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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Aus diesem Entsetzen aber kam ihm Entschuldigung. In allen entscheidenden Stunden brach die Gewalttätigkeit dieses Mannes an den Tag. Niemand konnte dagegen aufkommen. Gott hatte Rodrigue eine unlösbare Aufgabe aufgeladen, als er ihm gebot, diesen König zu betreuen.

Allein er durfte nicht die eigene Schuld und Schwäche mit solchen Sophismen verschminken. Er durfte sich auch jetzt nicht etwa sagen, es sei doch alles verloren. Er hatte nun einmal den Auftrag, Alfonso zu mahnen, und mußte es Gott überlassen, ob ihm Erfolg beschieden war oder nicht. Er mußte Alfonso aufsuchen, noch heute, sogleich; denn zweifellos wird der König, nun er den Kalifen auf solche Art herausgefordert hatte, ohne Verzug nach dem Süden aufbrechen.

Er ging in die Burg.

Er fand einen fröhlichen, aufgeschlossenen Alfonso. Der fühlte sich, seitdem er den moslemischen Prinzen auf so königliche Art heimgeschickt hatte, leicht und frei. Er hatte seiner innern Stimme gehorcht, das Gewarte war zu Ende, sein Krieg war da; er war voll fürstlich heiterer Zuversicht.

Ein wenig freilich störten ihn die besorgten Mienen seiner Räte; sie erinnerten ihn an die Gesichter seiner Erzieher, wenn sie den königlichen Knaben Alfonso mißbilligt und nicht gewagt hatten, ihn zurechtzuweisen. Und der da kam, sein Freund Rodrigue, war offenbar auch nicht einverstanden mit der Antwort, die er dem Kalifen erteilt hatte.

Vielleicht aber war es gut, daß Rodrigue gerade jetzt kam. Die Aussprache ließ sich nicht vermeiden; auch über das, was in der Galiana geschehen war, hätte Alfonso mit dem väterlichen Freunde längst schon reden müssen, und keine bessere Stunde, ihm alles zu erklären und sich zu rechtfertigen, gab es als diese, da er so glücklich gelösten Mutes war.

Schnell entschlossen also, ohne lange Einleitung und Beschönigung, erzählte er, was sich zwischen ihm, Raquel und ihrem Vater zugetragen hatte, daß nämlich der Jude das Kind geflüchtet hatte, bevor er’s hatte taufen können. »Ich habe Schuld auf mich geladen, mein Freund und Vater«, sagte er, »aber ich gestehe dir’s offen, sie drückt nicht schwer. Morgen geh ich in den Kreuzzug, und es wird nicht lange dauern, dann kehr ich zurück, rein und entsühnt. Und dann werde ich nicht nur das Söhnchen taufen, ich werde auch Raquel auf den Weg der Gnade führen. Ich werde stark sein nach dem Sieg, ich weiß es.«

Rodrigue hatte gefürchtet, das Kind sei noch in der Galiana, in täglicher Atemnähe des Vaters, der ihm nach wie vor die Gnade der Taufe vorenthalte, und er atmete auf, weil dem nicht so war. Überdies war sich der König des Umfangs seiner Schuld offenbar nicht bewußt, und Rodrigue dachte an das tiefe und gefährliche Wort des Abaelard: Non est peccatum nisi contra conscientiam – Sündig ist nur, wer sich seiner Sünde bewußt ist. Wiederum, gegen seinen Willen, fühlte er sich in den König ein und verstand ihn.

Aber wenn Alfonsos Bericht den Kummer des Domherrn über das Ärgernis in der Galiana linderte, so erzürnte ihn um so heißer die Leichtfertigkeit, mit welcher Alfonso von dem kommenden Kriege sprach. Dieser König, dem Gott hellen Verstand mitgegeben hatte, stellte sich blind, tat, als sei er eines schnellen, sichern Sieges gewiß, wollte nicht wahrhaben, welch ungeheure Gefahr er über das Land gebracht hatte. Ungewohnt hart und streng fuhr der Domherr ihn an: »Du betrügst dich, König Alfonso. Dieser Krieg wäscht dir keine Sünde fort. Es ist kein Heiliger Krieg. Du hast ihn von Anfang an befleckt durch verbrecherischen Jähzorn und Hochmut.«

Alfonso sah den schwächlichen Leib des Priesters, seine weißen, zarten Hände, die niemals ein Schwert gezogen, nie einen Bogen gespannt hatten. Gepanzert aber in sein herrscherhaftes Selbstvertrauen, war er mehr verwundert als zornig über den erregten Rodrigue. »Dinge des Krieges und des Rittertums sind deine Sache nicht, mein Vater«, antwortete er freundlich, und er belehrte ihn liebenswürdig überlegen: »Siehst du, ich durfte es dem Beschnittenen nicht hingehen lassen, daß er mich in meiner eigenen Burg am Bart zupfte. Es war meine innere Stimme, die mich hieß, ihn zurechtzuweisen.«

