Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Natürlich«, sagte ich. »Warum gab es keine Auswirkungen?«
Sie sprang vom Bett herunter und ging zum Nachttisch. »Weil es insgesamt einundachtzig Flugzeuge waren, und neunundzwanzig von ihnen warfen Bomben ab«, entgegnete sie und schenkte sich die Tasse voll. »Ein einziger Pilot fällt da nicht ins Gewicht, vor allem, weil es nicht das Ausmaß der Zerstörung war, das Hitler zum Gegenschlag veranlaßte, sondern die Tatsache, daß überhaupt Bomben auf Deutschland gefallen waren. Außerdem hat es hinterher noch drei weitere Luftangriffe gegeben.« Sie trug Tasse und Unterteller zum Bett und setzte sich wieder.
Ich hatte vergessen, daß es insgesamt vier Angriffe gewesen waren, also eine Überzahl bedeutete.
»Und das ist noch nicht alles.« Verity nippte an der Schokolade. »Laut Dunworthy deutet alles darauf hin, daß Göring sowieso schon beschlossen hatte, London zu bombardieren, und der Luftangriff auf Berlin ihm nur einen wohlfeilen Grund dafür lieferte. Dunworthy meint, wir sollten uns nicht sorgen. Nach seiner Meinung kann sich der Verlauf des Krieges durch Terences fehlenden Enkelsohn nicht verändert haben, aber…«
Oh, ich hatte geahnt, daß es ein Aber gab.
»…es gibt einen Krisenpunkt, der mit der Bombardierung verknüpft ist, über den wir Bescheid wissen sollten. Es ist der vierundzwanzigste August, die Nacht, in der die beiden deutschen Flugzeuge versehentlich London bombardierten.«
Ich wußte, wovon sie sprach. Es handelte sich dabei um eine von Professor Peddicks individuellen Handlungen. Um Zufall und Schicksal. Die beiden Flugzeuge waren Teil eines größeren Geschwaders gewesen, das eine Flugzeugfabrik bei Rochester und die Öltanks im Themsehafen angegriffen hatte. Die Flugzeuge an der Spitze waren mit Suchscheinwerfern ausgerüstet gewesen, aber die übrigen nicht, und so kamen zwei von ihnen vom Geschwader ab, gerieten in Flakfeuer, entschieden sich, ihre Bombenlast abzuwerfen und schleunigst nach Hause zurückzukehren. Unglücklicherweise befanden sie sich in diesem Moment direkt über London, und ihre Bomben zerstörten die St. Giles Kirche sowie Cripplegate und töteten eine Anzahl Menschen.
Als Rache hatte Churchill den Luftangriff auf Berlin befohlen, und als Rache dafür Hitler die Bombardierung von London. Wie du mir, so ich dir.
»Dunworthy und T. J. konnten keine Verbindung zwischen Terences Enkel und den beiden deutschen Jägern finden«, fuhr Verity fort und trank einen weiteren Schluck Schokolade, »aber sie überprüfen es noch weiter. Außerdem besteht die Möglichkeit, wo er doch Pilot war, daß er eine andere geschichtliche Schlüsselfunktion hatte — vielleicht ein deutsches Flugzeug abschoß oder ähnliches. Sie gehen auch dieser Sache nach.«
»Und was sollen wir in der Zwischenzeit tun?«
»Schadensbegrenzung. Wenn möglich, sollen wir Terence nach Oxford zurückschaffen, damit er dort Maud treffen kann. Ich möchte also, daß Sie morgen früh mit Professor Peddick sprechen und ihn davon überzeugen, daß er unbedingt nach Oxford zurückkehren muß, um seine Schwester und seine Nichte zu treffen. Ich kümmere mich um Terence und versuche noch mal, das Tagebuch in die Hände zu bekommen.«
»Halten Sie das für eine gute Idee?« fragte ich. »Es ist schließlich ein chaotisches System. Das heißt, Ursache und Wirkung sind nicht linear verknüpft. Vielleicht verschlimmern wir alles nur, wenn wir versuchen, die Dinge auf die richtige Reihe zu bringen. Denken Sie an die Titanic.Hätten sie nicht versucht, dem Eisberg auszuweichen, wären sie…«
»… frontal mit ihm zusammengestoßen«, vollendete Verity.
