Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Wiederum war es Bertran de Born, der den Gefühlen aller Stimme gab. Die Sprache des Nordens, die Langue d’Oïl, in welcher dieser Chrétien dichtete, schien ihm ohnehin plumpes Gelalle, das milchherzige Reimgeklingel gar, das er soeben hatte hören müssen, dünkte ihm reine Tollheit. Er hatte denn auch schon während des Vortrags mehrmals hell auflachen müssen, und nun Godefroi zu Ende war, meinte er: »Ihr Herren im Norden habt ja erstaunlich viel übrig für den Pöbel und seinen Gestank. Willst du wissen, guter Meister Godefroi, wie wir hier im Süden darüber denken?« Die Damen und Herren, sich freuend auf die männliche Antwort, die Bertran dem Gewinsel des toten Chrétien sicher geben wird, baten: »Laß hören, edler Bertran!« Und: »Laß uns nicht warten! Laß hören!« drängten sie. Und: »Sing uns den Sirventés vom Vilain, mein Knabe Papiol«, befahl lachend und grimmig Bertran seinem Spielmann.
Dieser trat vor, kühn und jugendlich, klimperte auf der kleinen Harfe und sang das Lied vom Vilain, vom Lumpigen Bürger und Bauern. Er sang:
Stürmischen Beifall riefen die Hörer dem Ritter. Das Gesindel in der Tiefe wurde wirklich zu übermütig. Die Herren, die im Begriff waren, in den Heiligen Krieg zu ziehen, dachten an die Händler und Bänker, die ihnen ihre Güter weit unterm Preis abhandelten; sie mußten darauf eingehen, weil sie aus ihren Bauern nicht genug herausgeholt hatten. Wer dem Geschmeiß auf kräftige Art die Wahrheit sagte, sprach ihnen aus dem Herzen.
Don Rodrigue sah, wie die verbrecherisch hochfahrenden Verse des Bertran das unheilige Feuer der preux chevaliers noch höher schürten. Was der Mann da in gottlosem Übermut gesungen hatte, erfüllte den sanften Domherrn mit reißendem Kummer. Inmitten all seiner heiligen Betrübnis aber bedachte der Gelehrte Rodrigue, wie sich da wieder einmal die Sprache lasterhaft den bösen Trieben der Sprechenden anschmiegte und langsam aus dem sachlichen »Vilain«, aus dem Dorf- und Städtebewohner, den Lumpen und Schuft machte.
Don Alfonsos Gesicht war überstrahlt von glückhafter Erregung; die stolzen, klirrenden Verse waren ihm aus dem Herzen gesprochen. Aus diesen Versen klang der Groll des rechten Ritters gegen das Gelump der Händler und Bänker, die Wut, die er selber, Alfonso, oft gespürt hatte, wenn er mit seinem Jehuda hatte herumfeilschen und seine gute, kostbare Königszeit hatte vertun müssen. Dieser Bertran war sein Bruder.
»Höre, edler Bertran«, sagte er, »willst du nicht den Krieg an meiner Seite mitmachen? Ich gebe dir den Handschuh, und du sollst guten Teil an meiner Beute haben.« Bertran lachte sein lustiges, grimmiges Lachen. »Wie du die paar Verse belohntest, die ich dir gemacht habe«, antwortete er, »hat mir deine Großherzigkeit gezeigt, Herr König. Ich hatte vor, einen rechten Sirventés für dich zu dichten.« – »Kommst du also mit mir, Bertran?« fragte der König. »Ich bin Lehnsmann König Richards und ihm versprochen«, erwiderte Bertran. »Aber ich will die Dame Ellinor fragen.«
Er fragte. »Gehst du wieder einmal zu einem andern Herrn über?« sagte Ellinor. Sie schauten einander an mit heitern Augen, die alte Fürstin und der alte Ritter, und sie sagte: »Bleib also bei Alfonso. Ich will’s bei meinem Richard vertreten.« Ellinor wollte Burgos nicht verlassen, bevor in einem gründlichen Kriegsplan Rechte und Pflichten der beiden Könige genau abgegrenzt waren.
