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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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— Wie auch immer, sagte Werner, die Blumentöpfe sind einfach zu schwer. Da kannst du sagen, was du willst.

— Sag ich ja, sagte Max.

Sein Zippo schnappte heiser auf und zu.

— Einfach zu schwer, weil … ich meine, wer braucht so schwere Blumentöpfe? Ein paar leichtere würden doch denselben Zweck erfüllen. Viele kleine sind vielleicht teurer als ein großer, ja, aber du bräuchtest dann wenigstens nicht immer zwei starke Männer und einen kniezittrigen Zivildiener, um das verdammte Zimmergemüse von A nach B zu transportieren.

— Alles Verrückte da oben, bestätigte Max.

— Stimmt, sagte Werner. Auch grausam gegenüber den armen Zivis. Die schauen immer dermaßen ungesund aus. So bleich …

— Grausam! schaltete ich mich ein, dankbar für das Stichwort. Grausam ist das noch nicht! Ich hab eine grausame Geschichte, da kannst du sehen, was grausam ist.

Ernste Gesichter, Zigaretten, Nicken. Die Männer waren auf eine langweilige Abenteuergeschichte gefasst, wie man sie in Mittags- und Zigarettenpausen oft zu hören bekommt. Vielleicht würde ihnen dieser sonst eher schweigsame Aushilfspfleger jetzt von seinen Problemen mit einer Frau oder einem kaputten Auto erzählen.

— Ihr kennt doch, sagte ich, die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, oder? Da geht es um einen König, der beschließt, alle Frauen des Landes zu sich einzuladen, sie zu vögeln und anschließend zu köpfen.

Max schmunzelte. Sein Feuerzeug schnalzte mit der Zunge.

— Und dann kommt eines Tages diese Frau namens Scheherazade zu ihm –

— Den Namen hab ich schon mal gehört, sagte Werner.

— Scheherazade, fuhr ich fort, und die hat eine grandiose Idee, um ihr Leben zu retten. Sie erzählt dem König vorm Schlafengehen Geschichten und hört immer genau dann auf, wenn die Geschichte am spannendsten ist. Und der König, der ein großes Kind ist und deshalb Gutenachtgeschichten sehr ernst nimmt, hat keine andere Wahl, als bis zum nächsten Abend zu warten, damit sie ihm das Ende verrät. So rettet sie tausend Tage lang ihr Leben. Und am Ende gebiert sie dem König sogar drei Kinder.

— Recht so, sagte Werner.

Sein Schnurrbart schien sich über die Geschichte zu freuen, er zitterte ein wenig. Max schmunzelte immer noch. Er tippte seine Zigarette an, aber die Asche blieb, wo sie war.

— Warte, sagte ich, die Geschichte geht ja noch weiter. In einer bestimmten Nacht, irgendwann in der Mitte, beschließt Scheherazade, den grausamen und unberechenbaren König, der so an ihren Lippen hängt, ein wenig zu quälen. Denn sie ist schließlich eine Frau und Frauen sind von Natur aus grausam.

— Ts! machte Otto.

Er schnippte seine Zigarette auf den Boden.

— Sie beginnt also wie jeden Abend ihre Geschichte, nachdem sie die alte vom Abend zuvor beendet hat, und erzählt dem König ungefähr Folgendes: Es gab einmal einen König, der hatte beschlossen, alle Frauen seines Landes zu sich einzuladen, sie zu vögeln und anschließend zu köpfen und so weiter. Das Gesicht des Königs verändert sich, er wird ganz bleich und seine Lippen zittern. Scheherazade erzählt ihm seine eigene Geschichte, bis zu dem Augenblick, da sie in sein Leben tritt. Sie beschreibt auch sich selbst, wie sie neben ihm Platz nimmt, erzählt ihm von der List, mit der sie gedenkt, ihr Leben zu retten, und erzählt ihm auch, wie sie die erste Geschichte zu erzählen beginnt, und alles wiederholt sich, Wort für Wort. Der König erstarrt. Er begreift, dass er in einem Zeitloch gefangen ist, in einer jener endlosen Spiegelungen, in der man einen Bildschirm sieht, auf dem ein Bildschirm zu sehen ist, der wiederum diesen Bildschirm zeigt, und ewig so weiter. Geniale Idee, oder?

— Ja, sagte Otto begriffsstutzig.

