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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Sie verfügen also nicht über solche Summe?« fragte die Herzogin geringschätzig. – »In meiner Kasse wird wohl noch einiges mehr liegen,« antwortete Ferrand stolz. – »Nun, warum dann soviel Reden? Ich stelle Ihnen meine Unterschrift zur Verfügung. Aber, bitte, erledigen Sie alles aufs schnellste.« – »Nun, haben Sie Legitimation bei sich?« fragte Ferrand. – »Ich werde in meinem Palais unterzeichnen. Kommen Sie in einer Stunde hin!« – »Wird auch der Herzog seine Unterschrift geben?« fragte Ferrand; »Ihre Unterschrift hat für mich allein so gut wie keinen Wert.« –

Die Herzogin wußte im Augenblick nicht, woher sie das Geld nehmen sollte; tags vorher hatte ihr der Juwelier Geld auf ihre Geschmeide vorgestreckt, und verschieden Stücke davon befanden sich bei dem Steinschneider Morel in Arbeit. Mit diesem Gelde hatte Saint-Remy die dringendsten Wechselschulden bezahlt. Vom Pächter ihres Gutes Arnouville hatte sie auch bereits den Pachtschilling auf ein ganzes Jahr voraus erhalten. Sie hielt den Vicomte des Verbrechens der Wechselfälschung nicht für fähig, sondern nur für das Opfer einer Intrige. Nichtsdestoweniger war die Situation, in die er durch seinen Leichtsinn geraten war, eine der schrecklichsten für einen Herrn von Adel, die sich denken ließ. Sie zitterte für den so gewissenlosen und doch so schönen Mann, weil sie ihn liebte mit jener Leidenschaft, von der Frauen in den dreißiger Jahren, also am Ausgange des liebenswerten Alters, so oft befallen werden, wenn sie sich von einem schönen Manne umschwärmt sehen. Lange war sie außerstande, dem Notar ein Wort zu sagen, das sich wie eine Bitte anhörte; sie erkannte aber die Nutzlosigkeit jedes anderen Versuchs, denn Saint-Remys Schicksal lag in den Händen dieses Mannes, und so bequemte sie sich endlich, ihn zu fragen, aus welchem Grunde er, da ihm die in Aussicht gestellte Bürgschaft doch genüge, ihr die erbetene Summe nicht aushändigen wolle ... Ferrand erwiderte kurz: »Weil Männer nun einmal ihre Launen ebenso haben wie Weiber.« – »Und welche Laune beherrscht Sie? Warum handeln Sie wider Ihr Interesse? Ich wiederhole, daß ich auf alle Bedingungen eingehe, die Sie mir stellen.« – »Wirklich, meine Gnädige?« fragte Ferrand, indem er sie mit einem eigentümlichen Blicke von Kopf bis zu Füßen ansah. – Glücklicherweise verdeckte das grüne Glas seiner Brille die unreine Flamme, die aus seinen Augen sprühte; aber daß sein Atem schwer ging, daß seine Stirn sich mit tiefem Rot färbte, das konnte er nicht verstecken; er stand rasch auf und trat auf die Herzogin zu, die sich ebenfalls erhob und ihn erstaunt, fast bestürzt betrachtete ...

»Also alle Bedingungen werden Sie erfüllen, die ich stelle?« fragte er noch einmal, aber mit zitternder Stimme, und trat zu der Herzogin noch dichter heran ... »Nun, denn, unter einer, aber keiner anderen Bedingung steht die Summe zu Ihrer Verfügung, und ich gebe Ihnen das heilige Versprechen, daß ...«

Aber es war ihm nicht vergönnt, den begonnenen Satz zu vollenden, denn infolge eines jener wunderlichen Widersprüche in der menschlichen Natur brach die Herzogin plötzlich in ein maßloses Gelächter aus, hatte sie doch in den erregten Zügen dieses gemeinen und häßlichen Gesichts gelesen, was das Gemüt dieses Mannes beherrschte ... Sie lachte so laut und so höhnisch, daß Ferrand unwillkürlich zurückprallte. Ohne ihm Zeit zu einem weiteren Worte zu lassen, schlug die Herzogin den Schleier wieder vor das Gesicht und verließ, noch immer lachend, das Privatzimmer des Notars, der seine Unklugheit sogleich heftig bereute, sich aber bald mit dem Gedanken beruhigte, daß die Herzogin, wenn sie sich nicht schwer kompromittieren wollte, über die Begegnung mit ihm reinen Mund halten müsse. Immerhin ging ihm das Lachen der stolzen Frau schwer zu Herzen, und von finsteren Gedanken erfüllt, saß er auf seinem Sessel, als die Tür abermals aufging und seine Haushälterin hereinstürmte ...

»Jesus, Ferrand!« rief sie, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, »Sie haben doch recht gehabt, eines Tages zu sagen, daß wir noch einmal allesamt in schweren Verdruß kommen würden durch den Wechselbalg von Mädchen, dem wir das Leben gelassen.« – »Was bringst du mir noch für Hiobsposten?« rief der Notar, die Wirtschafterin mit giftigen Blicken messend, »es ist nun für einen Tag mehr als genug schon.« – »Ein einäugiges Weib, das behauptet, das Kind vor etwa elf Jahren von einem gewissen Tournemine –«

»Aber Tournemine ist ja auf den Galeeren,« rief Ferrand. – »Das Weib war ja doch eben unten und hat mir ins Gesicht gesagt, ich hätte ihr das Kind gebracht.« – »Ha! Wer hat ihr das weismachen können?« – »Ferrand, ich habe alles geleugnet und dem Weibe gesagt, sie sei eine elende Lügnerin; sie bleibt aber dabei, das Mädchen wiedergefunden zu haben und zu wissen, wo es sich aufhalte, und wenn ihr nicht der Mund gestopft würde, so wollte sie auf die Polizei gehen und alles an die große Glocke hängen.« – »Himmel! Ist denn heute die Hölle gegen mich losgelassen?« rief Ferrand mit einem vor Wut verzerrten Gesicht. Bei sich aber dachte er: »Und dieses Mädchen ist das Kind der Gräfin Mac Gregor! dieser Frau, die eben hier war und mir Geld über Geld bot für die Bescheinigung, daß ihr Kind nicht gestorben sei! Ha! Ich könnte es ihr also wiedergeben ... aber – der gefälschte Totenschein? Falls eine Untersuchung eingeleitet würde, wäre ich unbedingt verloren, und wie leicht könnte das eine Verbrechen auf die Spur anderer führen?« – Nach einer Pause fragte er die Haushälterin: »So weiß die Einäugige, wo das Mädchen steckt?« – »Sie sagt es.« – »Und sie will wiederkommen?« – »Morgen.« – »Dann schreibe Polidori, daß er mich heute abend nach 9 Uhr besuchen möge.« – »Sie wollen doch nicht etwa das Mädchen und die Einäugige mitsammen aus der Welt schaffen lassen? Es wäre ein bißchen viel auf einmal,« sagte Frau Seraphim, den Kopf bedenklich schüttelnd. – »Schreib an Polidori, sage ich dir, daß ich ihn heute abend nach neun erwarte.«

Am Ausgange dieses Tages sagte Rudolf zu Murph, der den Notar nicht hatte sprechen können: »Graun soll auf der Stelle einen Expressen absenden lassen. Cecily muß in längstens sechs Tagen in Paris sein.« – »Wozu soll dieses Satansweib, des armen David Frau, hierher, Hoheit?« fragte Murph. – »Richte die Frage binnen heut und vier Wochen an den Notar Ferrand!«

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