Mehrmals lagen Alfonso und Pedro ihr an, ihnen ein paar Fähnlein ihrer bewährten Routiers abzugeben, ihrer Brabançons und Cottereaux. Aber Ellinor wollte davon nichts hören. »Ihr habt genug, ihr beiden Knaben«, wehrte sie ab. »Glaubt ihr, ich würde mir meine teuern Routiers halten, wenn ich sie nicht dringlich gegen meine rebellischen Barone bräuchte? Manchmal kann ich nicht schlafen, weil ich nicht weiß, wovon ich sie zahlen soll.« – »Aber ›In Chinon ist Geld‹ heißt es doch in der ganzen Christenheit«, wandte Don Alfonso ein. »Dieses dumme Sprichwort«, wies ihn Ellinor zurück, »haben die Juden meines seligen Heinrich in die Welt gesetzt, um seinen Kredit zu heben. Ich jedenfalls habe kein Geld in Chinon vorgefunden. Ich habe Schwierigkeiten gehabt, die Rechnung zu zahlen für die Beerdigung meines Heinrich. Nichts da, meine Lieben! Ein paar Soldaten müßt ihr einer alten Frau schon lassen, ihre Haut zu schützen.«
Der Kriegsplan gründete sich auf die Annahme, man könne unter Umständen den Kalifen Jakúb Almansúr dem Krieg fernhalten. Mächtige Stammeshäuptlinge an seiner Ostgrenze rebellierten; auch hieß es, es stehe nicht gut um seine Gesundheit. Zu vermuten war, er werde jeden halbwegs guten Vorwand benutzen, seine Emire im Andalús sich selber zu überlassen. Nun war da eines: der Kalif nahm, genau wie Sultan Saladin, Vertragsbruch unter keinen Umständen hin, und da war dieser lästige Waffenstillstand Alfonsos mit Sevilla. Kastilien mußte also für die erste Zeit neutral bleiben. Dagegen sollte Aragon, das durch keinen Vertrag gebunden war, schon in allernächster Zeit unter Vorwänden ins moslemische Valencia einfallen und sehr bald die Waffenhilfe Kastiliens anrufen. Griff daraufhin der Krieg schließlich auch nach Córdova und Sevilla über, dann würde man den Kalifen wahrscheinlich überzeugen können, es handle sich nicht um einen bösartigen Bruch des Waffenstillstands.
Alfonso murrte, daß dem jungen Don Pedro der Ruhm des ersten Vorstoßes zufallen sollte, wich indes den guten Gründen der alten Königin und verpflichtete sich, unter keinen Umständen gegen Córdova und Sevilla vorzugehen, ehe Aragon Waffenhilfe verlangte. Don Pedro seinesteils versprach, solche Waffenhilfe binnen längstens eines halben Jahres zu fordern und dann seine ansehnliche Heeresmacht dem Oberbefehl Don Alfonsos zu unterstellen.
Die Dame Ellinor gab sich so schnell nicht zufrieden. Sie fürchtete, Eifersucht oder falsch verstandene Ritterpflicht könne Alfonso oder Pedro verleiten, sich über den Vertrag hinwegzusetzen; ein solcher Pakt war schließlich nur Tinte auf Tierhaut, das Blut, das durchs menschliche Herz floß, war stärker. So berief sie denn die beiden Könige und deren Frauen vor sich und erläuterte an Hand des umständlich aufgezeichneten Kriegsplanes in einer kurzen, herzhaften Ansprache, was Alfonso und was Pedro tun und was sie lassen müßten. Dann fiel sie aus dem Feierlichen ins Gemütliche und meinte, schelmisch mit dem Finger drohend: »Ich weiß schon, ihr gönnt einer dem andern immer noch allerlei Ungemach. Aber solche Launen könnt ihr euch nicht leisten in diesem großen und wichtigen Krieg. Wenn er aus ist, dann ärgert einander wieder nach Herzenslust. Vorläufig ärgert mir die Moslems.« Und, wieder sehr königlich, schloß sie: »Ich beschwöre euch, reißet allen Groll aus euren Herzen mit der Wurzel, so wie der Stier das Gras mit der Wurzel ausrauft.«