Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
»Du verdammter hinterhältiger Bastard«, sagte Carpenter. »Du hast ebenso wie ich gewusst, dass wir an Bord keinen Platz für diese Leute hatten!«
»Yessir.« Hitchcock sprach, als wäre er mehrere Milchstraßen weit weg. »Das ist mir bewusst, Sir. Trotzdem, es kam zu einer Regelwidrigkeit, und es oblag uns, das zu melden.«
Regelwidrigkeit! Verstoß! Oblag uns! Hitchcock redete auf einmal wie ein Schulmeister. Aus Carpenters Kehle stieg ein dunkler unartikulierter Laut. Am liebsten hätte er Hitchcock über Bord geschleudert. Aber Rennie und Nakata waren, ungeachtet des heftigeren Regens, aufgetaucht und beobachteten sie aus einiger Entfernung. Carpenter fragte sich, welcher Paragraph die Regelwidrigkeit bezeichnete, wenn ein Kapitän seinen Navigationsoffizier vor Zeugen in die Bucht von San Francisco werfen sollte.
Er begriff nun, dass es verrückt gewesen war, ihnen zu befehlen, sie sollten ›vergessen‹, dass sie die Leute von der Calamari Maru im Stich gelassen hatten. Sie gehorchten ihm, aber sie waren nicht bereit, es zu vergessen. Und die einzige Möglichkeit für sie, sich der Verantwortung für das zu entziehen, was er dort draußen getan hatte, war eben die Anzeige gegen ihn gewesen.
Carpenter dachte zurück an diesen Moment auf offener See, als sie die drei Dinghis von der kenternden Calamari Maru auf sich zurudern sahen. Seine eigene Ungerührtheit, Hitchcocks ungläubige Verblüffung.
Und während er die Szene jetzt wieder vor sich sah, vermochte er kaum zu glauben, dass er so etwas getan hatte. Er hatte diese Menschen da draußen im Stich gelassen und dem Tod überantwortet, hatte sich abgekehrt und war davongesegelt, und damit hatte es sich. Regelwidrig, ja.
Aber dennoch …
Es gab doch keine andere Wahl, dachte er. Sein Schiff war zu klein. Der Eisberg fing an zu schmelzen. Sie hatten nicht genug Verpflegung für diese ganzen zusätzlichen Leute an Bord gehabt, auch nicht ausreichend Screen, überhaupt keinen Platz für Passagiere, nicht einmal für einen oder zwei …
Das würde er bei dem 442-Hearing alles vorbringen. Es war eine Frage situationsbedingter Ethik, würde er erklären. Diese verdammte beschissene Welt! Das hatte Hitchcock gesagt, als er ihm befahl, die Boote nicht zu beachten. Ja, manchmal zwang dich diese verdammte beschissene Welt dazu, verdammte beschissene Dinge zu tun. Carpenter begriff, dass sein Verhalten als kaltschnäuzig und brutal erschienen war. Aber sie hätten alle draufgehen können, die Retter und die Geretteten. Und er hätte den Verlust seines Eisbergs riskieren müssen, vielleicht sogar sein Schiff, wenn er versucht hätte …
Jetzt schauten sie ihn alle an. Und grinsten.
»Zur Hölle mit euch!«, sagte er. »Ihr habt von gottverflucht nichts 'ne Ahnung.«
Er ging mit finsterem Gesicht an ihnen vorbei und stieg wieder in seine Kabine hinab.
Der Verwaltungsschuppen Vierzehn war ganz und gar kein Schuppen; es war eine Art tubusförmiger Raum, eine längliche enge graue Stahlröhre, die wie auf gut Glück an einer der oberen Etagen des verwickelten Gewebes von Gebäuden und Stegen angebracht war, welche die Betriebszentrale des Hafens von Oakland war.
Und das Hearing war auch kein wirkliches Verhör. Jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn. Denn Carpenters Stimme kam, außer in einigen kurzen Sätzen, überhaupt nicht zu Gehör. Es war eher eine Art formeller Information, dass ein Verfahren gegen ihn eingeleitet sei, ja eine Anklage gegen ihn erhoben. Ein Beamter der Hafenbehörde hatte den Vorsitz, ein gelangweilt wirkendes Teiggesicht namens O'Reilly oder O'Brian oder O'Leary – jedenfalls irgend etwas Irisches, doch Carpenter hörte den Namen nur zu Beginn und vergaß ihn beinahe sofort wieder. Während der ganzen Verhandlung steckte der Mann fast unablässig die Nase in seinen Visor und schaute Carpenter kaum an. Er hatte den Eindruck dabei, dass O'Reilly oder O'Brian gleichzeitig bei zwei oder drei Fällen präsidierte, von mehreren Computer-Outputs Informationen einholte, während er mit halbem Ohr dem Nölen der Anwälte vor sich zuhörte.