»Ja. Und das Schiff wäre zwar beschädigt worden, aber nicht gesunken. Der Versuch, auszuweichen, führte dazu, daß der Eisberg seitlich die Unterwasserschotts aufschlitzte und die Titanic wie ein Stein unterging.«
»Meinen Sie also, wir sollten es zulassen, daß Tossie und Terence sich verloben?« fragte Verity.
»Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir aber aufhören, sie voneinander separieren zu wollen. Terence wird schließlich merken, welch Geistes Kind Tossie wirklich ist und wieder zu Verstand kommen.«
»Möglich«, sagte Verity, nachdenklich Gebäck kauend. »Andererseits — wären auf der Titanic von Anfang an genügend Rettungsboote gewesen, hätte niemand ertrinken müssen.«
Sie trank den letzten Rest Schokolade aus und brachte Tasse und Unterteller wieder zum Nachttisch.
»Und der Schlupfverlust von 2018? Hat man herausgefunden, woher der kam?« fragte ich.
Verity schüttelte den Kopf. »Mrs. Bittner konnte sich an nichts erinnern. 2018 begann Fujisaki mit seiner Forschung über Inkonsequenzen, und man veränderte das Netz dahingehend, daß es sich automatisch schloß, wenn der Verlust zu groß wurde, aber das war im September 2018. Der Schlupfverlust trat bereits im April auf.«
Sie öffnete die Tür und lugte auf den Korridor. »Vielleicht taucht morgen früh Mr. C auf, um bei den Vorbereitungen fürs Fest zu helfen, und wir brauchen uns über nichts mehr zu sorgen«, flüsterte sie.
»Oder wir rammen einen Eisberg«, flüsterte ich zurück.
Kaum hatte Verity die Tür hinter sich geschlossen, fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, sie nach Finch zu fragen.
Ich wartete fünf Minuten, um sicherzugehen, daß Verity wohlbehalten in ihrem Zimmer angelangt war, zog dann meinen Morgenmantel an und schlich auf Zehenspitzen den Flur hinunter, wobei ich vorsichtig den in der Dunkelheit lauernden Hindernissen auswich; der Laokoon-Gruppe, deren Lage ich nachfühlen konnte, dem Farn, der Büste von Darwin und dem Schirmständer.
Leise klopfte ich an Veritys Tür.
Sie öffnete sofort. »Sie sollen doch nicht klopfen«, flüsterte sie aufgebracht und spähte ängstlich den Flur hinunter zu Mrs. Merings Zimmer.
»Entschuldigung«, sagte ich und schlüpfte ins Zimmer. Verity schloß die Tür, die ein leises Klick von sich gab. »Was wollen Sie?« flüsterte sie.
»Ich vergaß zu fragen, ob Sie herausgefunden haben, was Finch hier macht«, flüsterte ich zurück.
»Dunworthy weigerte sich, es mir zu sagen«, erwiderte Verity mit sorgenvoller Miene. »Er sagte mir das gleiche, was Finch auch Ihnen sagte: daß es sich um ein verwandtes Projekt handele. Ich glaube eher, er wurde geschickt, um Prinzessin Arjumand zu ersäufen.«
»Wie?« Ich vergaß, daß ich flüstern sollte. »Finch? Sie scherzen.«
Verity schüttelte den Kopf. »Die Gerichtsmedizinerin entzifferte inzwischen einen Hinweis auf die Katze. ›… die arme ertrunkene Prinzessin Arjumand‹, heißt es da.«
»Woher will man wissen, daß das nicht geschrieben wurde, während sie nach der Katze suchten? Und warum gerade Finch? Er könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.«
»Keine Ahnung. Vielleicht befürchteten sie, wir würden diesen Auftrag nicht ausführen, und vielleicht war Finch der einzige, der im Moment verfügbar war.«
Das klang einleuchtend, wenn man Lady Schrapnells Hang berücksichtigte, jedermann zu rekrutieren, der gerade nicht beschäftigt war. »Aber Finch!« Ich war nicht ganz überzeugt. »Und selbst wenn das stimmen sollte, warum hat man ihn dann zu Mrs. Chattisbourne geschickt und nicht hierher?«