Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
»Jolanda? Die ist derzeit droben in den Habitats. Aber sie müsste in ein paar Tagen wieder zurück sein. Sie ist mit Enron hingeflogen.«
»Mit dem Israeli? Ich dachte, der ist zurück in Tel Aviv.«
»Der hat sich entschlossen, noch in San Francisco zu bleiben. Bezirzt von Jolandas üppiger Ausrüstung, nehme ich an. Und dann flogen sie plötzlich zusammen zu den Satelliten rauf. Frag nicht weiter, ich weiß nicht mehr. Wo treffen wir uns heute Abend?«
»Dieses Restaurant von damals, am Kay in Berkeley?«
»Antonio's, meinst du? Gern. Welche Zeit?«
»Jederzeit. Je früher, desto besser. Ich muss dir gestehen, Nick, ich fühl mich ziemlich elend. Besonders bei dem Regen. Ich könnte einen guten Freund vertragen.«
»Wie wär's mit jetzt gleich?«, fragte Rhodes. »Ich bin sowieso für heute fast fertig. Und ich könnte ebenfalls einen guten Freund vertragen, wenn ich die Wahrheit sagen soll.«
»Stimmt was nicht?«
»Ich weiß nicht genau. Eine Komplikation, immerhin.«
»Mit Isabelle?«
»Nein, Frauen haben gar nichts damit zu tun. Ich werd's dir erklären, wenn wir uns treffen.«
»Isabelle kommt heute also nicht mit?«
»Himmel, nein«, sagte Rhodes. »Also, in 'ner halben Stunde im Antonio's. Okay? Freu mich, dich zu sehen. Willkommen daheim, du alter Seehund!«
»Ja«, sagte Carpenter. »Der Seemann ist im Hafen. So oder so.«
Der Regen prasselte auf die Perspexkuppeln des Hafenrestaurants wie von einem zornigen Riesen geschleuderte Kieselsteine. Die Bucht war fast nicht sichtbar, verschwamm im grauen Zwielicht und dem heftig wirbelnden Wassersturm. Die beiden waren praktisch allein in dem Lokal.
Nick Rhodes wirkte wie betäubt von Carpenters Bericht über die Ereignisse auf See. Er hörte sich die ganze Sache in einer dumpfen Ungläubigkeit an, sprach kaum ein Wort, sondern starrte Carpenter nur die ganze Zeit an und unterbrach seine starre Konzentriertheit nur, um ab und zu sein Glas an die Lippen zu heben. Als Carpenter geendet hatte, begann er Fragen zu stellen, zunächst fernerliegende, dann ging er direkter die Frage an, ob es an Bord wirklich keinen Platz für die zerstrittenen Parteien der Captains Kovalcik und Kohlberg gegeben habe, so dass Carpenter schließlich die ganze Geschichte stückweise noch einmal erzählen musste.
Und je öfter er die Geschichte wiederholte, desto schwerer fiel es ihm selbst, seine Version der Ereignisse zu akzeptieren. Allmählich schien ihm, als hätte es doch keine ernsthaften Schwierigkeiten bedeutet, wenn er die Schiffbrüchigen an Bord genommen hätte. Er hätte fünf da, sechs dort verstauen können, in Kammern und Toiletten und jedem anderen freien Ort, er hätte die Screenrationen reduzieren können, so dass es für alle reichte …
Oder er hätte sie vielleicht wenigstens in ihren drei Dinghis bis nach San Francisco ins Schlepptau nehmen sollen …
Aber nein. Nein.
»Es war nicht machbar, Nick. Du musst es mir einfach auf Wort glauben. Das waren fünfzehn oder zwanzig Leute, und wir hatten nicht mal genug Platz für uns fünf Leute an Bord. Von den Verpflegungs- und Screenvorräten ganz abgesehen. Jesus Christus, glaubst du etwa, ich wollte diese Menschen mitten im Pazifik im Stich lassen? Glaubst du nicht, dass mir die Entscheidung verdammt schwer gefallen ist?«
Rhodes nickte. Dann schaute er Carpenter seltsam an und fragte: »Hast du irgendwem gemeldet, dass du einem Schiff in Seenot begegnet bist?«
»Das war nicht nötig«, sagte Carpenter dumpf. »Die hatten selber Funkverbindung.«
»Du hast also mit keinem Wort das Seefahrtsamt informiert? Du hast einfach kehrtgemacht und sie dort gelassen?«
»Ja, ich hab einfach kehrtgemacht und sie dort sitzen lassen.«
»Jesus, Paul«, sagte Rhodes leise. Er gab das Zeichen für eine weitere Runde. »Mann, das war wirklich gar keine gute Idee, fürchte ich.«
»Nein. Das war es nicht. Wie wenn man sich bei einem Unfall schleunigst verdrückt, was?« Es fiel ihm schwer, Nicks Blick standzuhalten. »Aber du warst nicht dabei, Nick. Du weißt nicht, unter welcher Belastung ich stand. Unser Schiff war winzig. Ich hatte diesen Eisberg im Schlepp und wollte weg, bevor er schmolz. Die Besatzung auf dem Kalmarschiff war sich seit Wochen an die Gurgeln gegangen, und sie wirkten absolut verrückt und gefährlich. Außerdem waren es Leute von Kyocera, nicht dass das meine Entscheidung mitbestimmt hätte, aber ich wusste es eben. Es war schlichtweg unmöglich, sie zu uns an Bord zu nehmen. Also bin ich schleunigst abgezogen. Ich erwarte nicht, dass man mich dafür belobigt, aber ich habe es nun mal getan. Und was die Sendung eines Notrufs für sie angeht, ich dachte mir, dass die selbst schon ihr SOS losgeschickt haben und ich das nicht noch einmal zu tun brauchte. Und was einen offiziellen Eintrag ins Logbuch angeht, das habe ich nicht getan, weil … weil …«
Er suchte einen Moment lang nach Worten, fand aber keine passenden.
