Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Leise, behutsam, doch nicht ohne glücklichen Stolz, denn sie fürchtete und hoffte, der Vater werde sie nach ihrem heimlichsten Wissen fragen, antwortete sie: »Immanuel ist gesund und gedeiht herrlich in der Gnade Gottes.« Jehuda, mühsam, er mußte alle Kraft zusammennehmen für diese Unterredung, sagte: »Er wird der Gnade Gottes sehr bedürfen, dein Sohn, mein Enkel, in der nächsten Zeit.« Und da Raquel verwundert hochsah, setzte er ihr auseinander: »Wäre er nur Alfonsos Sohn, dann wäre er nicht gefährdet, und er wäre nicht gefährdet, wäre er nur dein Sohn. Ihn gefährdet, daß er dein und Alfonsos Sohn ist. Als Sohn Alfonsos ist er zu Großem bestimmt; das wissen alle, und sie billigen es. Doch viele sehen es nicht gern, daß ein Sohn von dir zu Großem bestimmt ist. Im Castillo von Burgos sind jetzt zahlreiche versammelt, die es nicht gerne sehen. Wir haben diesen Mächtigen nichts entgegenzustellen als das Vertrauen auf Gott.«
Raquel wurde aus den Worten des Vaters nicht klug. Er sprach wohl von Alfonsos Absicht, den Knaben taufen zu lassen, und nahm an, Alfonso werde auf ihre Wünsche keine Rücksicht mehr nehmen, schon um das Kind vor den Nachstellungen der Gegner zu schützen. Ja, einen Atemzug lang wünschte sie’s. Sogleich aber kam ihr die ganze Sündhaftigkeit des Wunsches zu Bewußtsein; es war nicht denkbar, daß Immanuel entweiht werden sollte durch das Wasser des Götzendienstes. Und der Vater kannte ihren Alfonso nicht. Alfonso liebte sie, Alfonso wuchs ihr zu, niemals wird er sie derart in die Seele hinein kränken. Sie sagte fast bittend: »Alfonso hat mir nur ein einziges Mal davon gesprochen, daß er unsern Immanuel taufen lassen wolle. Dann nie mehr. Ich bin gewiß, er hat verzichtet.« Jehuda wollte ihr den Glauben nicht nehmen, er ging darauf nicht ein. Er sagte: »Don Alfonso hat Papiere vorbereitet, die deinen Sohn zum Grafen von Olmedo machen. Ich kann mir nicht denken, daß eine gewisse Dame, die dem König nur Töchter geboren hat, das hinnehmen wird. Don Alfonso ist ein mutiger Mann und ohne Arg und Vorsicht. Er ist nicht geneigt, einer so großen und ihm nahestehenden Dame ein Verbrechen zuzutrauen. Ich fürchte, er irrt sich.«
Raquel war erblaßt. Sie dachte an die vielerlei Geschichten von bösen, eifersüchtigen Frauen, welche die Lieblingssklavin des Mannes quälten und umbrachten. Und hatte nicht sogar die Stammesmutter Sara, die eine große, fromme Frau war, aus Neid und Eifersucht das Kebsweib Hagar mit dem kleinen Ismael in die Wüste getrieben, auf daß sie verdursten sollten? Raquel schwieg lange, eine volle Minute lang. Dann fragte sie: »Was rätst du, mein Vater?« Der antwortete: »Wir könnten versuchen, zu fliehen, du, ich und das Kind. Aber es wäre gefährlich. Wir sind auffällige Leute, wir können uns schwer verbergen, und das Volk ist erregt, es denkt an den Krieg, es sieht Feinde in allen Fremden.«
Raquel, mit blassen Lippen, fragte: »Ich soll vor Alfonso fliehen?« – »Nicht doch«, beruhigte sie Jehuda. »Sagte ich nicht, es wäre gefährlich? Besser ist es, das Kind allein wegzubringen in sichere Hut.« Raquel sagte, und ihr ganzer Leib war Abwehr: »Ich soll das Kind vor Alfonso verstecken?« Jehuda, vorsichtig, beschwichtigend, antwortete: »Dein Alfonso weiß es nicht, aber er kann den Knaben nicht schützen. Der Knabe ist sicher nur in Alfonsos Gegenwart, und er zieht in den Krieg und kann das Kind nicht mitnehmen. Niemand kann das Kind schützen hier in Kastilien. Du rettest das Leben unseres Immanuel, wenn du dich für die Dauer des Krieges von ihm trennst.« Da sie schwieg, fuhr er fort: »Ich hätte das Kind wegbringen lassen können, ohne dich zu fragen, und dir hinterher erklären, warum es so sein mußte, und ich weiß, du hättest mich verstanden und mir verziehen. Aber du bist eine Ibn Esra. Ich will keine Heimlichkeiten haben vor dir, ich will dir keine Verantwortung abnehmen. Ich bitte dich, alles gut zu bedenken, und dann sag mir: So geschehe es, oder: So geschehe es nicht.«
