Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
Eglantine ging zum Schemel hinüber, hob die Katze hoch und ließ sie auf meinen Schoß plumpsen. »Das ist unsere Katze, Miss Marmelade.«
»Mrs. Marmelade, Eglantine«, tadelte Mrs. Chattisbourne, und ich fragte mich, ob Katzen genau wie Köchinnen Ehrenwürden zugestanden wurden.
»Und wie geht’s Ihnen, Mrs. Marmelade?« fragte ich und kraulte die Katze unterm Kinn (Kichern).
»Was trägst du beim Fest, Tossie?« fragte Iris.
»Das neue Kleid, das Papa für mich in London hat anfertigen lassen.«
»Oh, wie sieht es aus?«
»Ich habe es in meinem Tagebuch beschrieben«, sagte Tossie.
Damit ein paar geplagte Schriftexperten wochenlang daran herumrätseln dürfen, dachte ich.
»Finch«, sagte Tossie, »geben Sie mir den Korb«, und langte, nachdem Finch dem Wunsch nachgekommen war, unter das bestickte Tuch, um ein in Korduanleder[55] gebundenes Buch herauszuholen, das ein goldenes Schloß hatte.
Soviel also zu Veritys Hoffnung, das Buch lesen zu können, während wir weg waren! Ich überlegte, ob ich es vielleicht auf dem Heimweg aus dem Korb entwenden konnte.
Tossie löste ein schmales Goldkettchen, an dem ein winziger Schlüssel baumelte, von ihrem Handgelenk und schloß das Tagebuch auf. Dann nestelte sie die Kette wieder sorgsam zu.
Vielleicht konnte ich Finch bitten, das Buch für mich zu stehlen. Vielleicht hatte er auch schon selbst daran gedacht, wo doch Mrs. Chattisbourne meinte, er könne Gedanken lesen.
»Weiße resedafarbene Organza«, las Tossie. »Mit einem Unterkleid aus lila Seide. Das Oberteil hat ein Spitzenlätzchen, besetzt mit gerüschter Stickereiborte aus eingefärbter Seide in zartesten Schattierungen von Heliotrop, Flieder und Immergrün, mit Einsätzen in Form von Veilchen und Vergißmeinnicht…«
Die Beschreibung des Kleides war noch länger als Elliot Chattisbournes Brief. Ich ging dazu über, Mrs. Marmelade ausgiebig streicheln.
Sie war nicht nur enorm groß, sondern auch extrem fett. Ihr Bauch war riesig und fühlte sich seltsam klumpig an. Ich hoffte, daß sie nicht krank war. Hatte es vielleicht im victorianischen Zeitalter bereits eine frühe Form der Staupe gegeben, die Anfang des 21. Jahrhunderts alle Katzen ausrottete?
»… und eine plissierte rosa Schärpe mit einer Rosette an der Seite«, las Tossie. »Der Rock ist seitwärts gerafft und mit einer Borte der gleichen Blumen bestickt. Die Ärmel sind angekraust und haben an Ellbogen und Schultern Rüschen. Veilchenblaue Bänder…«
Ich befühlte vorsichtig Mrs. Marmelades Unterseite, während ich sie kraulte. Mehrere Tumore. Falls es dieser Leptovirus war, mußte es jedoch ein frühes Stadium sein. Mrs. Marmelades Fell war weich und glänzend, und sie schien sich äußerst behaglich zu fühlen. Sie schnurrte unentwegt und grub ihre Krallen selig in mein Hosenbein.
Offenbar litt ich immer noch an dem Symptom Verzögertes Denken. Sie scheint überhaupt nicht krank zu sein, überlegte ich, obwohl sie aussieht, als würde sie umgehend explodieren…
»Großer Gott«, sagte ich. »Diese Katze ist ja schwan…« Ein scharfer Gegenstand traf mich im Genick. Ich verschluckte den Rest des Satzes.
Hinter mir sagte Finch: »Entschuldigen Sie, Madam, da ist ein Gentleman, der Mr. Henry sprechen möchte.«
»Mich? Aber wie…?« Wieder traf mich etwas im Genick.
»Entschuldigen Sie mich bitte, meine Damen.« Ich erhob mich mit einer Art Verbeugung und folgte Finch zur Tür.
»Mr. Henry hat zwei Jahre in Amerika gelebt«, sagte Tossie, gerade als ich das Zimmer verließ.
»Aha«, sagte Mrs. Chattisbourne.
Finch führte mich den Korridor hinunter zur Bibliothek. Dort zog er die Tür hinter uns zu.