Dann plötzlich sagte er direkt in die fest auf ihn gerichteten Augen von Rhodes hinein: »Ich nehme an, ich dachte mir, es würde ein schlechtes Licht auf mich werfen, wenn ich berichten würde, dass ich einem Schiff in Seenot begegnet bin und nichts zu seiner Hilfe unternommen habe. Also versuchte ich eben, das Ganze unter den Teppich zu kehren. Jesus, Nick, es war mein erstes Kommando!«
»Und du hast deiner Besatzung befohlen, nichts darüber zu sagen.«
»Ja. Aber sie haben trotzdem geredet.«
»Die Überlebenden von dem anderen Schiff haben dich wahrscheinlich ebenfalls angezeigt, ja?«
»Welche Überlebenden? Es kann keine gegeben haben.«
»Oh, Paul … Paul!«
»Es war mein erstes Kommando, Nick. Ich hab nie darum gebeten, ein beschissener Seekapitän zu werden.«
»Aber du hast dich trotzdem von ihnen dazu machen lassen.«
»Stimmt. Das habe ich. Und damit habe ich zum ersten Mal in meinem Leben was richtig beschissen Blödes angestellt und … ja, es tut mir leid! Aber ich wusste mir nicht anders zu helfen, Nick. Verstehst du das nicht?«
»Trink noch was.«
»Das wird mir auch nicht helfen.«
»Mir hilft es gewöhnlich schon ein bisschen. Vielleicht wirkt's ja auch bei dir.« Rhodes lächelte. »Ich denke, am Ende wird es für dich gut ausgehen, Paul. Das Hearing und alles.«
»Glaubst du?«
»Die Firma wird dich decken. Wie du sagst, es gab keine Möglichkeit, diese Leute an Bord zu nehmen. Dein einziger Fehler war, dass du den Zwischenfall nicht ordnungsgemäß gemeldet hast, und das wird dich möglicherweise in der Beförderung ein bisschen zurückwerfen, aber Samurai wird nicht wollen, dass es publik wird, dass eins ihrer Schiffe Leute in Seenot im Stich gelassen und dem Tod preisgegeben hat – das macht sich nicht gut, auch wenn es gerechtfertigt war – und die von der Firma werden sich irgendwie mit dem Gericht arrangieren, damit die Anschuldigungen niedergeschlagen werden, und so die ganze Geschichte aus dem Blickfeld verschwindet. Und dich werden sie still und leise zum Wetterdienst zurückversetzen, oder sonst wohin. Schließlich, wenn man dich den Wölfen vorwerfen würde, würde das diese Kyocera-Crew auch nicht wieder lebendig machen, und jede Art Schuldspruch würde veröffentlicht, und das würde dem Samurai-Image nicht besonders förderlich sein. Sie werden die ganze Sache begraben und so tun, als ob sich da draußen zwischen deinem und dem Kyocera-Schiff nie etwas abgespielt hätte. Ich bin ganz sicher, Paul.«
»Vielleicht hast du ja recht.« Carpenter hörte eine seltsame Mischung aus Skepsis und verzweifelter Hoffnung in seiner eigenen Stimme.
Bis zu diesem Punkt hatte er alles, was passiert war, auch das 442-Hearing, als relativ unbedeutend angesehen, als harte Prüfung, der er, so gut er konnte, sich gestellt hatte, betrachtete man alle Umstände, die jedoch jetzt – dank der eingefleischten Klassenressentiments von Hitchcock und den anderen – ihn in ein Disziplinarverfahren verstrickt hatte, das ihm im schlimmsten Fall einen Negativpunkt in der Personalakte eintragen würde. Aber im Verlauf der halben Stunde, die er jetzt mit seinem ältesten und engsten Freund gesprochen hatte, war ihm auf einmal alles irgendwie viel schlimmer und übler erschienen, wie das Handeln eines Menschen, der in krimineller Weise vor Panik den Kopf verloren und in der einzigen wirklich kritischen Entscheidung seines Lebens versagt hat. Er fühlte sich allmählich so, als hätte er die Leute in den drei Dinghis mit eigenen Händen ermordet.