— Das war Grausamkeit Nummer eins, fuhr ich fort, denn natürlich dauert auch diese Nacht nur acht Stunden, Zeitschleife hin oder her, irgendwann wird es draußen hell und die Geschichte ist vorbei. Am nächsten Morgen geht das Leben im Palast weiter, und am Abend erzählt Scheherazade wieder Geschichten, vor allem religiöse Gleichnisse und Abenteuergeschichten, alles harmloses Zeug, denn sie hat ihren Spaß gehabt: Sie hat dem König gezeigt, dass man sich besser nicht mit einer Geschichtenerzählerin anlegt. Der König, eingeschüchtert, verschont ihr Leben auch weiterhin. Er hört sich alle ihre Geschichten an und freut sich daran und schläft hinterher mit ihr. Sie wird fast so etwas wie seine Lieblingsfrau. So gehen die tausend Nächte zu Ende, und in der letzten Nacht bittet Scheherazade, die von ihrer ständigen Todesangst bereits völlig ausgezehrt ist, den König, ihr Leben zu verschonen und sie als Mutter seiner drei Kinder — man muss sich das vorstellen: Sie ist sogar zu schwach, das kleinste der Kinder als Argument in die Höhe zu halten — im Palast zu behalten. Der König lächelt nur, auf diesen Augenblick hat er gewartet. Nie konnte er vergessen, was sie ihm in der einen, der sechshundertundzweiten Nacht, angetan hatte. Er lässt sie wissen, dass er gar nicht mehr vorhat, sie zu töten. Ich, sagt er, habe dich längst verschont. Scheherazade erbleicht nun ihrerseits, sie fällt auf einen Stuhl nieder und alles dreht sich. Er habe ihr Leben längst verschont, hat er gesagt. Sie hat also mindestens dreihundert Tage in falscher Todesangst Geschichte um Geschichte aufeinander gestapelt. Er hat sie nur weitererzählen lassen, weil ihm ihre Geschichten gefielen! Er hat sie im Glauben gelassen, sie könnte immer noch jeden Augenblick sterben, wenn die Erzählung nicht spannend genug ist oder sonst irgendeine Unstimmigkeit aufweist. Das ist grausam!

Ich stampfte mit dem Fuß auf. Es war eine alberne Geste und kostete mich einige Überwindung. Die drei Pfleger schauten mich erstaunt an.

— Wie bist du denn heute drauf? fragte Max lachend.

— Also, sagte ich, ich geh dann jetzt.

— Wie, jetzt?

— Ja. Ich arbeite hier nicht mehr. Und bevor ich’s vergesse: Bring sie nicht um, ja? Das ist es doch nicht wert.

Max hörte auf zu schmunzeln.

— Was?

— Im Nachtdienst, sagte ich. Natürlich, ich weiß, das geht mich nichts an und es ist ja auch total witzig und alles … aber umbringen, mein Gott, das muss doch nicht sein, finde ich.

— Was redest du da für einen Scheiß? Wen soll ich denn umbringen?

— Eben niemanden, sagte ich. Ich finde, das gehört sich einfach nicht. Ich meine … Scheiße fressen lassen, okay, das ist witzig, aber jemanden im Nachtdienst einfach umbringen, bloß weil er … oder sie …

— Du bist nicht ganz bei dir, kann das sein?

Max’ Blick hatte endlich die Intensität erreicht, die ich brauchte. Die anderen schauten zu Boden, wo sich ausgetretene Zigaretten krümmten. Ich machte einen mutigen Schritt nach vor und trat Max gegen das Schienbein.

Der Countdown begann.

— Oder, was weiß ich, begann ich, während meine Zeit ablief, oder von oben auf sie draufpinkeln und hinterher behaupten, sie hätten es getan, das geht noch, ja, da sagt niemand was … aber ihnen die Kehle durchschneiden, wenn sie schlafen, und dann noch dazu mit deinem Autoschlüssel, nur damit du dir das blutverschmierte Ding hinterher in den Arsch stecken kannst, also das –

Reise zum Mond

— Keine rechte Moral, sagte die volltönende, registerreiche Stimme.

Die Splitter des Eiswürfels lagen auf dem Boden. Walter hatte sich hingesetzt. Joseph Jeremias Lengel, der Orgelbaumeister, brachte sich in seinem Gemälde in eine etwas bequemere Sitzposition, legte das ihm in die Hand gemalte Notenpapier auf seinen Schoß, dann fuhr er sich gedankenvoll mit der Hand durchs Haar. Aber da er kein Haar mehr besaß, nicht auf seinem Haupt, hielt er mitten in der Bewegung inne, betrachtete verwirrt seine Hand und ließ sie langsam sinken.

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