Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Eine Weile später sagte sie: »Sei nicht böse, wenn ich dich manchmal hart anfasse und dich schelte. Ich weiß genau, was du gut gemacht hast und daß du viel Hindernis hast aus dem Weg räumen müssen, ehe diese Heirat und diese Allianz zustande kam. Du hast Talent zur Politik. Es ist wohl das letztemal, daß ich dich sehe, und ich möchte gerne deine Lust an der Politik höher schüren. Lust an der Macht ist unter den Leidenschaften die haltbarste.« Sie schloß die Augen und sprach aus ihrem Innern: »Es ist ein gewaltiger Spaß, Menschen hierhin jagen und dorthin, Städte bauen, Länder zusammenschmieden und wieder auseinanderreißen. Was aufrichten, ist Freude, und was zerstören, ist Freude. Ein rechter Sieg ist Freude, aber ich möchte auch meine Niederlagen nicht missen. Sag es nicht weiter: ich habe sogar an der Exkommunikation meinen Spaß gehabt. Wenn da der Bannfluch kommt mit Buch, Glocke und Kerze, wenn die Altäre dunkel werden und die Bilder verhängt und die Glocken verstummen, dann wächst einem ein reißender Wille, die Kerzen wieder anzuzünden und die Glocken wieder zu läuten, ein unbändiger Wille, der den Witz schärft. Alle Mittel und Wege überlegt man: soll man’s mit dem Papst halten, der ist, und ihn schlau sänftigen? Oder soll man einen Gegenpapst einsetzen, der dem andern die Kerzen löscht und die Glocken stumm macht?«
Doña Leonor trank hingegeben die leisen Worte ein. Sie war der Mutter dankbar, daß sie sie in ihr Vertrauen einließ. Sie wird sich bewähren.
Ellinor öffnete die Augen und schaute der Tochter voll ins Gesicht. »Ein großes Herz«, sagte sie, »hat notwendig viele leere Stellen. Da nistet sich leicht die Langeweile ein, die Melancholie, die große Feindin, die Acedia. Man braucht eine gute Menge Leidenschaft, die leeren Stellen zu füllen. Nach Macht jagen, nach mehr Macht, ist ein großes, gutes, haltbares Feuer. Glaub es mir, Tochter, Politik kann einem das Blut hitzen wie die schönste Liebesnacht.«
Zweites Kapitel
Es hatte sich am Hofe von Burgos auch der Clerc Godefroi de Leigni eingefunden, um als Vertreter der Prinzessin Marie von Troyes an der Vermählungsfeier der Infantin Berengaria teilzunehmen. Godefroi war ein enger Freund des vor kurzem verstorbenen Chrétien de Troyes, des berühmtesten unter den Conteurs, und wo immer Godefroi sich zeigte, lagen die Ritter und Damen ihm an, aus den Verserzählungen seines toten Freundes vorzutragen.
Nun hatte der große Dichter Chrétien de Troyes eine ganze Reihe von schönen, wunderlichen und vieldeutigen Versromanen geschrieben. Er hatte erzählt von den bunten, märchenhaften und dennoch sinnvollen Schicksalen des Guillaume d’Angleterre, von der dunkeln, herrlichen Liebesverzauberung des Tristan und der Ysault, von den wunderbaren Abenteuern des Ritters Yvain in geheimnisvollen Schlössern, von den Fahrten und Grübeleien des treuherzigen, ahnungsvollen Knaben Perceval. Lieber aber als diese Geschichten hörten die Damen und Herren aus des Chrétien Erzählung von dem Ritter Lanzelot auf dem Karren. Vergebens wies Godefroi darauf hin, daß Chrétien diese Dichtung für nicht recht geglückt gehalten und sie auch nicht vollendet habe; der »Lanzelot« war nun einmal das populärste seiner Werke, und die Ritter und Damen wollten immer wieder gerade daraus hören.
Was sich aber in der Erzählung »Lanzelot auf dem Karren« zuträgt, ist dies: Lanzelot, der beste Ritter der Christenheit, liebt die Dame Genièvre, und da sie in Bedrängnis gerät, zieht er aus, sie zu befreien. Er verliert sein Pferd und verzweifelt daran, den Entführer der Dame weiter zu verfolgen. Da kommt ein Karren vorbei, ein Schinderkarren, und der Besitzer, ein scheußlicher Zwerg, lädt Lanzelot unter vielen höflichen, lächerlichen Verbeugungen ein, das Gefährt zu besteigen; keinen schlimmeren Schimpf aber gibt es für einen Ritter, als auf einem solchen Karren gesehen zu werden. Lanzelot zögert zwei Augenblicke; dann besteigt er den Karren und zieht auf ihm weiter, von den Bürgern verhöhnt. Er befreit seine Dame. Sie jedoch läßt ihn nicht vor sich, sondern trägt ihm auf, im nächsten Tournier seine Kraft und Geschicklichkeit zu verbergen und sich besiegen zu lassen. Er tut es und nimmt auch mancherlei weiteren Schimpf auf sich, weil es seine Dame so befiehlt. Sie aber bleibt ungnädig und läßt ihm zuletzt auch den Grund nennen: er wisse nicht, was wahre Liebe sei; er habe, bevor er den Karren bestieg, zwei Augenblicke gezögert.
