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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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— Lass mich in Ruhe, sagte Walter.

Von den vielen Cocktails war ihm übel geworden. Jeremias Lengel räusperte sich umständlich, als sei seine Kehle die Speichelklappe einer Trompete, und sagte:

— Keine wirkliche Freude am Leben.

Walter erwiderte nichts. Konzentriert studierte er das grüne Etikett auf der Flasche. Als er wieder aufblickte, hoffte er, dass der lästige Orgelbaumeister vielleicht schon wieder verschwunden war, aber der Blick, der ihm aus dem lebensgroßen Porträt entgegenstach, zerstörte seine Hoffnung. Es war ein Blick voll köstlicher Schadenfreude.

— Arschloch, sagte Walter.

— Neutrum. Mehrzahl — löcher, sagte Jeremias Lengel.

— Lass. Mich. In Ruhe, sagte Walter, aber seine Stimme war trotz des Nachdrucks, den er ihr verleihen wollte, nur ein ängstliches Quaken.

— Was soll das eigentlich werden, wenn es fertig ist?, fragte Lengel.

Walter stellte sein Glas auf den Fernsehtisch, der so niedrig war, dass vermutlich nur eine Zwergenfamilie darin einen brauchbaren Gegenstand erblicken konnte. Für Normalsterbliche diente der Tisch einzig dazu, sich das Schienbein zu stoßen.

— Scheiße, mir ist schlecht, sagte Walter.

Er legte sich eine Hand auf den Bauch. Die Hand zitterte, als würde ihm jeden Moment sein Magen um die Ohren fliegen.

— Natürlich, sagte Jeremias Lengel ungerührt, du hast Magenbeschwerden. Natürlich, natürlich. Schuld und Magenbeschwerden sind dasselbe. Und du fühlst dich sehr, sehr schuldig. Schau her, diese kleine Melodie beweist es.

Eine simple, leise Orgelmelodie ertönte aus dem Gemälde. Sie bestand im Grunde nur aus den Anfangstakten von Just Can’t Get Enough. Walter deutete auf sein T-Shirt, ah ja, er hatte die Anspielung verstanden. Er hob sarkastisch einen Daumen.

— Super, originell, sagte er.

Ich spreche mit einem Gemälde, dachte er.

— Kein Respekt, kein Respekt, sagte Jeremias Lengel mit einem enttäuschten Kopfschütteln, und die kleine Melodie verstummte.

Walter legte sich auf die Couch. Die Decke im Wohnzimmer war eine völlig andere als die in seinem Zimmer. Viel glatter und freundlicher. In seinem Zimmer war alles verfallen und schmutzig und abweisend. Niemand wollte ihn hier haben. Er war nicht willkommen. Ja, jetzt machte alles Sinn …

— Dreh dich auf den Bauch, dann hört auch die Übelkeit auf. Versuch ein wenig auf dem Bauch zu schlafen.

Walter drehte sich langsam um. Ihm war schwindlig und er wollte seine Ruhe haben. Niemand wollte ihn hier sehen. Dabei ging es ihm nicht gut. Wirklich nicht gut … Er lag eine Weile auf dem Bauch und glaubte irgendwo weit entfernt eine Uhr ticken zu hören, dann wurde ihm von einer Sekunde auf die nächste speiübel, er schaffte es nicht einmal mehr bis zum Waschbecken. Er reiherte über den Couchbezug, über die spiegelglatte Oberfläche des Zwergentisches, über seine Jogginghose.

— Ha Ha Ha Ha!

Der Orgelbaumeister schlug sich aufs Knie.

Endlich war Walter beim Waschbecken, er beugte sich darüber und ließ sich von einem heftigen Brechreiz durchschütteln. Er hasste es, sich zu übergeben. Sein Magen kam so leicht aus dem Gleichgewicht.

— Arschlo-h, brachte er mit sauer-verklebten Lippen hervor.

Dann musste er sich wieder übergeben. Im Waschbecken sammelte sich eine rötlich-orange Flüssigkeit, die einen beißenden Gestank verbreitete.

— Kein Benehmen, kein Benehmen.

Walter wartete, ob noch etwas kam. Okay. Nein. Doch.

— Erbrechen reinigt, plapperte Lengel unterdessen weiter. So wie Weinen. Und das Ablassen von entzündeter Körperflüssigkeit durch einen kleinen Schnitt in die Armbeuge. Alles dasselbe.