»Ich weiß, ich soll nicht in der Gegenwart von Damen fluchen«, sagte ich und rieb mir das Genick. »Deshalb müssen Sie mich doch nicht schlagen.«
»Ich habe Sie nicht wegen des Fluchens geschlagen, Sir«, sagte Finch, »obwohl Sie damit recht haben. Sie hätten es in guter Gesellschaft nicht tun dürfen.«
»Was haben Sie dazu benutzt?« Ich befühlte vorsichtig meinen Nacken. »Einen Totschläger?«
»Einen Präsentierteller, Sir«, erwiderte Finch und zog ein mörderisch aussehendes Silbertablett aus seiner Tasche. »Ich hatte keine andere Wahl, Sir. Ich mußte Sie zurückhalten.«
»Wovor?« fragte ich. »Und was machen Sie hier überhaupt hier?«
»Dunworthy hat mich geschickt.«
»Weshalb? Um Verity und mir zu helfen?«
»Nein, Sir«, sagte Finch.
»Und warum sonst?«
Sein Blick wich mir aus. »Das ist mir nicht erlaubt zu sagen, Sir, außer daß ich hier mit einem…« — er suchte nach dem richtigen Wort, »hier mit einem verwandten Projekt zu tun habe. Ich bin auf einer anderen Zeitschiene als Sie und habe deshalb Zugang zu Informationen, die Sie bis jetzt noch nicht entdeckt haben. Wenn ich sie Ihnen sagen würde, könnte das mit Ihrem Auftrag kollidieren, Sir.«
»Und mich ins Genick zu schlagen nicht?« fragte ich. »Ich glaube, Sie haben mir einen Wirbel gebrochen.«
»Ich mußte Sie davon abhalten, Sir, weiter über den Zustand der Katze zu referieren«, sagte Finch. »Im victorianischen Zeitalter ist es absolut tabu, in einer gemischten Gesellschaft über Sex zu sprechen. Es ist nicht Ihre Schuld, daß Sie das nicht wissen. Sie wurden nicht richtig vorbereitet. Ich sagte Dunworthy, daß es keine gute Idee ist, Sie in Ihrem Zustand und ohne Training loszuschicken, aber er war geradezu darauf versessen, daß Sie derjenige sein sollten, der Prinzessin Arjumand zurückbringt.«
»Wirklich?« Ich war erstaunt. »Und weshalb?«
»Das darf ich nicht sagen, Sir.«
»Außerdem wollte ich überhaupt nichts über Sex sagen«, wandte ich ein. »Ich wollte bloß sagen, daß die Katze schwan…«
»Oder irgend etwas, das aus einer sexuellen Handlung resultiert oder damit in irgendeiner Form verknüpft ist.« Er senkte die Stimme und beugte sich zu mir vor. »Mädchen werden von diesen Tatsachen des Lebens vollständig ferngehalten, bis zu ihrer Hochzeitsnacht, wo einige von ihnen, wie ich befürchte, einen beträchtlichen Schock erleiden. Der Körper von Frauen oder ihre Figuren werden niemals erwähnt, und ihre Beine werden als ›Gliedmaßen‹ bezeichnet.«
»Also, was soll ich dann sagen? Die Katze ist in guter Hoffnung? In anderen Umständen?«
»Sie sollen das Thema überhaupt nicht anschneiden. Schwangerschaften werden geflissentlich übersehen, bei Menschen und bei Tieren. Sie hätten es überhaupt nicht erwähnen dürfen.«
»Und wenn sie geboren sind und ein halbes Dutzend Kätzchen überall im Haus herumwuselt? Soll ich das dann auch ignorieren? Oder so tun, als wären sie vom Himmel gefallen?«
Finch schaute unbehaglich. »Es gibt noch einen weiteren Grund, Sir«, sagte er geheimnisvoll. »Wir wollen nicht mehr Aufmerksamkeit auf uns lenken als unbedingt nötig. Wir wollen nicht noch eine Inkonsequenz verursachen.«
»Inkonsequenz? Wovon reden Sie?«
»Ich darf darüber nichts sagen. Wenn Sie in den Salon zurückkehren, würde ich mich an Ihrer Stelle jeglicher Äußerung über die Katze enthalten.«
Er hörte sich wirklich wie Jeeves an. »Sind Sie vielleicht gut vorbereitet«, sagte ich bewundernd. »Wann hatten Sie Zeit, so viel über das victorianische Zeitalter zu lernen?«
»Das darf ich nicht sagen«, entgegnete Finch mit erfreutem Gesichtsausdruck. »Aber ich darf wohl sagen, daß ich mich fühle, als wäre das hier genau der Job, zu dem ich geboren bin.«
»Nun, wenn Sie so gut darin sind, dann sagen Sie mir doch, was ich sagen soll, wenn ich wieder ins Zimmer komme. Mit wem soll ich gesprochen haben? Ich kenne hier niemanden weit und breit.«
55
Nach der spanischen Stadt Córdoba, die u. a. für die Herstellung eines weichen, saffianähnlichen Leders berühmt war. — Anm. d. Ü.