Da Königin Ellinor und Doña Leonor den Vorträgen der Troubadours und Conteurs selten fernblieben, verlangte die Courtoisie, daß sich auch Don Alfonso manchmal einfand. Da hörte er denn eines Tages den Clerc Godefroi aus dem »Lanzelot« vorlesen.
Gemeinhin langweilten den Alfonso die Versromane. Die Abenteuer dieser erfundenen Ritter schienen ihm blödsinnig, ihr Liebesgegirr und -gestöhne affektiert. Diese Geschichte aber, gegen seinen Willen, fing ihn ein. Das Verhalten des Lanzelot, so aberwitzig es war, ging ihn an, es kratzte ihn, zwang ihn, nachzudenken, sich damit auseinanderzusetzen.
Noch als er spät nachts auf seinem Bette lag, dachte er nach. Mit geschlossenen Augen lag er, zu müde, um wach zu sein, zu wach, um einzuschlafen, und er sah den Ritter Lanzelot auf seinem Karren. Plötzlich aber war Lanzelot nicht mehr auf dem Karren, er saß hier, auf seinem, Alfonsos, Bett.
»Was suchst du hier?« fragte Alfonso streitbar. »Willst du vielleicht behaupten, wir gehören zusammen?« Lanzelot nickte heftig. »Das verbitte ich mir«, herrschte Alfonso ihn an. »Ich bin nicht dein Bruder und Kamerad.« Lanzelot erwiderte nichts, aber er schaute Alfonso immerzu an, und der wußte, was der Stumme sagte. »Gewiß bist du mein Bruder und Kamerad«, sagte er, »eques ad fornacem, Ritter Ofenhocker.« Alfonso wollte kräftig erwidern, alle die zwingenden militärischen und politischen Gründe anführen, aus denen er dem Kreuzzug so lange ferngeblieben war. Mit einem Male aber wurde ihm schmerzhaft klar: das war alles Schein und falsch. Es gab einen einzigen wahren Grund, weshalb er nicht gekämpft hatte – er hatte bei Raquel bleiben wollen. Er war der Bruder und Kamerad des Lanzelot, er hatte Schimpf auf sich geladen, er hatte »sich verlegen«.
Er spürte heiße Scham.
Bald indes, mit einem süßen Schreck, merkte er, wie sich diese Hitze in eine andere wandelte, in eine sehr vertraute, verfluchte und willkommene Schwüle. Leibhaft roch er den schweren Duft der Gärten der Galiana, seine Adern klopften, kitzelnd rieselte es ihm durchs Geblüt, in ihm arbeitete süß und fein das liebe Gift Raquel.
Er suchte sich loszureißen. Atmete heftig, stieß kindisch gewalttätig den nackten Fuß gegen die Bettdecke. Dieser Lanzelot soll sich nicht mehr lange lustig machen über ihn. Der Krieg ist da, und sowie er erst im Felde ist, liegt Raquel hinter ihm und für immer. Absit! Absit! beschloß er. Es soll aus sein mit ihr! Sowie er nach Toledo zurückkommt, wird das erste sein, daß er das Söhnchen taufen läßt, und dann geht er an seine Südgrenze, nach Calatrava und nach Alarcos, und es ist aus mit Raquel.
»Dann habe ich nichts mehr mit dir zu tun, Weiberknecht, trauriger«, erklärte er heftig dem Lanzelot, »und überhaupt bist du lächerlich mit deiner kriechenden Liebe.« Aber Lanzelot war bereits verschwunden. Sowenig Gunst Don Alfonso den Troubadours und Conteurs bezeigte, einer war unter ihnen, der ihm gefiel, ein Baron aus dem Limousinischen, Bertran de Born.
Dieser Bertran war, wiewohl er sich Vizegraf von Hautefort nannte, nicht eigentlich ein großer Herr, es unterstanden ihm nur wenige hundert Mann. Aber er war berühmt um seiner wilden Verse willen, er war hinreißend von Wesen, er hatte von frühester Jugend an Menschen bezaubert und durcheinandergewirbelt. Es hieß, er habe sich seinerzeit, ein halber Knabe noch, der Gunst der blühenden Königin Ellinor erfreut. Später dann, als Herr seiner beiden Burgen, hatte er mit Wort und Schwert an jeder Fehde teilgenommen, nicht lange prüfend, welche Sache die bessere sei, und es immer verstanden, seiner Sache viele Menschen zu gewinnen. Er war streitbar und jähzornig. Mit seinem Bruder hatte er sich über die Teilung des Erbes entzweit und ihn, obgleich des Bruders Forderungen mäßig waren, mit Versen und Waffen bekämpft. König Heinrich, der Lehnsherr, hatte eingegriffen und dem Bruder zu seinem Recht verholfen. Bertran hatte darauf durch seine Verse den jungen König Heinrich gegen den Vater aufgehetzt, bis dieser junge König vor einem Schloß Bertrans durch einen Bolzen den Tod fand. Auch weiterhin hatte Bertran die Barone des Limousin angespornt, Krieg gegen ihren König zu führen, den alten Heinrich, und Krieg auch untereinander; seine Hand war gegen alle, die Hand aller gegen ihn. Schließlich hatte der junge Richard die Schlösser Bertrans niedergebrannt und ihn gefangengenommen. Bald aber hatten sie sich wieder ausgesöhnt, und jetzt war Bertran im Begriff, nach Sizilien zu fahren und sich dem Kreuzheer Richards anzuschließen.