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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Wenn sich, erwog Jehuda, solche Dinge in dem vernünftigen Engelland hatten ereignen können, was wird, wenn das Volk nach einer Niederlage aufgehetzt ist, hier in Kastilien geschehen?

Don Ephraim stellte sich bei Jehuda ein. Berichtete, der Graf de Alcalá habe sich an ihn gewandt um ein Darlehen auf seine Güter, er habe ihn aber abgewiesen. »Er ist verschuldet«, führte Ephraim aus, »er verschwendet, vermutlich wird ihn der Krieg vollends aufzehren, und die Güter werden dem Gläubiger billig zufallen. Trotzdem habe ich’s abgelehnt, Alcalá zu beleihen; denn ein Jude, der aus den Nöten eines Kreuzfahrers Vorteil zieht, schafft sich und aller Judenheit Feinde. Ich nehme an, der Graf wird sich jetzt an dich wenden.« – »Ich danke dir für Mitteilung und Rat«, sagte unverbindlich Jehuda.

Eine zweite, wichtigere Mitteilung hatte Don Ephraim. Die Aljama hatte beschlossen, dem König ein Hilfskorps von dreitausend Mann zu stellen.

Jehuda fühlte sich grausam gedemütigt. So nackt und verloren war er schon, daß die Aljama in dieser dringlichsten Not Entschlüsse traf, ohne ihn zu befragen. »Glaubst du, so könnt ihr euch retten?« höhnte er. »Denk an das, was in Engelland geschehen ist.« – »Wir betrauern es, und wir haben es bedacht«, antwortete Don Ephraim. »Gerade darum wollen wir tun, was in unserer Macht steht, König Alfonso – Gott schütze ihn – zum Sieg zu verhelfen. Überdies hatten wir immer geplant, und du selber hast es dem König versprochen, ihm ein Hilfskorps zu stellen.« – »Ich an eurer Stelle«, erwiderte Don Jehuda, »hätte Geld gegeben, Routiers zu werben. Vielleicht auch, zum Zeichen eures guten Willens, hättet ihr zwei- oder dreihundert Mann aus den eigenen Reihen stellen können. Aber die Masse der kräftigen, waffengeübten Männer der Aljama hättet ihr besser zurückbehalten. Ich fürchte, ihr werdet sie nötig haben«, schloß er voll Bitterkeit.

»Ich begreife, daß du so denkst«, entgegnete ruhig Ephraim. »Aber deine Lage, Don Jehuda, ist anders als die unsere, und auch ein so kluger Mann wie du hat es schwer, unter deinen Umständen unsere Situation unbefangen zu beurteilen.« Da er sah, wie schmerzhaft seine Worte den andern trafen, fuhr er nicht ohne Wärme fort: »Ich bin nicht dein Feind, Don Jehuda. Ich vergesse nicht, was alles du für uns getan hast in der Großheit deines Herzens. Wenn jetzt Tage kommen, da du unsere Hilfe brauchst, glaub es mir, wir sind bereit.« Jehuda, trocken, grimmig, antwortete: »Ich danke euch.«

Er ging, nachdem ihn Ephraim verlassen hatte, prüfend durch sein Haus. Beschaute die Kunstwerke, die Bücher, die Schriftrollen, nahm die eine, die andere heraus, betastete die Urschrift der Lebensdarstellung des Avicenna. Ging in den Saal seiner Schreiber. Nahm Briefe heraus, überlas sie. Man bot ihm in ehrerbietigen Wendungen Verträge an, Geschäfte, fragte um Rat; sichtlich hielt man ihn nach wie vor für den mächtigsten Mann der Halbinsel. Er überschlug die Aufstellungen seiner Repositarii, um zu errechnen, wie groß sein Vermögen sei. Die Kriegsrüstungen, die vielen Verkäufe und Beleihungen, die Gewinne aus neu ausgegebenem Geld hatten seinen Reichtum vermehrt. Er rechnete, überprüfte, rechnete von neuem. Es waren an die dreihundertfünfzigtausend Goldmaravedí, die er besaß. Er sprach die ungeheure Summe vor sich hin, langsam, arabisch, beinahe ungläubig. Aus seiner großen Schmucktruhe suchte er hervor die Brustplatte des Familiars, betastete sie. Schüttelte lächelnd den Kopf. Da stand er, ertrinkend in Schätzen, Ehren, Macht – es war die Tünche eines Grabes.

Mit heftiger Bewegung tat er das dunkle Geträume ab. Don Ephraim sollte ihn nicht zaghaft machen.

Er belieh die Güter des Grafen de Alcalá.

Allein die Worte des Párnas hatten sich tief in ihn eingesenkt. Es war so, wie Don Ephraim nüchtern festgestellt hatte: er, Jehuda Ibn Esra, war mehr bedroht als jeder andere. Wenn er vernünftig war, machte er sich so schnell wie möglich fort und rettete sich, Raquel und den Enkel in den Bereich der östlichen Moslems, den Bereich des Sultans Saladin, der den Juden freund war.

Raquel wird widerstreben, wird bei Alfonso bleiben wollen. Und wenn es ihm gelingen sollte, sie zu überreden, dann wird ihn Alfonso verfolgen lassen. Und wie sollten sich so auffällige Flüchtlinge durch die ganze feindliche, christliche Welt in den Osten durchschlagen?

