilische Sekretär näherte sich ehrerbietig dem Throne, um mit dem Vortrag der Übersetzung zu beginnen. Alfonso aber winkte ihm ab, und: »Es ist nicht nötig, daß du übersetzest«, sagte er. »Ich habe jedes Wort verstanden, und ich werde dem Herrn so antworten, daß auch er jedes Wort versteht.« Und in langsamem Arabisch – grimmig fröhlich dachte er, Don Rodrigue werde sich wundern, wie gut sein Arabisch in der Galiana geworden sei – erwiderte er: »Sage deinem Herrn, dem Kalifen, folgendes: Nach dem Gutachten meiner Gelehrten ist mein Vertrag mit Sevilla nicht mehr gültig, schon seitdem der Sultan das Grab unseres Erlösers geschändet und den Heiligen Vater gezwungen hat, den Heiligen Krieg auszurufen. Trotzdem habe ich den Waffenstillstand gehalten. Jetzt aber haben die frechen Worte deines Herrn das Siegel des Vertrags weggeschmolzen.«
Er stand auf. Jung, kühn, sehr fürstlich stand er da, und: »Bestelle dem Kalifen«, sagte er mit seiner hellen, unbekümmerten Stimme, »er soll herüberkommen ins Andalús auf seinen Schiffen und mit seinen Soldaten. Er wird auf dieser Halbinsel nicht gegen wilde Horden zu kämpfen haben wie gegen die Rebellen an seiner Ostgrenze. Die Männer, die ihm hier gegenüberstehen, sind geschulte Krieger des allmächtigen Gottes. Deus vult!« rief er, und der Erzbischof und die andern fielen mächtig ein.