Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Fertig?« rief Tossie.
»Gleich! Hier ist die Spielfeldbegrenzung.« Sie zeigte mit ihrem Schläger darauf. »Norden, Süden, Osten und Westen. Hier ist die Mittellinie und dort die Außenlinie. Verstanden?«
»Absolut«, sagte ich. »Welche Farbe habe ich?«
»Rot. Sie beginnen an der Außenlinie.«
»Fertig?« rief Tossie. Verity nickte.
»Ich fange an.« Tossie beugte sich graziös nieder und legte ihren Ball ins Gras.
Konnte so etwas wirklich schwierig sein? Ich überlegte und beobachtete, wie Tossie ihren Schlag abmaß. Ein ehrenhaftes victorianisches Spiel, gespielt von Kindern und jungen Frauen in langen, schleppenden Kleidern auf saftig grünem Rasen. Ein zivilisiertes Spiel.
Tossie drehte sich um, lächelte Terence geziert an und schüttelte ihren Lockenkopf. »Ich hoffe, mir gelingt ein guter Schlag«, sagte sie und drosch den Ball mit solcher Wucht fort, daß er durch die ersten zwei Tore und über die Hälfte des Rasens schoß.
Sie lächelte, als sei sie selbst überrascht und fragte: »Habe ich noch einen Versuch?« Wieder drosch sie auf den Ball ein. Diesmal traf er beinahe Cyril, der sich im Schatten zu einem Schläfchen niedergelassen hatte.
»Bande«, sagte Tossie. »Der Ball hat seine Nase berührt.«
»Cyril besitzt keine Nase«, erwiderte Verity und legte ihren Ball eine Schlägerbreite hinter das erste Tor. »Ich komme dran.«
Sie drosch den Ball nicht so fest wie Tossie, aber ein Streicheln war es auch ebensowenig. Er schoß durch das erste Tor, und der nächste Versuch brachte ihn in nächste Nähe zu Tossies Ball.
»Sie sind dran, Mr. St. Trewes«, sagte Tossie und stellte sich so, daß ihr langer Rock ihren Ball bedeckte. Nachdem Terence geschlagen hatte, ging sie zu ihm hinüber, und ihr Ball lag nun ein ganzes Stück von Verity entfernt.
Ich ging zu Verity. »Sie schummelt«, sagte ich.
Verity nickte. »Ich konnte Tossies Tagebuch nicht finden.«
»Ich weiß. Sie hatte es dabei. Sie las den Chattisbournes die Beschreibung des Kleides vor.«
»Sie sind dran, Mr. Henry«, rief Tossie und lehnte sich auf ihren Schläger.
Verity hatte nichts über den richtigen Griff gesagt, und ich hatte den anderen nicht genau zugesehen. Ich legte meinen Ball neben das Tor und packte den Schläger wie ein Cricketholz.
»Fehler!« rief Tossie. »Mr. Henrys Ball liegt zu nahe am Tor. Sie haben einen Versuch verloren, Mr. Henry.«
»Nein«, sagte Verity. »Legen Sie Ihren Ball eine Schlägerweite entfernt vom Tor hin.«
Ich tat, wie geheißen und schlug dann den Ball mehr oder weniger in die gewünschte Richtung, wenn auch nicht durchs Tor.
»Jetzt komme ich«, sagte Tossie. Diesmal fegte sie Veritys Ball vom Spielfeld in die Hecke. »Entschuldigung«, zirpte sie betreten und tat das gleiche mit Terences Ball.
»Sagten Sie nicht, das wäre ein zivilisiertes Spiel?« Ich kroch unter die Hecke, um Veritys Ball hervorzuholen.
»Ich sagte, ›einfach‹.«
Ich hob den Ball auf.
»Tun Sie so, als suchten Sie noch«, flüsterte Verity. »Nachdem ich Tossies Zimmer durchsucht hatte, sprang ich nach Oxford.«
»Haben Sie etwas über Ihren Schlupfverlust herausgefunden?« Ich bog die Zweige auseinander.
»Nein«, sagte sie ernst. »Miss Warder war zu beschäftigt.«
Ich wolle gerade sagen, daß Miss Warder immer das Gefühl hatte, zu beschäftigt zu sein, als Verity hinzufügte: »Dieser neue Rekrut — ich weiß nicht, wie er heißt — der mit Ihnen und Carruthers zusammengearbeitet hat, steckt in der Vergangenheit fest.«
»Im Gemüsekürbisfeld?« Ich dachte an die Hunde.