Walter atmete durch den Mund. Das war’s, dachte er. War’s das? Ja. Es kam nichts mehr. Ein langer Speichelfaden seilte sich von seiner Unterlippe ab, er wischte ihn weg. Er drehte sich um und betrachtete das Chaos, das er angerichtet hatte. Alles war ruiniert, die schöne Couch, der Teppich, seine Hose. Der alberne Zwergentisch würde es überleben, er hatte nicht allzu viel abbekommen. Walter nahm eine Rolle Küchenpapier und machte sich an die Arbeit, obwohl ihm immer noch schwindlig war. Im Bad fand er einen Putzlappen, der in einer sonderbaren Form erstarrt war und auf die erlösende Berührung mit Wasser wartete. Walter wischte über den Stoffbezug der Couch, aber er hatte vergessen, den Putzlappen auszuwringen. Er versuchte aufzustehen, verlor das Gleichgewicht und musste sich mit dem Knie auf dem Sofa abstützen.

— Scheiße! Scheiße! Scheiße!

Sein linkes Hosenbein triefte.

Er legte den Putzfetzen weg. Jeremias Lengel gähnte unterdessen laut. Er sperrte dabei sein Maul derart weit auf, dass es so aussah, als wollte er seine eigene Hand fressen.

— Scheißkomponist, fluchte Walter. Alles dieselben … Colin …

— Wer?

— Niemand. Ein Freund, sagte Walter trotzig.

— Maskulin. Mehrzahl auf — e, erwiderte Jeremias Lengel.

Er knisterte mit dem Notenpapier, das auf seinem Schoß lag. Er hob es sich vor die Nase, runzelte die Stirn, als würde er lesen, aber anscheinend konnte er darauf nichts Sinnvolles erkennen und legte den Zettel wieder weg. Er rülpste leise.

— Keine gute Luft hier, sagte er.

— Die ganze Couch, jammerte Walter vor sich hin, die ganze verdammte, beschissene Couch.

Auch das Küchenpapier verwischte alles nur noch mehr und verteilte die Kotze, anstatt sie wegzuzaubern oder — egal was, Hauptsache, dieser Albtraum hörte endlich auf. Herrgott, es war so erbärmlich!

— Verdammte, verfluchte, verfickte Couch. Jetzt werd endlich sauber!

Er wischte und wischte. Der Gestank brachte ihn fast um.

— Durch Erbrechen wird in der Regel alles nur noch schlimmer, dozierte der Orgelbaumeister.

— Durch Reden auch, murmelte Walter.

— Das ist im Grunde dasselbe. Verhält sich zueinander wie Dur und Moll.

Der Orgelbaumeister gab ein papageienhaftes Gekicher von sich. Dann blieb ihm plötzlich die Luft weg, und er musste sich auf die Leinwandbrust klopfen, damit er wieder atmen konnte. Er wollte sich noch einmal mit der Hand durchs Haar fahren, aber auch jetzt blieb die Hand mitten in der Bewegung stehen und sank enttäuscht herab. Es war klar, dass er seine frühere Haarpracht sehr vermisste.

— Du hast nicht die geringste Ahnung von Kontrapunktik, oder?, fragte er mit boshaftem Mitleid.

— Schnauze, sagte Walter.

— Warum wischst du ständig über dieselbe Stelle auf der Couch, wenn da unten auf dem Teppich die größte Sauerei wartet?

Walter erhob sich. Er tat so, als wiege er den vollgesogenen, stinkenden Schwamm in seiner Hand, ja, der war ziemlich schwer und sah auch sehr interessant aus, ziemlich interessant — dann drehte er sich blitzschnell um und warf ihn auf das Porträt. Der nasse Schwamm zog einen Kometenschweif aus Wassertropfen hinter sich her. Er klatschte ungefähr einen Meter neben dem Bild an die Wand.

Meister Lengel bog sich vor Lachen, und die Adern auf seiner Stirn traten genüsslich hervor. Das Notenblatt war zwischen seinen Knien durchgerutscht.

— Jetzt ist aber genug, sagte Walter und ging mit schnellen Schritten um die Couch herum.

Er wollte das Bild, so wertvoll es sein mochte, von der Wand reißen. Er ertrug diesen lächerlichen, anklagenden Blick nicht mehr. Aber als er beim Bild angekommen war, war der Orgelbaumeister in seinen früheren Zustand zurückgekehrt. Sein Gesicht war wieder die alte, fragende Maske vergangener Epochen, und die gottesfürchtige Lichtreflexion auf seiner Glatze war unbeweglich wie ein Mondkrater. In seiner Hand hielt er das Notenpapier mit der unlesbaren Pseudomelodie. Der unbekannte Porträtmaler war mit Sicherheit ein musikalischer Analphabet gewesen. Das geschah dem alten Kerl ganz recht, dachte Walter.

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