Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Er ritt ein in Toledo, säuberte sich, zog sich um, ritt zu Raquel. Alafia, Heil, Segen, grüßte es vom Tor der Besitzung. Im Eingang des Hauses stand Raquel. Ungestüm, stolz und zärtlich riß er sie an sich. Sie spürte nichts als strömendes Glück, daß er wieder da war. Sie gingen ins Haus, er den Arm fest um ihre Schulter. Er ließ sie los, stellte sie vor sich hin, schaute sie an von Kopf zu Fuß, lachend, glücklich.
Dann sagte er: »Und jetzt zu dem kleinen Sancho.«
Raquel sagte: »Er ist nicht da.«
Alfonso trat einen kleinen Schritt zurück, er begriff nicht, er starrte sie an, beinah dumm vor Staunen. Fragte: »Wo ist er denn?« Ein böser Verdacht stieg ihm auf. War das Kind im Castillo?
Sie nahm allen Mut zusammen und sagte tapfer und der Wahrheit gemäß: »Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden hell von jenem Zorn, den sie kannte. »Du weißt nicht, wo mein Kind ist?« fragte er leise, wild. Raquel sagte: »In Sicherheit. Unser Sohn ist in Sicherheit, das ist alles, was ich weiß. Mein Vater hat ihn in Sicherheit gebracht.«
Alfonso packte sie am Arm, so fest, daß sie einen kleinen Schrei nicht unterdrücken konnte. Packte sie an den Schultern, schüttelte sie. Das Gesicht ganz nah an dem ihren, bewarf er sie mit wütigen Worten: »Du hast meinen Sohn, meinen Sohn Sancho hast du deinem Vater überlassen? Er hat seinen heiligen Eid gebrochen, der Hund, und du hast es geduldet? Hast ihm noch geholfen, was?«
Raquel, mit Mühe, sagte: »Ich habe nicht geholfen, ich habe meinem Vater das Kind nicht übergeben. Aber ich weiß, und ich sag es dir: mein Vater hat recht.«
Alfonsos Hirn war überschwemmt mit Schelt- und Schimpfreden aus den Sendschreiben des Papstes gegen die Juden, aus den Haßpredigten der Geistlichen: Das Gezücht der Hölle, der Sturmvogel des Satans. Es riß ihm die Hand zur Faust zusammen, auf sie einzuschlagen.
Da sah er sie.
Sie hatte Brust und Kopf zurückgebogen und die eine Hand leicht gehoben, in Abwehr, nicht in Furcht. Aus dem blaßbräunlichen Gesicht schauten ihm noch größer als sonst die blaugrauen Augen entgegen. In ihnen war Staunen, Schreck, Enttäuschung, Erschütterung, Zürnen, Trauer, Liebe; alles, was ihre Lippen nicht sagten, vielleicht nicht sagen konnten, das sagten Blick und Gebärde mit solcher Gewalt, daß er, der Welt und Menschen mit den Augen begriff, es wider Willen sogleich spürte, erkannte.
Er ließ die Hand sinken. Schnaubte, ein kleines, verächtliches, böswilliges Schnauben. »Ihr habt mir also das Kind gestohlen, ihr Juden«, sagte er. »Ich hätte mir’s denken sollen.« Er lachte. Ein helles, zerhacktes, häßliches Lachen, das Raquel in den Kopf drang wie ein Messer.
Er drehte sich unvermittelt um, verließ das Haus, ritt zurück nach Toledo.
Befahl Jehuda in die Burg. »Du hast also deinen Eid gebrochen«, stellte er sachlich fest. Jehuda antwortete: »Das hab ich nicht, Herr König. Es fiel mir nicht leicht, den übeln Eid zu halten, aber ich hab ihn gehalten. Ich habe meinen Enkel nicht zum Juden gemacht, Gott verzeih mir das Verbrechen.«
Alfonso brach aus: »Du hast meinen Sohn gestohlen, du Hund! Du hältst ihn als Geisel. Du willst mich zwingen, meinen Feldzug aufzugeben, deine Moslems zu schonen. Hund! Verräter! Ich lasse dich hängen!«
Jehuda erwiderte stilclass="underline" »Niemand hält deinen Sohn als Geisel, Herr König. Das Kind ist in Sicherheit vor dem Krieg, vor den Christen und vor den Moslems, das ist alles. Hier in Toledo ist das Kind gefährdet, wenn deine Majestät nicht da ist. Überdenk es in Ruhe, Herr König, und du wirst das gleiche finden. Jetzt ist der Knabe in zuverlässigen Händen. Raquel weiß nicht, wo er ist. Das ist hart für sie. Auch ich weiß es nicht genau, und es ist hart auch für mich.« Mit der alten Überlegenheit und unterwürfigen Dreistigkeit fügte er hinzu: »Ich begreife, daß es dich verlangt, mich hängen zu lassen. Aber dadurch würdest du den Mund stumm machen, der dir einmal wird sagen können, wie es um deinen Sohn steht.« Und mit ehrerbietiger Vertraulichkeit schloß er: »Wenn der Krieg vorbei und keine Gefahr mehr ist, hole ich das Kind zurück. Sei du des gewiß, Herr König. Ich habe meinen Enkel nie gesehen; ich möchte ihn sehen, bevor ich hinuntergehe. Auch Raquel könnte es schwerlich tragen, das Kind zu verlieren.«
Würgend überfiel den Alfonso die Erkenntnis seiner Hilflosigkeit. Unlöslich verknüpft mit dem Juden war er. Der Jude hielt ihn an der Leine.