Und durfte er auch nur den Versuch machen, sich und die Seinen zu retten? Durfte er die fränkischen Siedler hilflos in der Gefahr zurücklassen? Helfen freilich konnte er ihnen nicht; im Gegenteil, sein Bleiben gefährdete sie nur, sie und alle Judenheit. Aber das werden sie nicht wahrhaben wollen. Sie werden, wenn er sich fortmachte, jeden Schimpf auf seinen Namen häufen. Der Mann der großen Sendung, werden sie höhnen, der Wohltäter Israels, Jehuda Ibn Esra, sei davongelaufen, als er einstehen sollte für sein Wort und sein Werk. Und er wird als Feigling und Verräter dastehen für alle Zukunft.

In den Sinn kam ihm ein Satz des Mose Ben Maimon: in jedem Juden sei etwas von einem Propheten, und dieses Prophetische in der Seele zu fördern, sei Pflicht. In ihm haftengeblieben, ihm schmeichelnd, waren die Worte des Ephraim, er habe viel für die Juden getan in Großheit des Herzens. Nein, er wird das Prophetische in seinem Herzen nicht ersticken, er wird nicht trachten, seiner Sendung davonzulaufen. Er wird in Toledo bleiben.

Er mühte sich, aufrichtig zu ergründen, was ihn denn nun, gegen die Vernunft, am Orte der Gefahr zurückhielt. War es Angst vor den Gefahren der Flucht? War es Liebe zu Raquel, welche die Trennung von Alfonso nicht überstehen würde? War es Ehrgeiz und Hoffart, weil er den Namen Ibn Esra nicht beflecken wollte? War es Treue zu seiner Sendung? Alles das war in ihm, er konnte seine Gründe nicht auseinanderflechten.

Inmitten der Zweifel und Sorgen wuchs ihm ein Entschluß. Sich selber helfen konnte er nicht, auch Raquel konnte er nicht helfen. Wohl aber dem Enkelsohn.

Er hat geschworen, den Enkel nicht zum Juden zu machen, und er wird den wahnwitzigen, abscheulichen Schwur halten. Doch kein Gelübde zwingt ihn, das Kind hier in Toledo zu lassen. Nun er ins Feld zieht, wird Alfonso darauf bestehen, den Knaben vorher zu taufen; die Rücksicht auf Raquel wird ihn nicht länger abhalten. Er, Jehuda, mußte das Kind fortschaffen, bevor der König in Toledo zurück war. Raquel verbrachte die meiste Zeit in der Galiana.

Es war ihr bekannt, daß in den nächsten Wochen der große, furchtbare Krieg ausbrechen mußte, aber sie fürchtete sich nicht. Seitdem Gott ihr das glückhafte Geschenk ihres Immanuel gemacht hatte, war sie voll einer tiefen Sicherheit, warm und geschützt in der Hand Adonais oder, wie Onkel Musa es nannte, im Mantel des Schicksals.

Sie sehnte sich nach Alfonso, doch nicht mit der fieberigen, aus Jubel in Verzweiflung und wieder in Jubel umschlagenden Sehnsucht wie früher. Vielmehr war sie aus eben jenem tiefen Vertrauen heraus gewiß, daß er aus seiner Ritterwelt immer wieder zu ihr zurückkehren werde. Was ihn rief, war nicht nur die ungemessene Lust, die sie einander gaben, es war noch ein anderes: er liebte die Mutter seines Sohnes, sein Sancho wurde auch ihm zum Immanuel, sie wuchsen, Raquel und Alfonso, einander zu.

Oftmals schaute sie minutenlang reglos, selig hingegeben, in das zarte, längliche Gesicht ihres Söhnchens, ihres Immanuel, des Messias. Sie hatte nur ein vages Bild des Messias, eine undeutliche Vorstellung von etwas Hohem, Hellem, und sie hatte keine leise Ahnung, auf welche Art dieser ihr kleiner Sohn der Welt das Heil bringen sollte; aber sie wußte: er wird es bringen. Doch hielt sie dieses Wissen auch weiter in ihrer Brust; es erschien ihr lästerlich, davon zu reden.

Nicht einmal mit Don Benjamín sprach sie davon, wiewohl sich ihre Freundschaft vertieft hatte. Es war eine Freundschaft ohne viele Worte. Er las ihr aus einem Buch vor, oder sie gingen still die Wege des Gartens entlang.

Den Sabbat verbrachte Raquel nach wie vor bei ihrem Vater im Castillo.

Einmal nach dem Ausgang eines solchen Sabbats – der Geruch der Gewürze und der im Wein gelöschten Kerze war noch in der Luft – fragte Jehuda die Tochter: »Wie geht es deinem Sohn, meinem Enkel?« Er hatte den Enkel nie gesehen, die Galiana nie betreten. Raquel wußte, wie sehr er sich nach dem Anblick des Knaben sehnte, aber sie hatte Scheu, Immanuel aus der Galiana wegzubringen. Wiewohl er ihr gehörte, wäre sie Alfonso zu nahe getreten, wenn sie das Kind, und sei es nur auf eine Stunde, ohne seine Zustimmung weggebracht hätte.

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