»Nein, in Coventry. Er sollte zurückkommen, nachdem er den Schutt durchsucht hatte, aber er kam nicht.«
»Vielleicht konnte er das Netz nicht finden«, erwiderte ich und dachte daran, wie er mit der Taschenlampe herumgefummelt hatte.
»Das meint Carruthers auch, aber Dunworthy und T. J. befürchten, daß es mit der Inkonsequenz zu tun hat. Sie haben Carruthers auf die Suche nach ihm geschickt.«
»Du bist dran, Verity«, sagte Tossie ungeduldig. Sie kam zu uns herüber. »Haben Sie den Ball noch nicht gefunden?«
»Hier ist er«, rief ich und tauchte aus der Hecke auf, den Ball hochhaltend.
»Er traf dort auf«, sagte Tossie und zeigte mit ihrem Fuß auf eine Stelle, die ein gutes Stück weiter von der entfernt war, wohin sie ihn tatsächlich geschlagen hatte.
»Man meint, man spiele mit der Herzkönigin«, sagte ich und gab Verity den Ball.
Mein Bemühen während der nächsten drei Versuche bestand darin, meinen Ball auf Veritys Spielhälfte zu bekommen, ein Bemühen, das von »Ab-mit-dem-Kopf«-Tossie[57] mehrmals vereitelt wurde.
»Ich hab’s«, sagte ich und humpelte nach einem von Tossies Schlägen, mit dem sie Terences Ball direkt gegen mein Schienbein gedonnert hatte, zu Verity hinüber. Zu dieser Zeit hatte sich Cyril bereits erhoben und war zum entferntesten Ende des Rasens gewandert. »Mr. C ist der Doktor, der gerufen wird, um Tossies Crocketopfer zu verarzten. Was haben Sie sonst noch herausgefunden?«
Verity maß ihren nächsten Schlag sorgfältig ab. »Ich fand heraus, wen Terence heiratete.«
»Bitte, sagen Sie nicht Tossie«, flehte ich und rieb mir, auf dem gesunden Bein balancierend, mein Schienbein.
»Nein«, entgegnete sie und schoß den Ball millimetergenau durchs nächste Tor. »Nicht Tossie. Maud Peddick.«
»Das ist doch prima, oder?« sagte ich. »Das heißt, ich habe es doch nicht ganz vermasselt.«
Sie zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus ihrer Schärpe und reichte es mir heimlich.
»Was ist das?« Ich steckte das Papier in meine Brusttasche. »Ein Auszug aus Mauds Tagebuch?«
»Nein. Wahrscheinlich ist Maud die einzige Frau des victorianischen Zeitalters, die kein Tagebuch führte. Es ist ein Brief, den Maud St. Trewes an ihre jüngere Schwester schrieb.«
»Ihr Ball, Mr. Henry«, rief Tossie.
»Der zweite Absatz«, sagte Verity.
Ich versetzte dem Ball einen heftigen Schlag, der ihn hinter Terences Ball und in den Flieder hineinbeförderte.
»So ein Pech«, sagte Terence.
»Ja.« Ich nickte und kroch zwischen die Fliedersträucher.
»Leb wohl, lieber Freund«, rief Terence fröhlich und schwenkte den Schläger. »›Leb wohl! Was wir auch hoffen, glauben, versprechen — Verzweiflung atmet jenes schicksalhafte Wort‹.«[58]
Ich fand den Ball, hob und ihn auf, kroch tiefer in den Flieder, wo er am dichtesten war, und faltete den Brief auseinander. Er war in einer zierlichen, filigranen Handschrift verfaßt. »Liebste Isabel«, las ich. »Ich freue mich so über Deine Verlobung. Robert ist ein so netter junger Mann, und ich hoffe sehr, daß Ihr beide genauso glücklich werdet wie Terence und ich es sind. Mach Dir keine Sorgen darüber, daß Du ihn vor der Tür zum Eisenwarenhändler kennengelernt hast — ein wahrhaft unromantischer Ort. Gräm Dich deshalb nicht. Mein lieber Terence und ich haben uns zum ersten Mal auf einem Bahnsteig gesehen, am Bahnhof von Oxford, wo ich mit Tante Amelia stand…«
Ich starrte auf den Brief. Der Bahnsteig in Oxford.
57
Bezieht sich auf die Herzkönigin aus Alice im Wunderland. Ihr Lieblingsspruch lautet: »Ab mit dem Kopf!« — Anm. d. Ü.
58
Aus: George Gordon Byron, Der Korsar. — Anm. d. Ü.