Ein Mann im Siebten Rang von Samurai vertrat Carpenter, ein schmaläugiger plattgesichtiger Mann namens Tedesco, an den Wangen und auf der Stirn pockennarbig von einer wahrscheinlich allergischen Reaktion auf Screen. Dass sein Fall von einem Siebten Grad vertreten werden sollte, dass ein Siebener den ganzen Vormittag hier wartete, während Carpenter anlegte und sein Kommando übergab, ließ darauf schließen, dass die Sache ernst war und er möglicherweise in echten Schwierigkeiten steckte. Doch er war zuversichtlich, dass der Untersuchungsausschuss, sobald er erst einmal das Dilemma verstanden hatte, in dem Carpenter gewesen war, zu seinen Gunsten entscheiden werde.
»Sag keinen Ton, ehe du was gefragt wirst!«, befahl Tedesco ihm gleich im ersten Augenblick. »Und wenn du antwortest, dann pass auf, dass es knapp und zur Sache ist, keine Abschweifungen! Sowas hassen die Leute hier.«
»Brauche ich denn einen Anwalt?«, fragte Carpenter.
»Das hier ist keine gerichtliche Verhandlung. Nicht heute. Und wenn es zu einer kommen sollte, wird dir die Firma jeglichen nötigen juristischen Beistand liefern. Vorläufig greifst du nur meine Stichworte auf.«
»Was für Strafen drohen mir hier?«
»Disqualifikation, Entlassung aus dem Seedienst. Du würdest dein Patent verlieren.« Tedescos Stimme war frostig. Seine ganze Person strahlte Angewidertheit über den Fall aus, gegen diesen gemeinen Zwischenfall auf See, gegen die Peinlichkeit, dass eine Schiffsmannschaft Anschuldigungen gegen ihren eigenen Kapitän erhoben hatte, gegen die bedauerliche Notwendigkeit, dass ein Mann seines Ranges seine Zeit hier mit einer dermaßen ekligen Lappalie im Oaklandhafen vergeuden musste.
»Was ist mit meinem Grad in der Firma?«
»Das ist eine firmeninterne Angelegenheit. Hier und jetzt handelt es sich um eine Sache der Hafenbehörden. Eins nach dem andern; aber ich denke, ich muss dir nicht sagen, dass es sich nicht eben günstig auf deine Aufstiegschancen auswirken wird, wenn du hier unter Anklage gestellt bist. Aber das bleibt abzuwarten.«
»442-Sache, Nummer 100-939399«, sagte O'Reilly oder so plötzlich weit oben am anderen Ende der Röhre und schlug mit einem Hammer auf den Tisch. »Paul Carpenter, suspendierter Kapitän, tritt vor zur Verhandlung.«
»Aufstehen«, murmelte Tedesco, doch Carpenter war bereits auf den Füßen.
Es war sehr seltsam, so im Mittelpunkt eines Disziplinarverfahrens zu stehen. Er fühlte sich wie ein Schuljunge, der wegen eines kindischen Vergehens abgekanzelt werden soll. Die Übergabe seines Schiffs an Swenson, den ihn ablösenden Kapitän, war peinlich genug gewesen, besonders da Hitchcock und Rennett ihm von der Kuppel her triumphierend zugrinsten, als er seinen Software-Anschluss übergab; aber das hatte wenigstens eine Spur von Dramatik à la Joseph Conrad gehabt und war so erträglicher, von feierlicher Theatralik. Doch hier in diesem absurden rigatoniähnlichen Raum stehen zu müssen, dem Regen zuzuhören, der auf das metallene Dach prasselte, einem feisten stumpfäugigen Bürokraten gegenüber, der ihn nicht einmal anzusehen schien, der aber dennoch die Macht besaß, seiner Karriere zu schaden, ja sogar ihn vielleicht lahmzulegen – das war entwürdigend, es war lächerlich und grotesk.
Einer der Gerichtsbeamten, eine Frau, die wie ein Android aussah, aber anscheinend doch keiner war, erhob sich und leierte monoton eine lange Litanei von Juristenkauderwelsch herunter. Die Anschuldigungen – regelwidriges Verhalten, Pflichtvernachlässigung, Verstöße gegen Vorschriften soundso und soundso. Die Kläger wurden benannt. Seine eigene Besatzung. Gesabber über die vorläufige Stornierung seines Kapitänspatents während der Untersuchung des Zwischenfalls. Und weiter und weiter, fünf Minuten, zehn, voller dumpfer Fachbegriffe, denen Carpenter schon sehr bald nicht mehr folgen konnte.
»Zu Protokoll genommen«, sagte O'Reilly oder O'Brien. »Zurückgestellt zur Beweisaufnahme.« Ein Schlag mit dem Hämmerchen. »Antrag auf 376.5 notiert und abgelehnt. Antrag auf 793f stattgegeben. Termin der Anhörung festzusetzen und Vorladungen zuzustellen.« Ein Klopfen des Hämmerchens, bäng. Und nochmals bäng. »Vertagt.« Bäng.