Raquel, in ungeheurer Not, sagte: »Du willst das Kind aus Kastilien fortbringen?« Und nochmals: »Du willst Immanuel aus Kastilien fortbringen?« Jehuda sah ihre Not, Erbarmen schnürte ihm die Brust, er sagte zärtlich und konnte nicht verhindern, daß er ein wenig lispelte: »Hab keine Angst, Raquel, meine Tochter. Vertraue mir. Ich lasse das Kind wegbringen durch einen geschickten und sichern Mann, den sichersten, den ich kenne, und den treuesten. Niemand soll wissen, wo das Kind ist, nur dieser Getreue. Niemand soll hier in Toledo sein, der dem König sagen könnte, wo das Kind ist. Wenn er dir droht, wenn er eine Antwort erzwingen will, dann sollst du erwidern: ›Ich weiß es nicht‹, und es soll die Wahrheit sein.« Und da Raquel hilflos und verlöscht dasaß, sagte er: »Auf solche Art ist das Kind nicht gefährdet, und du bist es nicht, meine Raquel. Der einzige, der sich gefährdet, bin ich. Ich will diesen Knaben retten, deinen Sohn, meinen Enkel. Wenn der Krieg vorbei ist, wenn das Land wieder ruhig ist, wenn Alfonso ruhig geworden ist, dann holen wir Immanuel zurück.« Er wartete lange. Dann sagte er: »Ich will nicht, meine Tochter, daß du in dieser Sache irgend etwas tust. Du sollst nichts davon wissen, wie diese Tat geschieht. Ich bitte dich nur: sag nicht nein. Alles andere falle auf mein Haupt.«
Für eine ganz kurze Weile stellte sich Raquel vor, was es bedeutete, daß der Vater den Zorn Alfonsos auf sich zu ziehen bereit war. Sie wußte, wie furchtbar Alfonso in seinem Zorn war; es war sehr wohl möglich, daß er den Vater tötete in seiner Wut. Dies alles nahm der Vater auf sich, um Immanuel zu retten. Dabei hatte er sich’s aus geheimnisvollen Gründen versagt, den Knaben auch nur zu sehen. Er war tapfer. Er ließ immer die hohe Vernunft, die Gott ihm gegeben hatte, siegen über seine Gefühle. Sie konnte das nicht. Nicht einmal ihrem Gefühl konnte sie vertrauen. War sie nicht vor einer halben Stunde noch ihres Glückes sicher gewesen, geborgen im Mantel des Schicksals? Und jetzt hatte sie Angst um das Kind und um den Mann. Wenn sie sich jetzt weigerte, Immanuel fortzugeben, gefährdete sie dann nicht sein Leben? Und wenn sie ihn fortgab, verlor sie dann nicht die Liebe des Mannes? Laut plötzlich, als würden sie hier und jetzt gesprochen, hörte sie die Worte ihrer Freundin Layla: »Du Arme.«
Sie versuchte, die Trümmer der früheren seligen Gewißheit zusammenzustücken. Die Trennung von Immanuel wird nur kurze Zeit dauern. Und Alfonso mußte sie verstehen, Alfonso wuchs ihr zu.
Nach einer ewigen Minute sagte sie: »Es geschehe, wie du es für recht hältst, mein Vater.«
Dann aber fiel sie um, in Ohnmacht. Der Vater, um sie bemüht, dachte: So war sie umgefallen, damals, als ich sie beredete, zu diesem König zu gehen. Er spürte grenzenloses Mitleid mit der Ohnmächtigen, und er beneidete sie. Ihm war es versagt, in solche Ohnmacht zu flüchten, er mußte sein Elend in Bewußtsein zu Ende kosten. Alfonso war auf dem Weg von Burgos nach Toledo. In seiner Begleitung waren der Erzbischof Don Martín, der Ritter Bertran de Born, der Schildknappe Alazar.
Das Land, durch welches sie ritten, rüstete zum Feldzug. Auf allen Straßen zogen junge Männer den Burgen ihrer Lehnsherren zu, überall waren kleine Gruppen Bewaffneter auf dem Weg nach dem Süden. Alfonso und seine Begleiter musterten sie sachkundig, muntere Zurufe, Scherze flogen hin und her zwischen den Herren und ihren künftigen Soldaten.
Der König war fröhlich wie ein Fohlen. Er freute sich auf den Krieg, er freute sich darauf, das Söhnchen wiederzusehen, den lieben Bastard Sancho, das Gräflein von Olmedo. Er spürte für das Söhnchen eine fröhliche, kräftige, väterliche Liebe, der kleine Sancho sollte sie zu spüren bekommen. Er selber war ohne Vater aufgewachsen; er war mit drei Jahren König geworden, und niemand hatte gewagt, den Knaben, der König war, ernstlich zurechtzuweisen. Das Kind sollte kein Muttersöhnchen werden, es sollte die Hand des Vaters spüren. Sowie er zurück ist, wird er die Hand auf den Sohn legen. Sogleich, schon am ersten Tag, wird er Sancho taufen lassen. Raquel wird ihn verstehen. Er wird auch sie der Gnade zuführen, wenn es sein muß, mit Strenge, und sie wird ihm dankbar sein.