»Innere Stimme!« erwiderte nicht laut, doch heftig der Domherr; die freche Sicherheit des Königs hatte ihm endlich jenen wilden Unmut erweckt, dessen Mangel ihm Don Martín so oft vorgeworfen hatte. »Innere Stimme! Wann immer du deinem verbrecherischen Hochmut die Zügel läßt, berufst du dich auf deine innere Stimme! Mach die Augen auf, und sieh auf das, was du getan hast. Der Kalif hat dich merken lassen, daß er dem Krieg fernbleiben will. Er hat dir die Hand geboten, du hast ihm hineingespuckt. Du hast die Armeen Afrikas, die zahllos sind wie der Sand am Meer, ins Land gerufen, aus schierer Eitelkeit und Vermessenheit. Die vier Reiter der Apokalypse hast du ins Land gerufen. Du hast gehandelt, als wäre der Kreuzzug nichts als ritterliches Spiel und Tournier. Du hast deinen Vertrag mit Aragon gebrochen, kaum daß er geschlossen war. Du hast ganz Hispanien an den Rand des Abgrunds gerissen.« Der magere Mann stand aufgerichtet, drohend, die stillen Augen schauten wild und klägerisch auf Alfonso.

Den machte der heilige Zorn des Priesters betreten. Doch schon nach einem Atemzug fand er zurück ins Gehege seiner Sicherheit. Sein heller Blick wich nicht dem zürnenden des andern. Er lächelte, er lachte, ein lautes, häßliches Lachen. Er höhnte: »Wo bleibt dein Gottvertrauen, Priester? Seit Hunderten von Jahren haben die Ungläubigen die Übermacht, und trotzdem hat uns Gott mehr und mehr von unserm Land zurückgegeben. Du tust, als wären wir eine Herde Schafe. Ich habe meine guten Festungen im Süden, ich habe meine Calatrava-Ritter. An die vierzigtausend Ritter hab ich, ohne Aragon. Willst du mir’s verbieten, den gleichen Mut zu zeigen wie meine Väter? Soll ich mich verstecken hinter Lügen und Listen, statt zu vertrauen auf mein gutes Schwert?«

Er stand da, frech, wild, ritterlich, und hinter seinem Gesicht sah der Domherr das des Bertran, der seine wüsten Lieder sang. »Lästere nicht!« rief er ihn an. »Du bist kein Ritter, der auf Abenteuer zieht, du bist der König von Kastilien. Deine Festungen! Bist du sicher, daß sie den Kriegsmaschinen des Kalifen standhalten? Deine vierzigtausend Ritter! Ich sage dir, ihrer die Mehrzahl wird erschlagen werden von den Horden der Moslems. Es wird Verwüstung sein, Brand und Gemetzel über deinem ganzen Land. Zusammenbruch wird sein. Und du bist der Schuldige. Du wirst Gott danken müssen, wenn er dir dein Toledo läßt.«

Die seherische Wildheit des Priesters schauerte Alfonso an. Er schwieg. Rodrigue aber fuhr fort: »Dein gutes Schwert! Vergiß nicht, daß es Gott ist, der den Königen ihr Schwert verleiht. Du tust, als wärest du der Herr über Krieg und Frieden. Vergiß nicht, daß dieser Krieg ausgerufen und erlaubt ist nur als ein Krieg Gottes. Du bist in diesem Krieg nichts Besseres als dein letzter Troßbub: ein Knecht Gottes.«

Alfonso hatte das unheimliche Gefühl abgeschüttelt. Mit der alten, kühlen, leichtfertigen Hoffart antwortete er: »Und vergiß du nicht, Priester, daß Gott mich mit den Reichen Kastilien und Toledo belohnt hat. Gott ist mein Lehnsherr. Ich bin nicht sein Knecht, ich bin sein Vasall.« Es hielt den König nicht länger in Toledo, die besorgten Gesichter seiner Herren und das zornig fromme Gerede des Don Rodrigue verdarben ihm die Freude an seiner ritterlichen Haltung vor dem Kalifen. Er beschloß, schon andern Tages nach dem Süden aufzubrechen. Seine Ordensritter in den Festungen Calatrava und Alarcos werden mehr Sinn und Verständnis für ihn haben.

Die letzte Nacht vor der Abreise verbrachte er in der Galiana. Er war heiterster Laune, sehr gnädig, er trug Raquel nichts nach. Er stolzierte vor ihr auf und ab und rühmte sich seiner Antwort an den Kalifen.

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