Ohne ein Wort, mit einer zornigen, herrischen Gebärde wies er ihn aus dem Raum.
Ruhiger geworden sagte er sich, daß ihm Jehuda den Sohn nicht aus reiner Bosheit gestohlen hatte. Raquel hatte nicht gelogen; sie wußte offenbar wirklich nicht, wo das Kind versteckt war, und sicherlich nicht hatte sie es dem Jehuda leichten Herzens überlassen.
Das Bild der stumm beredten Raquel, ihrer zürnenden, trauernden, klagenden, liebenden Gebärde wollte ihm nicht aus dem Sinn. Voll kindlichen Zornes suchte er’s zu vertreiben. Rief sich zurück Gesten und Reden Raquels, die irgendwann sein Mißfallen erregt hatten, eine nach der andern, mit bösartiger Vollständigkeit. Wie unbehaglich ihr zumute gewesen war, als er sie vor sich aufs Pferd gehoben und mit ihr galoppiert hatte. Auch für seine Hunde, seine Falken hatte sie niemals Teilnahme gezeigt. »Wer die Tiere nicht liebt, und wen die Tiere nicht lieben, ist verflucht«, hieß es mit Recht. Sie hatte kein Aug und kein Herz für seine ritterlichen Tugenden, seine königlichen Gaben, eher waren sie ihr verdächtig. Sie haßte den Krieg. Sie gehörte zu den Schwachen, zu den Feigen, welche nur die Tapfern behindern auf ihrem von Gott vorgeschriebenen Weg. Eine Vilaine war sie von Wesen, Jüdin durch und durch. Sie vorenthielt seinem Sohne Taufe, Gnade, Seelenheil.
Er flüchtete in die Geschäfte. Besichtigte Soldaten, verhandelte mit Baronen, Feldhauptleuten. Aß und trank mit dem Erzbischof, mit Bertran.
Abend kam, Nacht. Er sehnte sich nach Raquel. Nicht nach ihrer Umarmung, das nicht: nach einer Auseinandersetzung. Er wollte ihr in das reine, unschuldige, verlogene Gesicht hinein sagen, was er von ihr dachte, was für eine sie war. Aber er verharrte in kindischem Trotz und blieb, wiewohl es ihn zog und riß, in seiner Burg.
So verlief auch der nächste Tag.
Als aber die zweite Nacht einfiel, ritt er in die Galiana. Übergab sein Pferd den Knechten, ließ sich nicht melden, ging durch den Garten. Lobte sich, daß er die Zisternen des Rabbi Chanan hatte zuschütten lassen. Sah befriedigt, daß das Glas der Mesusa fehlte.
Stand vor Raquel. Sie leuchtete auf. Er hatte sich all das Böse zurechtgelegt, das er ihr sagen wollte, lateinisch, einiges auch arabisch, damit sie es bestimmt verstehe. Er sagte es nicht, er gab sich nur mürrisch, einsilbig.
Später dann, im Bett, fiel er mit wütiger Lust über sie her. Haß, Liebe, Gier mischten sich ihm. Er wollte, daß sie das spüre. Sie spürte es wohl auch, und das machte ihm Freude. Eine moslemische Gesandtschaft traf in Toledo ein, um dem König von Kastilien eine Botschaft des Kalifen zu überbringen. Es verlautete, die Gesandten sollten den König an seinen Vertrag mit Sevilla erinnern. Man hatte also in Burgos richtig vermutet: der Kalif wollte dem Kriege fernbleiben, wenn nur Don Alfonso den Waffenstillstand mit Sevilla nicht offen verletzte.
Don Manrique de Lara und fast alle andern Berater des Königs freuten sich von Herzen, daß sich Kastilien und Aragon nicht mit der ganzen Macht des Kalifen würden messen müssen. Dem Domherrn Rodrigue gar war das Eintreffen der Delegierten ein großes Licht in seiner Trübsal. Wenn nur Don Alfonso sich zähmte und die Gesandten mit einigem Takt behandelte, dann wird sich der Krieg auf Schlachten und Scharmützel mit den Emiren von Córdova und Sevilla beschränken, er wird nicht die ganze Halbinsel in Blut und Elend tauchen.